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Ungewöhnlicher Fund: Der Ebay-Schatz von Dorsten

Alle Spuren führen nach Berlin: Ein Arbeitsloser hat in einem alten Radio einen ungewöhnlichen Schatz gefunden. Jetzt wird nach dem wahren Besitzer gesucht - oder dessen Nachkommen. Es sieht jedoch danach aus, dass der glückliche Finder sich kurz vor Weihnachten über viel Geld freuen kann.

Von Frank Gerstenberg

Weihnachten verläuft bei Klaus Matsosch, 46, normalerweise in sehr ruhigen Bahnen. Der arbeitslose Tischler freut sich über kleine Dinge wie den Teller von seiner Mutter, auf dem er jedes Jahr eine Ananas und eine Kokosnuss findet. Höhepunkt des Festes ist eine Flasche Bourbon, die ihm sein Bruder schenkt. "Den Bourbon trinke ich mit Cola als Longdrink auf Eis, dann bin ich zufrieden."

Diesmal wird es in der kleinen Zweizimmer-Wohnung der Mutter in Dorsten jedoch reichlich Gesprächsstoff geben. Denn es ist etwas aufregendes passiert: Vier Kamerateams waren allein in dieser Woche zu Besuch. An der Nonnenstiege, wo der ledige Dorstener in einem schlichten Mietshaus aus den 50er Jahren Tür an Tür mit seiner Mutter wohnt. Der Grund: Matsosch fand in einem Kofferradio, das er bei Ebay ersteigert hatte, 12.100 Mark und brachte das Geld zur Polizei.

Ein Testament und ein Haufen Geldscheine

Klaus Matsosch freute sich: "Ein Päckchen von Ebay ist immer so ein bisschen wie Weihnachten." Am 3. Dezember bringt der Postbote das Transistorradio, das er im Internet für einen Euro gekauft hat. Es ist ein wichtiges Accessoire für die Küche in seiner Wohnung An der Nonnenstiege fünf in Dorsten, die er als "Snackbar" einrichten will, im Stil der 60er Jahre. Das kleine, in schwarzes Leder gefasste No-Name-Radio mit der silbernen Siebblende und einem Drehknopf hat genau das Design, das ihm vorschwebt: schwarz-weiß, schlicht, aber funktionell. Dass es vorne reichlich zerkratzt und mit Fettspritzern übersät ist, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Der Oldie-Fan bastelt für sein Leben gern. Eine Tudor-Uhr an seinem linken Handgelenk, aus den 60ern, bei Ebay ersteigert, glänzt mit frisch lackierten Ziffernblättern und flammneuen grünen Leuchtstoffen.

Matsosch öffnet am Radio die Druckknöpfe der Lederhülle auf der Rückseite, und ihm fällt ein hellbrauner Umschlag mit einer Anschrift entgegen: "Postgiroamt. Postfach 110104. 1000 Berlin 9". Matosch vermutet eine Bedienungsanleitung oder einen Kaufvertrag in dem Kuvert. Als er es aufmacht, traut er seinen Augen nicht: Er findet ein Foto, das eine ältere Frau mit einem Blümchenrock zeigt, die vor einem rot geklinkerten Zwei-Familien-Haus steht und einen kleinen Jungen auf dem Arm hält.

Ein abgerissener Zettel aus einem Kellnerblock enthält eine ungeheuerliche Botschaft: "Lieber Heinz, mein Wunsch wäre von Dir wenn mir etwas zustößt. Ich bitte dich von Herzen, las mich auf den Friedhof Fürstenbrunnerweg meine Leiche zur Ruhestätte unter die Erde bringen. Das Geld, ein kleiner Betrag, ist hier im Radio. Ein anderer Teilbetrag Geld ist im Tresor. Auf meine Sterbekosten erfülle mein Wunsch in meiner Schrift. Dein Vater Gustav K., 11.8.90."

