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Unicef-Studie: Jedes zehnte Kind lebt in Armut

In den Industriestaaten leben immer mehr Kinder in Armut. Allein in Deutschland ist laut einer Unicef-Studie jedes zehnte Kind betroffen. Die Bundesrepublik zählt damit zu den Schlusslichtern unter den reichen Ländern.

In Deutschland wächst die Kinderarmut nach einer Studie des UN-Kinderhilfswerkes Unicef stärker als in den meisten anderen Industriestaaten. Jedes zehnte Kind in der Bundesrepublik lebe in Armut, sagte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Reinhard Schlagintweit, am Dienstag in Berlin. Die Zahl der armen Kinder und Jugendlichen sei seit 1990 um 2,7 Prozent auf 1,5 Millionen gestiegen und wachse damit schneller als die Armut unter Erwachsenen. Betroffen seien vor allem Kinder aus Zuwandererfamilien und von allein Erziehenden. Auch in den übrigen Industriestaaten steigt der Unicef-Studie zufolge die Kinderarmut. Insgesamt 40 bis 50 Millionen Kinder wüchsen in den 30 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in armen Familien auf.

Als Armut wird definiert, wenn eine Familie über weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens von 17.400 Euro im Jahr verfügt. Auch der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt auf, dass sich die Zahl derjenigen, deren Einkommen unter der von der EU definierten Armutsgrenze liegt, von 1998 bis 2003 von 12,1 auf 13,5 Prozent erhöht hat. Das Bundeskabinett wird am Mittwoch über den Bericht beraten.

"Regierungen haben es selbst in der Hand"

In Staaten wie den USA oder Italien, die weniger als fünf Prozent ihres Bruttosozialproduktes in Sozialleistungen investierten, leben nach Unicef-Angaben mehr als 15 Prozent der Kinder in Armut. Länder wie Dänemark, Finnland und Norwegen geben dagegen mehr als zehn Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Sozialleistungen aus und schafften es durchweg, die Kinderarmut unter zehn Prozent zu drücken. "Die Studie zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Aufwendungen und Kinderarmut", sagte Schlagintweit. "Die Regierungen haben es selbst in der Hand, ob Kinder in Armut aufwachsen müssen. Sie können ihre großen Probleme wie Arbeitslosigkeit nur in den Griff bekommen, wenn sie Kinder vor Ausgrenzung und Benachteiligung, insbesondere bei der Ausbildung, bewahren", erläuterte er.

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt räumte ein, dass für allein Erziehende und ihre Kinder das Armutsrisiko seit 1998 zugenommen hat. "Hier müssen wir unbedingt noch mehr tun", sagte die SPD-Politikerin der Zeitung "Die Welt" von Mittwoch. In erster Linie werde es darum gehen, allein Erziehende bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gezielt zu unterstützen. Die Ministerin kündigte zudem noch für dieses Jahr Vorschläge an, wie der Kreis der Berechtigten für den zu Jahresbeginn eingeführten Kinderzuschlag von bis zu 140 Euro monatlich für Geringverdiener ausgeweitet werden kann.

Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht zeigt auf, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Zwar sind die Vermögen in den zurückliegenden Jahrzehnten stetig gestiegen und erreichten 2003 eine Summe von rund fünf Billionen Euro. Auf die vermögensstärksten 20 Prozent der Haushalte entfielen aber rund zwei Drittel des gesamten Nettovermögens; auf die reichsten zehn Prozent der Haushalte allein 47 Prozent. 50 Prozent der Haushalte verfügen hingegen gerade einmal über einen Anteil von etwas weniger als 4 Prozent des Nettovermögens. Zudem sind laut dem Bericht in Deutschland 1,1 Millionen Kinder auf Sozialhilfe angewiesen.

Reuters / Reuters