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Umwelt-Aktivistin Eva Goris: "Greenpeace wurde alles zugetraut"

30 Jahre Greenpeace in Deutschland - sie hat die wilden Anfangsjahre mitgekriegt: Eva Goris, Ex-Pressesprecherin. Im Interview mit stern.de erinnert sie sich Matthias Rust, alte Fischer und neue Kühlschränke.

Frau Goris, Sie haben als Pressesprecherin die Anfangszeit bei Greenpeace mitbekommen. Wie sah die Welt damals aus?
Es war einiges los. Politisch näherte sich der Kalte Krieg seinem Höhepunkt: Es gab Massenproteste gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-II-Raketen. Was die Umwelt betraf - es starben im Rhein die Fische, in der Nordsee wurde Dünnsäure verklappt und in Tschernobyl flog ein AKW in die Luft.

Und Sie konnten dem nicht zusehen.
Nein, wollte ich nicht. Es war ganz offensichtlich, dass etwas schief läuft: Auf einmal trieben im Rhein Millionen tote Fische mit aufgerissenen Mäulern an der Oberfläche. Als Biologin blutete mir das Herz, weil sich die Menschheit wie die Axt im Walde aufführte. Greenpeace war für mich damals die einzige Möglichkeit etwas dagegen zu unternehmen. Und es war alles möglich: Aktivisten sind auf Schornsteine raufgeklettert - um zu messen, welcher Dreck aus den Schloten in die Luft geblasen wird. Diese Art des zivilen Ungehorsams hatte es vorher nicht gegeben. Das hatte mich beeindruckt.

Sie selbst haben auch an Aktionen teilgenommen?
Ja, wir waren ja nur 25, 30 Leute. Im britischen Sellafield haben wir mal gegen die dortige Nuklearanlage protestiert. Da erzählte mir ein alter Fischer, wie sie früher die Fische mit Körben gefangen haben. Irgendwann gab es kaum noch welche und die, die es gab, waren krank. Es gab und gibt auch heute noch eine Menge Warnrufe - denken sie nur an den Golf von Mexiko und die vielen Millionen Liter Öl, die ausgelaufen sind.

Einer dieser Warnrufe waren kahle Wälder. Auch dank Greenpeace hat das Waldsterben jahrelang die Schlagzeilen beherrscht. Damals war rund ein Drittel der deutschen Bäume erkrankt, heute sind es zwei Drittel. Ist das nicht frustrierend, dass sich trotz der ganzen Arbeit nichts verbessert, sondern sogar verschlechert hat?
Das ist extrem frustrierend. Das Waldsterben war damals vielleicht eine Art Modethema. Genau wie das Ozonloch vor einigen Jahren, an dessen Zustand sich ja auch nichts geändert hat. Oder nehmen sie den Klimawandel. Ich bin gespannt, welche Sau als nächstes durch das Dorf getrieben wird. Aber mal ehrlich: Jedes einzelne Thema steht für den unverantwortlichen Umgang mit unserer Erde, der nicht gesund ist und dringend geändert werden muss - nachfolgende Generationen werden uns verfluchen, wenn wir unseren Planeten weiter so verdrecken. Übrigens: Welchen Zustand unsere Wälder heute hätten, wie groß das Ozonloch ohne FCKW-freie Sprays heute wäre, möchte ich mir nicht vorstellen!

Greenpeace konnte das Waldsterben nicht verhindern, was hat die Organisation denn erreicht?
Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, hat die Organisation erheblich mit beeinflusst. Nehmen sie chlorfreies Papier - das ist mittlerweile Standard. Oder nehmen sie FCKW-freie Kühlschränke. Den hat Greenpeace einfach mal gebaut und damit die Industrie vorgeführt, die immer behauptet hatte, das ginge nicht.

Greenpeace hat die Unternehmen mit ihren eigenen Mitteln geschlagen?
Ja, was aber auch nur möglich war, weil viele Menschen Geld gespendet haben. So spektakulär die ganzen Schlauchboot-Aktionen auch waren, irgendwann hat das eben auch nicht mehr gereicht - da musste der nächste Schritt gegangen werden. Einer mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. In Fall des FCKW-freien Kühlschranks war es ein simpler Hinweis: Seht her, so kann man's besser machen.

