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"Sind wir noch ganz sauber?": "Wer mehr schläft, hat weniger Zeit, sich um die Hygiene in seinem Haushalt Sorgen zu machen"

Was wir im Kleinen übertreiben, machen wir dadurch im Großen kaputt: Wir putzen falsch, zu viel und verdrecken damit unsere Umwelt. Wasser, Luft und Böden sind voller Plastik, Feinstaub und Chemie. Wir müssen größer denken!

Vier Straßenreiniger stehen um die Autorin, alle in organgener Leucht-Ausrüstung

Hanne Tügel war als "Hilfsfegerin" mit einem Straßenreiniger-Team in Hamburg unterwegs

Wer besonders sauber putzt, macht viel mehr dreckig, als er glaubt. Wir rücken unserem Bad mit scharfen Reinigern zuleibe, sprühen unseren Herd kräftig mit Fettlöser ein und kommen mit einer Waschmaschinenladung pro Woche niemals über die Runden. Das führt dazu, dass wir meinen, unseren Haushalt im Griff zu haben, dabei jedoch vergessen, was wir der Umwelt damit antun. Denn unser dreckiges Abwasser löst sich ja leider nicht in nichts auf. Der stern hat mit Hanne Tügel gesprochen, die gerade ein Buch mit dem Titel "Sind wir noch ganz sauber?" herausgebracht hat. Darin widmet sie sich einerseits Haushaltsaspekten, andererseits geht es ihr um den Blick fürs Ganze. Darum, unser Bewusstsein zu schärfen, dass alles, was wir hinterlassen, irgendwoanders wieder auftaucht: in der Luft, im Wasser, auf dem Boden.

Was würden Sie als falsch verstandene Sauberkeit bezeichnen?
Unsere ganze Einstellung zum Schmutz ist ziemlich verrückt. Wir putzen ja sehr viel, unser Zuhause, wir pflegen uns, wir trennen Müll, wir zahlen für Abfallbeseitigung. Aber auf der anderen Seite lassen wir zu, dass immer mehr Schmutz im ganz großen Müllschlucker landet, der Umwelt. Einige Stichworte dazu sind Müllstrudel im Meer, Dieselskandal, Zunahme von Allergien, Lungenerkrankungen, Kapitulation beim Plastikrecycling. Und beim Waschen und Putzen selbst tun wir des vermeintlich Guten viel, viel, viel zu viel. Wir ignorieren die Zusammenhänge.

Sollte ich lieber das Plastik im Meer sammeln als meine Wohnung zu putzen?
In Schweden gibt es tatsächlich eine Bewegung namens Plogger, die jedes Mal, wenn sie Joggen geht, Müll aufsammeln. Ich meinte aber einen anderen Aspekt. Unser Wirtschaftssystem hat eine Ex-und-Hopp-Seite, wir machen irgendwas und denken dann nicht mehr darüber nach, was am Ende passiert. Zum Beispiel waschen wir zu viel. Die Waschmittel sind heute so dosiert, dass man mit halb so viel wie vor 25 Jahren auskommen könnte. Wir nehmen aber noch fast dasselbe wie damals. Wir denken selten darüber nach, dass das, was wir als Schmutz inklusive des Waschmittels in den Ausguss spülen, hinterher in der Kläranlage ankommt und riesige Mengen von Klärschlamm hinterlässt. Die werden wiederum zum Beispiel auf landwirtschaftlichen Böden aufgebracht und das ist ziemlich schmutzig.

Cover

"Sind wir noch ganz sauber?" von Hanne Tügel, Edel Books, 288 Seiten, 17,95 Euro, über Amazon hier bestellbar

Man düngt mit Klärschlamm?
Ja. Klärschlamm ist theoretisch auch ein guter Dünger, wenn nicht so viel Chemie drin wäre. Natürlich gibt es da auch Grenzwerte, aber was ich anmahne, ist, dass das große Ganze nicht im Blick ist. Wir kippen es in den Ausguss und denken, damit ist alles gut. Zwar ist die Umwelt auch ein selbstreinigendes System, sowohl Luft als auch Wasser und Böden, aber mit 7,7 Milliarden Erdenbürgern und 1,3 Milliarden Autos und 2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher pro Jahr – das löst sich eben nicht in Luft auf. Wir sind dabei, die Umwelt zu überfordern und das merken wir jetzt auch sehr stark.