Unter Foto und Brief liegen 12 100 Mark in 100- und 200-DM-Scheinen, außerdem ein Schließfach-Schlüssel. Ein Testament. Harley-Fan und Kettenraucher Matsosch, dessen Blutdruck für gewöhnlich erst nach etwa einem Liter Kaffee in Wallung kommt, reagiert für seine Verhältnisse überschwänglich: "Das kann doch wohl nicht sein. Wer macht denn so etwas? Was steckt dahinter?" Vor allem das Foto beschäftigt ihn: Wer ist das Baby? Heinz K.? Kurzentschlossen steckt Matsosch Geld, Foto und Brief wieder in den Umschlag, legt ihn zurück in das Gehäuse und marschiert mit dem Kofferradio zur Polizei. "Nicht einen Gedanken" habe er daran verschwendet, das Geld zu behalten. Mit der Verkäuferin "böse Kerstin" nahm der Käufer "Stratokraz" keinen Kontakt auf: "Wer weiß, auf was für Ideen die gekommen wäre." Er hoffe vielmehr, "dass der Sohn gefunden und der Wunsch des Vaters erfüllt wird", sagt Matsosch. Den Grund für so viel Edelmut vermutet er in seiner eigenen Biografie: "Mein Vater ist vor vier Jahren gestorben, nachdem ich ihn zehn Jahre nicht gesehen hatte. Er hat mir nichts hinterlassen, nicht mal ein Foto", sagt der schlanke Mann mit den braunen Augen und dem Drei-Tage-Bart, der nie offen lacht. Im Oberkiefer leuchtet nur hin und wieder ein einziger goldener Zahn auf.

"Wer versteckt 12.100 Mark in einem Radio?"

Robert Eppink hat normalerweise mit verlorenen Autoschlüsseln oder Portmonees zu tun. Seine spektakulärsten Fundsachen waren bislang ein Rollator und eine Beinprothese. Der 1,90-Meter-Mann, Wollpullover unter dem braunen Jacket, Backenbart und gelassenes Grinsen, wirkt nicht so, als bringe ihn schnell etwas aus der Ruhe. Als der Abteilungsleiter im Ordnungsamt Dorsten jedoch das Radio mit dem Testament und den Geldscheinen von der Polizei Dorsten als Fundsache auf den Tisch bekommt, hält er den Atem an: "Unglaublich. Wer versteckt 12.100 Mark in einem Radio? Was hat es mit dem Schließfachschlüssel auf sich?"

"Bemerkenswert" findet er das Verhalten von Matsosch. "Das hätte nicht jeder gemacht." Denn Matsosch sei der Eigentümer des Radios. Hätte er das Geld eingesteckt, hätte nie mehr ein Hahn danach gekräht. Auch für Dorstens Pressesprecherin Lisa Bauckhorn war sofort klar: "Das ist die Weihnachtsgeschichte."

Vorerst allerdings noch mit ungewissem Ausgang. Denn die Dorstener müssen jetzt versuchen, den rechtmäßigen Besitzer des Geldes zu ermitteln. Alle Spuren führen dabei nach Berlin. Bislang war die Suche jedoch erfolglos, sagt Robert Eppink. Er rief alle Berliner an, die den Nachnamen des Testamentschreibers tragen, Fehlanzeige. Auf dem Luisenfriedhof in Berlin-Charlottenburg, von dem im Brief die Rede ist, sei kein Gustav K. begraben, und auch die Verkäuferin des Radios sei bislang nicht zu erreichen, heißt es aus Berlin. In Dorsten melden sich dafür seit einigen Tagen Leute, deren Vater angeblich in den 90er Jahren gestorben ist, "auch wenn sie Pansen heißen, nie einen Heinz oder Gustav in der Familie hatten und auch nie in Berlin lebten", berichtet Eppink. Er hat das Ordnungsamt in Berlin jetzt um Amtshilfe gebeten.

Wenn die "Recherche gesichert abgeschlossen" und kein Besitzer ermittelt werden konnte, ist vielleicht diesmal der Ehrliche der Glückliche: Klaus Matsosch dürfte seinen Schatz laut BGB behalten, der bis dahin im Tresor der Dorstener Stadtverwaltung liegt. Eppink würde es ihm gönnen: "Es hätte dann endlich mal den Richtigen getroffen." Matsosch wüsste schon, was er mit dem Geld machen würde: "Anlegen". Vielleicht könne er sich damit eines Tages seinen Herzenswunsch erfüllen: Der Motorradfan, der vom unbekannten Trödelliebhaber über Nacht zum bekanntesten Dorstener geworden ist, träumt von einer Harley Davidson Electra Glide. Wichtiger sei ihm aber eine ganz andere Fundsache: "Ich hoffe, einen Job im Personenobjektschutz zu finden." Mit dem Radio sei er auch ohne Geld im Gehäuse zufrieden: "Hauptsache, es spielt." Am liebsten natürlich Oldies.