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Unternehmen beleidigt Abiturienten: Shitstorm auf der Hartz-IV-Hüpfburg

Die simple Frage, was eine Hüpfburg kostet, löste erst eine Beleidigungsarie aus und dann einen Shitstorm. Im Zentrum des Orkans: ein überheblicher Anhängerverleiher und ein 18-jähriger Abiturient.

Von Niels Kruse

Es gibt diese Faustregel, nach der ein zufriedener Kunde eine Dienstleitung drei Leuten empfiehlt, aber ein unzufriedener Kunde seine Erfahrung an neun bis elf Personen weitergibt. So heißt es im klassischen Marketing, Spezialgebiet Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Firma Anhängerverleihfirma Clemens & Partner aus Elsdorf muss aber zurzeit die Erfahrung machen, dass im negativen Bereich alles noch viel Schlimmer kommen kann. Und dafür hat sie nicht einmal einen Kunden enttäuscht, geschweige denn eine Dienstleistung erbracht. Was sich jüngst in dem Ort bei Aachen abgespielt hat, ist die tragikomische Geschichte eines Abiturienten, einer überheblichen Provinzfirma und die Erkenntnis, dass Geschäftsleute in Zeiten von Facebook besser ein Mindestmaß an Höflichkeit pflegen sollten.

Begonnen hatte die Angelegenheit mit einer harmlosen Anfrage des Schulabgängers Maik Luu bei Clemens & Partner, was wohl eine Hüpfburg für die Abifeier kosten würde. "Da wir nicht viel Budget haben, möchten wir es so günstig halten, wie es geht", schreibt der Abiturient in einer E-Mail an das Unternehmen. Ein verständlicher Wunsch, den der angeschriebene Harald Koep aber zum Anlass nimmt, mal so richtig auszuteilen. "Da Sie offensichtlich kein Geld haben, würde ich vielleicht von meinem Luxusdenken etwas abrücken. Wir sind Vermieter und machen das beruflich für unseren Lebensunterhalt mit dem Ziel, nicht da stehen zu wollen, wo Sie offensichtlich stehen." Maik Luu präzisiert seine Anfrage, sagt, er wolle nichts geschenkt, doch Herr Koep, nach eigenen Angaben Betriebsleiter, legt nun richtig los. Höhepunkt seiner Beleidigungskaskade sind die Worte, dass 70 Prozent aller Studenten später Hartz IV bekämen.

Die Firma Clemens & Partner schweigt lieber

Woher der Anhänger- und Hüpfburgverleiher diese Zahl hat, ist unklar (tatsächlich sind es rund 15 Prozent). Die Lokalzeitung "Eschweiler Nachrichten", die zuerst über den pampigen Herrn geschrieben hatte, und deren Artikel stern.de auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat, zitiert die Firmenleitung mit den Worten, diese Mails seien genau so gemeint gewesen, wie sie geschrieben wurden. Mit stern.de wollte keiner der Mitarbeiter von Clemens & Partner reden, stattdessen soll in den nächsten Tagen eine Presseerklärung folgen.

Denn Gymnasiast Luu hat die Geschichte aus der Lokalzeitung auf seinem Facebook-Profil gepostet und damit einen gigantischen Shitstorm entfacht. Persönlich war der 18-Jährige leider nicht erreichbar. "Nur weil wir noch zur Schule gehen und leider nur mit dem höchsten Schulabschluss ausgezeichnet sind, aber leider mit unseren 18-20 Jahren noch nicht das Financial Standing besitzen um einen eigenen Mietpark zu haben, hätte ich mich wohl bei der Firma entschuldigen müssen", schreibt er sarkastisch dazu und spielt auf die Äußerung von Harald Koep an, dass "Sie einen Anbieter motovieren (sic) müssen mit Ihrer Anfrage und nicht frustrieren". Rund 10.000 Mal wurde der Ausriss aus den "Eschweiler Nachrichten" innerhalb von vier Tagen mittlerweile geteilt, auf der stern.de-Facebook-Seite rund 850 Mal, die Kommentare laufen aus dem Ruder und die Meinung ist einhellig: Was erlaubt sich diese Firma eigentlich?

Eine existenzbedrohende Kampagne?

Ob auf der Seite von Maik Luu, ob auf der Facebook-Seite der Firma selbst oder bei stern.de überbieten sich die Kommentatoren in böser Ironie und Verwünschungen: "Klassisches Eigentor" ist einer der häufigsten Anmerkungen. Ein "Werner Heisenberg" merkt an, dass auf der Homepage des Unternehmens das vorgeschriebene Impressum fehlt und ein Simon prophezeit: "Ich weiß, wer auch bald Hartz IV ist." Auch wenn sich die Firma selbst gerade wegduckt, so scheint zumindest der im Zentrum des Shitstorms stehende Harald Koep reagiert zu haben: Auf seiner eigenen Facebook-Seite hat er offenbar sein Profilfoto gegen ein Inselmotiv ausgetauscht, und den angeblichen Hinweis auf seine familiäre Verquickung mit der Geschäftsführerin gelöscht, wie einige Kommentatoren festgestellt haben wollen.

Ob Clemens & Partner bereits erste geschäftliche Konsequenzen zog, die viele Facebook-User dem Unternehmen offenbar gönnen, ist wegen der fehlenden Auskunftsbereitschaft nicht bekannt. Allerdings hat Max Roth, Musiker und Veranstalter, bereits angekündigt, "bei allen angehenden Events und Veranstaltungen davon Abstand zu nehmen, Sie und/oder Ihre Firma zu empfehlen und/oder zu beauftragen." Und er geht noch weiter: "Ich weiß sehr wohl, dass die gestartete Kampagne 'gegen Ihr Unternehmen' für Sie existenzbedrohend werden kann. Ich muss Ihnen leider sagen, dass ich diese Kampagne nicht nur billige, sondern auch noch aktiv unterstützen möchte." Angesichts des unbändigen Shitstorms tue ihm die Firma schon fast wieder leid, sagte Roth stern.de. "Ich würde meinen Kommentar jetzt vielleicht ein wenig die Schärfe nehmen, aber inhaltlich bleibe ich dabei", so der Künstler.

"Deutschlandweiter Spott und Shitstorm: unbezahlbar"

Kampagne hin oder her: Aufmerksamkeit ist der Anhängerverleihfirma nun gewiss. "Hüpfburg für einen Tag: 100 Euro, deutschlandweiter Spott und Shitstorm: unbezahlbar", spottet ein Justus. Ob die Aufmerksamkeit allerdings im Sinn einer alten Marketing- und Medienregel ist, nach der auch schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, kann mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden. An der gewünschten Hüpfburg jedenfalls wird es den Abiturienten des Städtischen Gymnasiums Eschweiler nicht mangeln. Ein anderes Unternehmen spendiert ihnen nun das Spielzeug für ihren Abistreich. Und die Schüler sowie ihre Eltern und Freunde werden sich Anhänger demnächst wohl auch woanders leihen.

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