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Umstrittenes stern-Interview: Sarrazin verärgert Bundesbank

Da ist Thilo Sarrazin mal wieder mit Lust ins Fettnäpfchen getreten: Das stern-Interview des erst seit zwei Wochen amtierenden Vorstands der Deutschen Bundesbank hat hohe Wellen geschlagen. Darin hatte Sarrazin unverblümt gegen Bankberater, Eltern und Hartz-IV-Empfänger gewettert. Sein Boss pfeift ihn jetzt zurück.

Thilo Sarrazin kann es nicht lassen. Nicht mal zwei Wochen nach seinem Amtsantritt im sonst so sachlichen Vorstand der Deutschen Bundesbank sorgt der ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator in Frankfurt für Ärger. Im stern wettert der für seine Provokationen berühmt wie berüchtigte Sarrazin unverblümt gegen Bankberater, Hartz-IV-Empfänger und Eltern, die nicht die nötigen Eigenschaften hätten, die man zur Kindererziehung brauche. Sein neuer Arbeitgeber ist "not amused". Bundesbank-Präsident Axel Weber lässt am Mittwoch über seinen Sprecher mitteilen: "Die Äußerungen Sarrazins geben nicht die Position der Bundesbank wieder."

In Bundesbankkreisen heißt es, Sarrazin habe das stern-Gespräch dem Vernehmen nach schon vor seinem Amtsantritt am 1. Mai geführt. Das scheint die Sache aber nicht besser zu machen. Denn inzwischen ist Sarrazin kein Sozialpolitiker mehr, sondern arbeitet für die Bundesbehörde. Und Bundesbank-Vorstände äußern sich generell nur zu Themen, die ihr Ressort betreffen. Alles andere ist tabu.

In dem Gespräch mit dem Hamburger Magazin knüpft Sarrazin an alte Aussagen an. Hartz-IV-Empfängern verschwendeten Energie, weil Städte und Gemeinden die Heizkosten übernehmen: "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster", zitiert der stern den neuen Bundesbankvorstand. Bereits im Sommer 2008 hatte er mit folgendem Sparvorschlag für diese Gruppe viel Wirbel ausgelöst: "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können."

Gleichzeitig zieht Sarrazin, der nicht nur als unbequem gilt, sondern auch als exzellenter Finanzfachmann, gegen finanzielle Hilfe für bedürftige Eltern zu Felde. Das Sozialsystem müsse so geändert werden, "dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist". Vielmehr müsse die Politik dafür sorgen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die "damit fertig werden".

Der Sozialverband VdK reagiert empört. "Es ist an Absurdität kaum zu übertreffen, dass man seinen Lebensstandard durch Kinder verbessern können soll", sagt Sprecher Michael Pausder. "Diese Frauen brauchen mehr und nicht weniger staatliche Unterstützung für ihre Kinder - und keine zynischen Kommentare von Herrn Sarrazin."

Auch mit seiner eigenen (neuen) Zunft geht Sarrazin hart ins Gericht. Er schlägt den Menschen zwar vor, verstärkt selbst Geld für das Alter zurückzulegen. Dabei sollten sie sich aber nicht von den Versprechungen der Geldinstitute blenden zu lassen: "Man muss den Leuten sagen: Glaube keinem Bankberater." Die Warnung mutet etwas skurril an: Ins Aufgabengebiet von Sarrazins neuem Arbeitgeber fällt auch die Bankenaufsicht. Die im Juli anstehende Rentenerhöhung bezeichnet Sarrazin in dem Gespräch als "völlig unsinnige Maßnahme".

Auf die Fachkompetenz von Sarrazin lässt man bei der Bundesbank zwar nichts kommen. Seine Äußerungen bereiten indes Bauchschmerzen. Schon lange vor seinem Amtsantritt hatte Sarrazin für Naserümpfen gesorgt, weil er sich selbst für das Ressort "Internationale Beziehungen" ins Spiel gebracht hatte. Doch er biss auf Granit: Sarrazin muss sich mit dem weniger prestige-trächtigen Bereich Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling begnügen.

Harald Schmidt, DPA/DPA

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