HOME

Nach den schweren Unwettern: Die bewegenden Berichte über die Hilfsbereitschaft im Süden

Wo die Katastrophe ist, ist immer auch Solidarität: Nach den verheerenden Unwettern in Deutschland sprach der stern mit Opfern und mit Helfern. Heraus kamen sechs rührende Geschichten, die den Glauben an die Menschheit zurückbringen.

Von den schweren Unwettern in Deutschland waren nicht bloß Braunsbach und Simbach am Inn betroffen. Auch Orte, die nicht im Fernsehen zu sehen waren, hatten schwer mit den Folgen von Gewitter und Hochwasser zu kämpfen. Doch wo die Katastrophe ist, ist immer auch Solidarität: Wir haben mit den Opfern und mit den Helfern vor Ort gesprochen.

Sechs Protokolle von sechs Menschen, die verzweifelt sind und von Menschen, die Hoffnung spendeten.

Uschi Bruttel, 50, aus Olnhausen

"Ich wohne mit meiner Familie in Olnhausen, im nördlichen Landkreis Heilbronn. Wir wohnen in einem alten Bauernhaus von 1911, ein Zweifamilienhaus. Das haben wir viele Jahre lang renoviert - jetzt wurden wir von dem Unwetter schwer getroffen. In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai kam gegen Mitternacht das Wasser. Zwei Meter vor der Hauswand ist ein unterdohlter Kanal. Der war vom vielen Geröll verstopft und ist regelrecht explodiert; die ganze Straße ist aufgerissen. Der Schlamm, das Wasser und der Unrat wurden dann auf unser Grundstück gespült.

Uschi Bruttel

Uschi Bruttel

Meine Tochter und ihr Mann leben mit im Haus. Als sie sahen, dass ihre Autos noch mittendrin standen, liefen sie im Schlafanzug auf die Straße, um sie wegzufahren. Man denkt in dem Moment nicht darüber nach, ob das jetzt lebensgefährlich ist. Man denkt bloß: Was kann ich retten? Gerade als sie im Auto saßen, kam der Gully hoch und die Straße riss auf. Innerhalb von ein paar Minuten lief unser Keller komplett voll: 1,5 Meter hoch, das Wasser kam schon von unter die Kellertreppe rauf. Gegen drei Uhr nachts kam dann die Feuerwehr. Der Schlamm blieb liegen, wurde hart wie Beton. Und immer wieder läuft Wasser durch die Mauern nach, der Boden ist ja noch lange nicht trocken.

Ohne die Hilfe von Freunden und Mitbürgern aus dem Ort hätten wir das nicht geschafft. Da kamen Menschen, die ich seit einem Jahr nicht gesehen habe. Die Nachbarn haben unsere Wäsche gewaschen. Unsere Frisörin hat ihren Laden zugemacht, um uns zu helfen. Auch völlig Fremde halfen mit, brachten Eimer, Schaufeln und Hochdruckreiniger. Bei jeder Schubkarre, die die Helfer vollpackten, kamen mir die Tränen. Das war so beschämend und erleichternd zugleich, dass so viele Leute für uns ackerten. Noch immer haben wir keine Heizung und kein warmes Wasser. Wir haben riesige Angst, dass die Versicherung nicht alles übernimmt."

Benny Rücker, 24, aus Darmstadt

"Ich war vier Tage in Braunsbach, um dort zu helfen. Dafür hatte ich Zeit, da ich leider zurzeit arbeitslos bin. Ich habe die Bilder aus Braunsbach im Fernsehn gesehen - sowas hatte ich noch nie gesehen - und dann auch noch in Deutschland. Und Deutschland ist klein, da kann man auch helfen. Ich hätte mir das nicht weiterhin in den Nachrichten angucken und dabei untätig rumsitzen können.

Benny Rücker

Benny Rücker

Ich bin runter gefahren, ohne mich um einen Schlafplatz zu kümmern, ich durfte dann in einer leerstehenden Halle übernachten. Wir Helfer gingen um vier ins Bett und standen um acht wieder auf und machten weiter.

Was ich da alles gesehen habe - Trümmerberge, mehrere Meter hoch, offene Gasleitungen, abgedeckte Dächer. Ich stand am Anfang auf einem Trümmerhaufen und mir kamen echt die Tränen. Das waren zum Teil große, schöne Häuser, denen konnte man ins Wohnzimmer gucken. Da standen die Bewohner vor der Tür und haben überlegt, welche ihrer zerstörten Erinnerungsstücke sie wegwerfen und welche sie doch behalten. Ich habe geholfen, Geröll und Schlamm wegzuschippen, Dächer abzudichten, schimmelnde Tapeten abzuziehen, mit dem Hochdruckreiniger zu putzen. Es war eine wahnsinnige Arbeit, aber es hat sich schon gelohnt. Genervt haben mich diese Katastrophentouristen, die in schicken Klamotten kamen, nur, um Selfies vor den kaputten Häusern zu machen."