Wenn man genug Geld hat. Mittlerweile ist Greenpeace ein Großkonzern ...
Natürlich hat Greenpeace mehr Geld als vor 30 Jahren und das ist auch gut so. Aber verglichen mit den Umsätzen von Öl- und Energiekonzernen wie BP oder Shell sind das Peanuts. Greenpeace ist immer noch der David der gegen Goliath kämpft und das wird sich auch so schnell nicht ändern.

Aber Greenpeace pflegt schon sehr gerne das Image des Davids, der die großen Globalplayer herausfordert.
Ich persönlich würde mir wünschen, dass Greenpeace noch mehr Macht und noch mehr Geld hätte. Ob das für die Außenwirkung so gut wäre, weiß ich nicht. Denn viele Menschen stehen hilflos den Problemen gegenüber, die einem heutzutage vorgesetzt werden. Sie trennen ihren Müll, haben aber keine Ahnung, ob und was das bringt. Greenpeace dient dabei als Orientierungspunkt: Eine kleine Organisation, die die großen Probleme vielleicht nicht löst, aber beherzt gegen sie vorgeht und Bewusstsein schafft. Ein bisschen das schlechte Gewissen der Nation ist. Viele Menschen fühlen sich von Greenpeace einfach gut vertreten.

Worüber ärgeren Sie sich, wenn Sie an Greenpeace denken?
Da gibt es nicht viel. Worüber ich etwas enttäuscht bin, ist die eine oder andere Kampagne gegen den Walfang. In Island etwa war Greenpeace sehr konfrontativ und hat so die Menschen, die man erreichen wollte, vielleicht sogar vergrault. In einem so kleinen, abgeschieden gelegenen Land werden die Reihen bei Kritik von außen schnell geschlossen. Vielleicht hätte man da wirtschaftlichen Druck machen müssen, zum Beispiel über die Tourismus- und Fischereiindustrie.

Apropos Walfang: Greenpeace wirkt oft sehr populistisch: Da wird der Eindruck erweckt, Walfänger sind schlimme Schlächter. Aber einige Völker leben davon seit Jahrtausenden.
Der Vorwurf des Populismus wird Greenpeace oft gemacht, aber dadurch wird er nicht richtiger. Eine Aktion, sagen wir gegen Walfang, ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter steckt sehr viel akribische Arbeit im Stillen. Das viel größere Problem mittlerweile ist: Früher konnte man mit einer spektakulären Aktion Aufmerksamkeit erregen. Doch heute funktioniert dieses einfache "Gut-Böse-Schwarz-Weiß-Denken" nicht immer. Da kommt es etwa vor, dass sich der Fachmann für Wälder mit der Papierwirtschaft trifft und in hartem Ringen diskutiert, welche Bäume nun gefällt werden können. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, also quasi hinter den Kulissen finden die Gespräche mit Vertretern der Papierindustrie und Bürgerinitiativen statt, ohne dass alles gleich in den Schlagzeilen steht! Das Thema nachhaltige Nutzung von Wald ist wichtig, aber nach außen hin nicht spektakulär genug für große Buchstaben in den Medien.

1985 hat der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior versenkt. Ein riesiger Skandal, der Greenpeace viele Sympathien eingebracht hat. Wie beurteilen Sie diesen Zwischenfall?
Ja, er hat geholfen, Greenpeace populärer zu machen. Aber er hat auch große Probleme aufgeworfen: Zu dem Zeitpunkt ist Greenpeace extrem schnell gewachsen und wann immer irgendwo irgendwer protestiert hat, dachte jeder: Das sind sicher die von Greenpeace. Als etwa Matthias Rust 1987 auf dem Roten Platz gelandet war, hieß es sofort dahinter würde Greenpeace stecken. Haben wir aber nicht. Die Pressekollegen riefen mich an, und ich dachte nur: 'Toll, da hat irgendjemand eine Aktion in Russland gemacht, ohne mir Bescheid zu sagen.' Man hat uns damals einfach alles zugetraut, aber das hat eben auch eine Menge Arbeit mit sich gebracht. Wir haben bis zum Augenstillstand geschuftet und uns dabei auch selbst ausgebeutet. Außerdem haben wir sicher auch Erwartungen bei den Menschen geweckt, die natürlich nicht alle erfüllt werden konnten. Aber nach 30 Jahren - finde ich - hat Greenpeace die Welt doch ein wenig besser gemacht!

Niels Kruse / print