Sie sagen in Ihrem Buch, dass wir von der Natur Reinigungstechniken lernen können. Welche denn?
Ich habe mich am Anfang gefragt: Warum brauchen Tiere eigentlich keine Seife? Und trotzdem gibt es ja in der Natur Hygiene auf hohem Niveau. Die Tiere leben auf dreckigen Böden, in trüben Tümpeln voller Parasiten und Bakterien, umgeben von eigenen und fremden Exkrementen – da fragt man sich, warum sind die Flamingos trotzdem noch rosa? Und warum kommt es bei Wildtieren nicht dauernd zu Seuchen? Die Antwort ist: Alle Kreaturen, die überlebt haben, von Ameise bis Zebra, treiben großen und sehr interessanten Putzaufwand, der erst nach und nach erforscht wird. Putzen ist im Tierreich so wichtig wie Essen und Sex, denn ohne gute Putzstrategien kommt eine Art nicht durch.

Eigentlich ein Wunder, dass wir Menschen Sex überhaupt noch überleben.
Man sollte an jede Drogerie eine Kurzfassung der "Knutsch-Studie" des niederländischen Forschers Remco Kort hängen. Die hat herausgefunden: Bei einem zehn Sekunden langen Zungenkuss wechseln 80 Millionen Bakterien zwischen den Küssenden. Trotzdem ist Küssen nicht wegen Lebensgefahr verboten.

Buchauszug aus "Sind wir noch ganz sauber?"

10 Gebote für den Hausputz
• Feuchtigkeit im Haushalt vermeiden! Bakterien lieben es feucht. Deshalb ist es sinnvoll, Küche und Bad nach dem Putzen durchzulüften, Wischlappen und Schwämme auszuwringen, zum Trocknen aufzuhängen und die Waschmaschine offenzulassen, wenn sie nicht gebraucht wird.
• Bettwäsche (Zudecken, Kopfkissen, Betttücher usw.) morgens regelmäßig im Freien oder ins Freie ausschütteln! Dann haben Hausstaubmilben weniger Nahrung.
• Mikrofasertücher benutzen! Sie wirken durch ihre Struktur wie eine feine Bürste und entfernen Schmutz dadurch ganz ohne oder mit minimalem Putzmitteleinsatz.
• Frisch entstandenen Schmutz sofort entfernen! Ist er erst eingetrocknet, ist der Aufwand höher und braucht mehr Chemie. Das gilt besonders für Backofen und Herdplatten; vergessene Schmutzreste können sich beim nächsten Erhitzen einbrennen.
• Beim Putzen das Kühlschrankinnere nicht vergessen! Mindestens alle 4 Wochen sollte man ihn auswischen.
• Schneidebretter vor allem nach Kontakt mit rohem Fleisch, Fisch und Salat gut abwaschen! In diesen Lebensmitteln können unwillkommene Keime wie Salmonellen stecken. Erhitzen macht sie unschädlich, aber bei der Verarbeitung gelangen sie auf die Arbeitsgeräte.
• Putzwirkstoffe vor dem Wegspülen lange einwirken lassen! Gegen Urinstein hilft es zum Beispiel, beim WC-Putzen herkömmlichen Sanitärreiniger auf Klopapier zu geben, es auf die betroffenen Stellen zu klatschen und erst ein paar Stunden später zu spülen.
• Feuchtes Toilettenpapier gehört auf den Index! Jedenfalls nach Benutzung nicht ins WC, sondern in den Hausmüll. Bei einem Test hatten sich 8 von 10 Sorten noch nach über einer Woche nicht zersetzt. Die Kläranlage erreichen sie bereits nach 9 Stunden. Vorher können sie sich im Abfluss zu unentwirrbaren Strängen verwickeln und die Pumpen der Abwasseranlagen außer Gefecht setzen.
• Niemals Medikamente, Lackreste und Lösemittel durch den Ausguss oder ins Klo spülen! Arzneien lassen sich in Kläranlagen oft nicht abbauen und gefährden Wasserorganismen. Lacke und Lösemittel können die Bausubstanz der Kanalisation angreifen.
• Weg mit WC-Beckensteinen, Duftbäumchen und Raumsprays! Sie entfernen unangenehmen Geruch nicht, sie übertünchen ihn nur mit Duftstoffen, die zum Teil allergen und umweltgefährdend sind. Normales Putzen und Lüften ist besser!

Die Lieblingsempfehlung der Autorin zum Thema Sauberkeit

"Ausschlafen! Wer viel schläft, stärkt sein Immunsystem und damit die körpereigene Heilsarmee. Und wer mehr schläft, hat außerdem weniger Zeit, sich Sorgen zu machen um die Hygiene in seinem Haushalt."

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