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Umstrittene Ruderin Drygallas Freund rudert als Nazi zurück


Der Freund von Olympia-Ruderin Nadja Drygalla bricht sein Schweigen und erklärt öffentlich den Ausstieg aus der Nazi-Szene. Zweifel bleiben. Der Deutsche Olympische Sportbund will die Affäre abhaken.

Auch an Tag fünf will einfach keine Ruhe im Fall der Ruderin Nadja Drygalla einkehren. Mittlerweile hat sich die 23-jährige Rostockerin einen Anwalt genommen. Warum genau - darüber wurde bislang nichts bekannt. Dafür spricht nun der Auslöser der Affäre, Drygallas Freund Michael Fischer. Der Nachrichtenagentur DPA sagte der 24-Jährige: Vor den Olympischen Spielen sei er "den Schritt gegangen, mit der Sache abzuschließen, dass ich Neonazi bin. Ich bin aus der Partei (NPD, d. Red.) ausgetreten und hatte auch so keinen großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten". Er und seine Freundin seien davon ausgegangen, dass die Sache nach seinem NPD-Austritt ausgestanden sei. "Das war ein bisschen naiv, wenn man das selber vorher nicht öffentlich macht."

Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, erklärte den Fall für vorläufig erledigt. "Für uns ist die Angelegenheit Drygalla bis zum Ende der Olympischen Spiele abgeschlossen", sagte er in London der Nachrichtenagentur dpa. Nach den Spielen solle die Causa intern geklärt werden. Bedarf für eine noch strengere Prüfung des Athletenumfeldes sehe er nicht. "Wir wollen keinen sportinternen Geheimdienst und keine Gesinnungsprüfung."

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) rief die Öffentlichkeit - insbesondere die Medien - zu mehr Zurückhaltung und Behutsamkeit auf. "Wir sind hier nicht in einem Ermittlungsverfahren", sagte er und fragte: "Wo sind eigentlich Grenzen? Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?" Es müsse geklärt werden, wo die Grenze liege, ab der Athleten über ihr privates Umfeld informieren müssten. "Ich glaube, die ist hier schon überschritten worden." Vesper äußerte sich ebenso in diese Richtung.

Möglicher Drygalla-Antrag soll in Ruhe geprüft werden

De Maizière begrüßte die Aussagen Drygallas, mit denen sie sich vom rechtsextremen Gedankengut distanziert hatte. "Ich war von der Erklärung, die sie abgegeben hat, beeindruckt", sagte der Christdemokrat. Die Äußerungen seien "klar und unmissverständlich" in einer "menschlich eindrucksvollen Weise" vorgetragen worden. De Maizière wollte keine Aussage treffen, ob Drygalla in der Sportförderung der Bundeswehr aufgenommen werden könne. Er teile die Meinung der Ruderin, "dass erst einmal Ruhe in die Sache kommt", meinte der Minister. "Dann kann man im Herbst weitersehen."

Aktuell liegt kein Antrag vor. Ein Sprecher des Ministers sagte, ursprünglich habe es ein Gesuch der Ruderin gegeben, dieses sei aber vom DOSB zurückgezogen worden. Die Plätze in der Sportförderung würden auf Empfehlung der Fachsportverbände besetzt. Welche Rolle der in der Causa Drygalla spielte, ist unklar. Hans Sennewald, Chef des Ruderlandesverbandes Mecklenburg-Vorpommern und des Rostocker Olympia-Stützpunktes, wo Drygalla trainiert, hatte laut Nachrichtenagentur DPA in seiner bisher einzigen Stellungnahme zu der Angelegenheit gesagt, Drygallas Landesverband habe von ihrer Beziehung zum mutmaßlich rechtsextremen Freund Fischer gewusst, dies jedoch nicht offiziell dem Deutschen Ruderverband (DRV) mitgeteilt. Der DOSB hatte erklärt, dass er keine Mitteilungen über die Beziehung der Athletin zu Fischer, ehemals Direktkandidat der rechtsextremen NPD in Mecklenburg-Vorpommern, erhalten habe.

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, erklärte, es scheine zwar so zu sein, dass Vespers Dachverband tatsächlich nichts gewusst habe. "Aber dann stellen sich natürlich ganz ernsthafte Fragen nach den Kommunikationsstrukturen im deutschen Spitzensportsystem." Freitag kündigte an, das Thema bei der Nachbetrachtung der Spiele auf der Sitzung Ende September mit auf die Tagesordnung nehmen zu wollen. Bei der Kabinettssitzung der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern will Innen- und Sportminister Lorenz Caffier (CDU) an diesem Dienstag einen Bericht abgeben. "Es ist auf jeden Fall klar, dass andere etwas gewusst haben müssen", sagte Freitag.

"Ich habe insbesondere Nadja nie einen Gefallen getan"

Drugallas Freund bereut offenbar, dass er mit der politischen Arbeit am rechtsextremen Rand der Karriere seiner Freundin geschadet habe. "Ich habe insbesondere Nadja nie einen Gefallen getan. Insofern wäre es besser gewesen, wenn ich es nie gemacht hätte", sagte er der dpa.

Die Kontakte in die rechte Szene waren mit dem Austritt nicht vollends abgerissen. Am 16. Juni 2012 hatte Fischer noch einen Artikel auf dem Portal mupinfo.de verfasst. Die Seite ist auf den stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden David Petereit registriert. "Im Nachhinein sieht das doof aus", sagte Fischer. "Aber es war ein schleichender Prozess: Ich habe mich ja nicht an einem Tag hingestellt und gesagt: Jungs, ich trete aus der Partei aus, ab jetzt seht ihr mich nicht mehr." In Zukunft wolle er nicht mehr für die Seite schreiben.

Ein Sprecher des Schweriner Innenministeriums sagte, dem Ministerium lägen "keine bestätigenden Erkenntnisse vor, ob Herr Fischer tatsächlich aus der NPD ausgetreten ist". Vor wenigen Tagen hatte das Ministerium Fischer noch als Beispiel für die enge Verzahnung zwischen der NPD und rechtsextremen Kameradschaften bezeichnet.

"Es gab keinen, der sagte: Pass auf, ich bin Chef"

Fischer soll bislang in der Kameradschaft "Nationale Sozialisten Rostock" eine führende Rolle gespielt haben. Das allerdings weist er jedoch zurück: "Ob es überhaupt eine NSR gibt, wage ich zu bezweifeln. Es ist ein Name, der verwendet wird zum Beispiel für die Internetseite oder Flugblätter. Es gab keinen, der sich hingestellt hat: Pass auf, ich bin Chef, wir machen das so."

Seine alten Kameraden scheinen weiterhin eine hohe Meinung von Fischer zu haben: In einer Mitteilung hatte die NPD noch am Freitag von einer Beziehung Drygallas zu "einem nationalen Aktivisten" geschrieben. Diese Vorgehensweise sei "ein ungewöhnlicher Umgang mit Aussteigern, die normalerweise sehr unsanft behandelt und bedroht werden. Das bleibt hier aus", sagte Julian Barlen, Projektleiter von Endstation Rechts, einer Initiative der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD Mecklenburg-Vorpommern. "Die Aussagen von Michael Fischer nehmen wir zur Kenntnis. Er hat jetzt die ultimative Gelegenheit seinen Worten auch Taten folgen zu lassen."

nik/tso/DPA/AFP DPA

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