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Umstrittene Ruderin: Der rätselhafte Fall Drygalla

Mit einem Interview versucht Nadja Drygalla den Befreiungsschlag, überstanden ist die Sache aber nicht. Nun meldet sich ihr Freund zu Wort. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Fall Drygalla.

N. Kruse und C. Sauer

Der Fall Drygalla

Der Fall Nadja Drygalla will einfach nicht enden. Was wird ihr eigentlich vorgeworfen? Was wussten die Funktionäre? Und wie sieht ihre sportliche Zukunft aus?

Lesen auf den folgenden Seiten die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was wird Nadja Drygalla vorgeworfen?

Nachdem bekannt wurde, dass die Rostockerin mit einem ehemaligen NPD-Landtagskandidaten Michael Fischer liiert ist, wurde gemutmaßt, Drygalla müsse zumindest mit der rechten Szene sympathisieren. Ein ernst zu nehmender Beleg für die Vermutung oder auch nur ein handfestes Indiz existieren bis heute nicht. Der Verfassungsschutz hat keine Kenntnisse für rechtsextreme Umtriebe. Der Deutsche Olympische Sportbund und ihre sportlichen Mitstreiter warnten von Anfang an vor Sippenhaft und schenkten Drygalla Glauben, sie teile nicht die Ideologie ihres Freundes. Im Internet soll mindestens ein Foto existieren, dass sie angeblich bei einer rechten Kundgebung zeigen soll. Auch hierfür gibt es keinen Beleg, der sie klar als die Frau auf dem Foto identifiziert. In einer als rechtsradikal eingestuften und nicht öffentlich zugänglichen Facebook-Gruppe soll es ebenfalls Bilder geben, die sie im Nazi-Umfeld zeigen.

Im Raum steht der Verdacht, die Aussage, ihr Freund habe sich von der NPD distanziert, sei eine Schutzbehauptung, um die Karriere zu retten. Die NPD bestätigt den Austritt aus der Partei.

2008 begann die junge Frau eine Ausbildung als Polizistin und gehörte auch der Polizei-Sportfördergruppe an. Im März 2011 tauchten im Forum einer Antifaschistischen Gruppe erst Hinweise auf, die auf eine Beziehung zwischen Fischer und der damaligen Polizistin Drygalla aufmerksam machten. Nachdem die Verbindung bekannt wurde, brach sie ihre Polizistinnen-Dienstlehre ab.

Was sagt Drygalla zu den Vorwürfen?

Um das olympische Ruderteam nicht zu belasten und zu erwartende Diskussionen erst gar nicht aufkommen zu lassen, entschied sie sich nach eigenen Angaben Anfang August, London zu verlassen. Die Ruderin hatte nach ihrer Abreise zunächst geschwiegen. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur DPA stellte sie sich später der Öffentlichkeit. Sie wies die Vorwürfe entschieden zurück, auf einer Nazi-Demo mitgelaufen zu sein und mit den Rechten zu sympathisieren. "Das bin ich nicht, das kann ich ganz klar sagen. Ich empfinde das als unfair und ungerechtfertigt." Über Michael Fischer sagte sie, wegen seiner politischen Orientierung habe sie zeitweise an eine Trennung gedacht. Verbindungen in die rechte Szene bestreitet sie: "Ich lehne das absolut ab."

Wer ist Michael Fischer?

Der Freund der Ruderin ist 24 Jahre alt, Student aus Rostock. Fischer war vor einigen Jahren in die NPD eingetreten und galt in Mecklenburg-Vorpommern als einer der führenden Köpfe der Neonazi-Kameradschaft "Nationale Sozialisten Rostock". 2011 war er als Direktkandidat für die NPD bei der Landtagswahl angetreten, erreichte 3,9 Prozent. Fischer soll von Kennern der Szene immer wieder bei rechten Kundgebungen beobachtet worden sein. Laut Drygalla soll er im Mai aus der Partei ausgetreten sein, was die NPD bestätigt. Ihr Freund habe mit "dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet", sagt die Sportlerin. Laut Recherchen des NDR bestehen aber Zweifel daran, dass er tatsächlich mit dem rechtsextremen Umfeld gebrochen habe, wie Drygalla behauptet. Das seine Freundin Polizistin werden wollte, soll bei den "Nationalen Sozialisten Rostock“ für Unmut gesorgt haben. Unter anderem, weil sie für das "Polizei Journal" Mecklenburg-Vorpommern mit Innenminister Lorenz Caffier (CDU) auf der Titelseite posiert habe. Auf einem NPD-nahen Internetportal, für das Fischer Texte verfasse, werde Caffier als "Kaffern-Lori" bezeichnet und der "Gesinnungsschnüffelei" bezichtigt.

