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UN-Studie zu Kindern in Syrien: Aufwachsen in der Hölle

Bombenangriffe, Zerstörung, Flucht: Mehr als die Hälfte der zwei Millionen syrischen Flüchtlinge sind Kinder. Viele können nicht einmal zur Schule gehen - und träumen davon, dass "all das vorbei ist".

Ein syrischer Junge versteckt sich schüchtern hinterm einem Zelt in einem der provisorischen Flüchtlingslager. Anstelle zur Schule zu gehen, müssen viele der Flüchtlingskinder arbeiten.

Ein syrischer Junge versteckt sich schüchtern hinterm einem Zelt in einem der provisorischen Flüchtlingslager. Anstelle zur Schule zu gehen, müssen viele der Flüchtlingskinder arbeiten.

Rund 2,2 Millionen Syrer sind bisher vor dem Bürgerkrieg in benachbarte Länder geflohen. 52 Prozent der Flüchtlinge sind minderjährig, die meisten von ihnen unter 12 Jahre alt. Das ergibt eine Untersuchung der UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR über die Lage der syrischen Flüchtlinge, die am Freitag veröffentlicht wurde. Die Kinder litten körperlich und psychisch unter den Folgen des Krieges. Eine schulische Ausbildung könnten viele nicht wahrnehmen - genauso wie in Syrien selbst. Der Krieg raubt ihnen jegliche Normalität und lässt so eine ganze Generation leiden.

Während des Krieges wurden unzählige Kinder bei Angriffen verletzt oder getötet oder sie mussten die Ausmaße einer Attacke mit Raketen, Bomben oder Gewehren mit eigenen Augen beobachten. "Es dürfte keine Überraschung sein, dass die Bedürfnisse dieser Kinder gewaltig sind. Viele sind verwundet, körperlich oder seelisch oder beides", hieß es in einer Erklärung des UN-Flüchtlingskommissar António Guterres und der UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie. Der Effekt auf die Psyche aufgrund ihrer Erfahrung könne sich auf ihr Wohl, ihre Schlafgewohnheiten, das Sprechen und soziale Kompetenzen auswirken, so die Untersuchung. Mit der ganzen Familie auf engem Raum zu wohnen, trüge dabei nicht zu ihrer Erholung bei.

Kinderarbeit auf Kosten der Schulbildung

Auch der Alltag der Flüchtlingskinder verläuft selten in geordneten Bahnen. Jede zweite Familie, die in Jordanien Zuflucht gefunden habe, sei ganz oder teilweise auf ihre Kinder angewiesen, um sich ein Einkommen zu sichern. Die meisten von ihnen sind Jungen und einige erst sieben Jahre alt. Andererseits müsse fast ein Drittel der befragten Kinder sechs Tage in der Woche ihr Dasein im Haus fristen, weil sich die Eltern um ihre Sicherheit in der neuen Umgebung sorgten. Vor allem Mädchen sind davon betroffen.

Im Gegenzug versuchen das UNHCR und andere Organisationen, den syrischen Kindern eine schulische Ausbildung zu ermöglichen. Viele würden aber wieder aus dem Programm genommen, damit sie den Unterhalt für die Familie verdienen könnten.

Das Leben der Neugeborenen von Flüchtlingen beginnt ebenso mit Hindernissen. Weil ihnen die Dokumente fehlten oder sie sich nicht im Klaren über die Wichtigkeit für die Zukunft ihrer Kinder seien, ließen viele Eltern die Geburt nicht eintragen. So sind laut UNHCR-Untersuchung sind 77 Prozent der 781 Flüchtlingsbabys im Libanon ohne Geburtsurkunde.

Traumberuf Anwalt, Arzt und Lehrer

Fragt man die syrischen Mädchen und Jungen aber nach ihren Träumen, erzählen viele von edlen und ambitionierten Vorhaben. Die Untersuchung ergab, dass viele Anwalt, Arzt oder Lehrer werden wollen, "wenn all das vorbei ist".

Das UNHCR untersuchte die Umstände der syrischen Flüchtlinge zwischen Juli und Oktober 2013 in Jordanien und dem Libanon. Die Grundlage bildeten existierende Berichte und Daten sowie Besuche vor Ort. Neben der Türkei sind Jordanien und der Libanon die Länder, in denen die meisten Syrer Asyl suchen.

Bombenangriffe auf syrische Schulen

Auch in Syrien selbst leben die Kinder in ständiger Unsicherheit und fern von Normalität. Laut der Reportage "Syriens Kinder - In der Hölle des Bürgerkrieges" des britischen Senders BBC, die Mitte November in der ARD ausgestrahlt wurde, wurden seit Kriegsbeginn Tausende von Schulen geschlossen und dienen als Unterkunft für Flüchtlinge. Wenn auch unvorstellbar, waren Schulen schon öfter Ziel von Bombenangriffen. Während der Aufzeichnung für die Reportage wurde eine Schule mit einer Brandbombe attackiert. Zehn Jugendliche, die zunächst in einem Krankenhaus notversorgt wurden, starben. Andere schwerstverbrannte Schüler mussten in ein Krankenhaus in die Türkei gebracht werden.

Gerade in den Rebellenregionen gäbe es keinen Unterricht, berichtete Spiegel Online schon 2012. Kommandeure der Rebellen seien zu sehr mit der Organisation von Essen, Unterkünften und medizinischer Versorgung beschäftigt. Das betraf vor allem die Region um Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens.

Die Zukunft der Kinder und damit des Landes hängt so am seidenen Faden. Das UNHCR folgert richtig: "Wenn sich die Situation nicht erheblich verbessert, riskiert Syrien mit einer ganzen Generation losgelöst von Bildung und Lernen dazustehen."

Andra Wöllert mit DPA