Was sagt er selbst zu dem Fall?

Der Auslöser der ganzen Angelegenheit hat sich nun erstmals persönlich zu Wort gemeldet. Der Nachrichtenagentur DPA sagte er, dass er der rechten Szene den Rücken gekehrt haben will: "Meinen Austritt aus der Partei (NPD, d. Red.) habe ich im Mai erklärt. Es war im Grunde ein schleichender Prozess, so wie ich da reingekommen bin", so Fischer. Auf die Frage, ob er noch Kontakt in die rechte Szene habe, antwortete der Ex-Ruderer: "Wenn ich sie sehe, sage ich: Hallo, wie geht's. Das war's." Nach seinen Angaben, hat er nie eine bedeutende Rolle bei den "Nationalen Sozialisten Rostock" (NSR) gespielt. Die NSR sei nur ein Name gewesen, der Internetseiten oder Flugblätter verwendet wurde, dabei habe es sich lediglich um einen losen Verbund gehandelt. Fischer gesteht auch ein, dass seine Aktivitäten der Beziehung zu Nadja Drygalla nicht gut getan habe. Ausgestiegen sei Fischer, weil er Auswirkungen auf seine berufliche Zukunft und die Konsequenzen für seine Partnerin befürchtet habe.

Ist die Angelegenheit für Drygalla beendet?

Vermutlich nicht, denn die politische Diskussion hat gerade erst begonnen. Zudem ist unklar, was von den Aussagen Drygallas Bestand haben wird, nach denen Fischer der rechten Szene den Rücken gekehrt habe. Laut NDR wäre Beobachtern ein Ausstieg eines solch prominenten Aktivsten aufgefallen, zudem sollen ihn Gesinnungsgenossen weiterhin als einer der ihren betrachten, was untypisch für Aussteiger wäre. Weiteres Indiz: "Fischers Seite NSRostock.de, die aktuelle Seite der Rostocker Kameradschaft sowie eine NPD-Seite sind unter der gleichen IP-Adresse zu finden", so der Norddeutsche Rundfunk weiter. Darüber hinaus sind sich auch die Sportverbände uneins darüber, wie in der Affäre weiter agiert werden soll.

Wie sehen die sportlichen Konsequenzen für Drygalla aus?

Die 23-jährige Rostockerin rudert seit mehr als sechs Jahren auf internationalem Niveau. Ihr bislang größter Erfolg war ein zweiter Platz bei den Juniorenweltmeisterschaften 2007. Sie wurde 2011 zweimal nationale Meisterin. Auf materielle Unterstützung musste die Rostockerin durch die Polizei-Fördergruppe mit Abbruch ihrer Ausbildung verzichten. Aktuell liegt ein Antrag auf die Sportfördergruppe der Bundeswehr vor, über den allerdings noch nicht entschieden sei. "Natürlich möchte ich mit dem Sport weitermachen", sagt Drygalla. Ab September will sie wieder trainieren.

Was sagt Olympia-Funktionär Michael Vesper?

Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) beteuert, bis zum Donnerstag vergangener Woche nichts von Drygallas Umfeld gewusst zu haben. Zwei Tage nach dem Gespräch mit ihr, begründet er diese Informationslücke mit der üblichen Nominierungsprozedur: " Wir stellen unsere Olympiamannschaft aufgrund von Vorschlägen, die die jeweiligen Sportfachverbände, also in diesem Fall der Deutsche Ruderbund, uns machen. Und dann wird vom Präsidium nominiert aufgrund dieser Vorschläge. Frau Drygalla ist vorgeschlagen worden. Wir haben sie nominiert." Die Ruderin habe ihn davon überzeugt, "fest auf dem Boden des Grundgesetztes und der olympischen Werte" zu stehen. Er selbst zweifle nicht an ihrer politischen Gesinnung. Der DOSB wisse aber, "dass Rechtsradikale in vielen Vereinen versuchen, auf Posten zu kommen."

Wusste der DOSB wirklich nichts?

Dagmar Freitag, Chefin im Bundestag-Sportausschuss, bezweifelt, dass der Deutsche Olympische Sportbund unwissend war: "Für mich ist völlig unvorstellbar, dass eine Spitzenathletin aus einer Sportfördergruppe ausscheidet und absolut niemand im organisierten Sport will etwas davon gewusst haben." Vesper dagegen spricht von einer Kommunikationspanne. Drygalla sagte, sie habe schon lange zuvor Sportfunktionären erklärt, nie zur rechten Szene gehört zu haben. Stimmt ihre Aussage, dann wäre das Thema zumindest einigen Sportfunktionären bekannt gewesen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge wusste der DOSB tatsächlich nichts von Drygallas Beziehung zu Fischer. Dennoch bleibt die Frage, warum die nationale Spitze nicht informiert wurde, wenn doch der Fall auf Landesebene bekannt war.

Warum hat der Landessportbund den DOSB nicht informiert?

Seit Frühjahr 2011 war dem Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns Drygallas "problematisches Umfeld" bekannt. Das gilt als ausschlaggebend für ihren Rückzug aus dem Polizeidienst. Das Innenministerium wusste somit seit mehr als einem Jahr über die Beziehung Bescheid - ebenso wie der Landessportbund (LSB), was Präsident Manfred Remer bestätigte. Ebenfalls informiert war Drygallas Heimatklub ORC Rostock. Der mecklenburgische LSB-Präsident Remer hatte erklärt, man dürfe Drygalla nicht wegen ihrer Privatbeziehungen vorverurteilen und den Fall nicht so hoch hängen. Vesper: "Eine Information über das, was offenbar in Gesprächen mit dem Mecklenburg-Vorpommerschen Innenministerium besprochen worden ist, wäre sicherlich hilfreich gewesen. Dann hätte man sich im Vorfeld mit dem ganzen Thema beschäftigen können."

Was weiß Landesruderchef Hans Sennewald?

Hans Sennewald ist eine interessante Personalie in diesem Fall, doch der Sportfunktionär aus Nordostdeutschland schweigt. Er ist nicht nur Chef des Ruderlandesverbandes Mecklenburg-Vorpommern und des Rostocker Olympia-Stützpunktes, sondern auch Vater von Ulrike Sennewald. Die wiederum rudert seit vielen Jahren gemeinsam mit Nadja Drygalla. Hans Sennewald sagte der Nachrichtenagentur DPA in seiner einzigen Stellungnahme zu diesem Thema, dass Drygallas Landesverband von ihrer Beziehung zum mutmaßlich rechtsextremen Freund Fischer wusste, dies jedoch nicht offiziell dem Deutschen Ruderverband (DRV) mitgeteilt habe. "Es hat aber Gespräche am Rande gegeben. Wenn der DRV jetzt von dem Thema überrascht worden ist, kann ich das nicht kommentieren." Für weitere Anfragen war und ist Sennewald unerreichbar, dabei könnte er doch zur Aufklärung beitragen.

Was sagen die Teamkameraden von Drygalla?

In Athletenkreisen wurde offenbar über die Sportlerin gesprochen. Ihre Ruderkollegin Carina Bär sagte der "Bild"-Zeitung: "Für uns war es nichts Neues. Wir haben öfter im Team darüber diskutiert." Martin Sauer, Steuermann des Deutschland-Achters, hingegen wollte das Thema nicht zu hoch hängen und nahm Drygalla in Schutz: "Man kennt die Sportlerin, sie hat nie irgendetwas fallen lassen oder angedeutet, dass sie in der Richtung etwas damit zu tun hat. Man darf nicht vergessen, dass es nicht um sie selber geht, sondern um jemanden aus ihrem Umfeld. Ich würde es auch nicht für richtig halten, wenn der Verband in jedem Privatleben erst mal rumkramt und daran dann festmacht, wen er in die Nationalmannschaft aufnimmt und wen nicht."

Gibt es ein Kommunikationsproblem im Spitzensport?

Offenkundig ja. Der DOSB hätte von Drygallas Umfeld wissen müssen, wie die Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag sagte. "Es scheint zwar so zu sein, dass der DOSB tatsächlich nichts gewusst hat, aber dann stellen sich natürlich ganz ernsthafte Fragen nach den Kommunikationsstrukturen im deutschen Spitzensportsystem", sagte sie dem ZDF.

Wie gläsern müssen Sportler sein?

Kern der Diskussion ist auch die Frage, wie offenbarungspflichtig Sportler überhaupt sein müssen- Christa Thiel, DOSB-Vizepräsidentin mit Schwerpunkt Recht, sprach sich gegen eine "Inspektion des privaten Umfeldes" der Athleten aus: "Wir brauchen keine Agentenmethoden", sagte die Juristin der "Sport Bild". Ähnlich Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU): "Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, um zu gucken, was da los ist?"