Katy Kolovos-Madzar

Katy Kolovos-Madzar

Katy Kolovos-Madzar, 47, aus Bietigheim-Bissingen

"Ich will da gar nicht so viele Lorbeeren, ich habe vor allem Hilfe vermittelt. Gerade die kleineren Orte haben wohl nicht mit so vielen Helfern von außerhalb gerechnet und hatten auch keine Koordination oder Verpflegung. Ich konnte selbst nicht hinfahren, da habe ich dann eben organisiert. Ich habe die Facebook-Gruppe "Hilfe für Flutopfer 2016" moderiert, Informationen geteilt, Spendenaktionen gestartet und Helfer vermittelt. Mein Mann hat die Helfer abgeholt und zu den Orten gefahren, an denen sie gebraucht wurden."

Mathias Mack, 37, aus Kleinhirten

"Ich komme aus Langeburg-Kleinhirten und mein Arbeitskollege wohnt direkt im Gebiet, das schlimm betroffen war. Ich war sowieso gerade zu Hause, weil vor zwei Wochen erst mein kleiner Sohn zur Welt gekommen ist. Damals, 2003, war ich mit dem THW als Ehrenamtlicher auch bei der Jahrhundertflut dabei, um zu helfen. Aber jetzt, mit fünf Kindern, geht nicht mehr so viel mit Ehrenamt. Im Fernsehen waren immer nur Braunsbach und Simbach zu sehen, aber es gibt auch viele kleinere Orte, die schlimm mitgenommen wurden.

Mathias Mack

Mathias Mack

Vor Ort haben wir Keller abgepumpt, Geröll weggeschafft, Schlamm weggeschippt und Dächer abgedeckt. Wir waren so etwa 25 Helfer, am Anfang kannten wir uns nicht, aber wir sind schon eine kleine Familie geworden. Erst waren wir nur bei meinem Arbeitskollegen, dann im ganzen Dorf. Wir haben gesagt, wir bauen das alles nochmal schön neu auf. Unter den Helfern haben wir einen Aufruf gestartet: Wer hat noch Holz daheim? Damit bauen wir den Leuten jetzt auch wieder Möbel, Regale und was man so braucht. Ich bin ja Handwerker. Ich bin abends zum Schlafen immer die 30 Kilometer nach Hause gefahren. Aber einer der Helfer kam sogar jeden Tag die 180 Kilometer aus Fulda; eine Baufirma hat uns Bagger gespendet. Man kann das nicht beschreiben, diese Solidarität unter den Leuten.

Der Ort war schon schwer vom Unwetter betroffen. Bei einer Familie hat's die Pflastersteine vom Hof gerissen, der Spielplatz daneben ist auch ganz kaputt. Das bauen wir jetzt alles wieder auf."

Reinhard Mummert, 52, aus Ersingen

"Ich war unterwegs, als das Unwetter heftig wurde. Dann bekam ich einen Anruf von meinem Vermieter, mit der Info, dass meine Einliegerwohnung gerade vollläuft. Das Wasser stand vor der Tür 1,20 Meter hoch - aber die Haustür hielt zum Glück relativ dicht: Drinnen standen nur etwa zehn Zentimeter Wasser. Das hat mir aber auch schon gereicht. Ich musste schnellstens alles raus schaffen, aber wohin? Ich habe auf Facebook um Hilfe gebeten - und tatsächlich haben sich zwei Helferinnen bei mir gemeldet. Zwei Mädels waren so lieb und haben mit mir Kisten gepackt, ich musste da ja im Hau-Ruck-Verfahren ausziehen. Die Solidarität fand ich wirklich gigantisch. 

Reinhard Mummert

Reinhard Mummert

Bei meinem Aufruf hat sich auch jemand aus der Umgebung gemeldet, er hat mir sein Büro als Stellplatz für meine Sachen angeboten. Ich schlafe so lange bei Freunden. Aber das kann dauern: Der Boden muss raus; wenn auch der Estrich neu gemacht werden muss, habe ich noch für acht Wochen keine Wohnung. 

Ich habe keine Versicherung, die das abdeckt. Denn eigentlich wohne ich gar nicht im Überschwemmungsgebiet. Hoffentlich bekomme ich wenigstens die 500 Euro Soforthilfe vom Land. Ich musste ja auch einen Miet-LKW bezahlen, um meine Sachen abzutransportieren. Bett, Couch, Anrichte sind hin - das muss ich alles neu kaufen. Einige Erinnerungsstücke sind natürlich nicht zu ersetzen, meine Fotoalben, zum Beispiel. Da waren meine ganzen Kinderfotos drin."

Hans Wache, 41, aus Baienfurt 

"Ich habe ein Transportgeschäft in der Nähe von Ravensburg. Als ich die Bilder aus Braunsbach in den Fernsehnachrichten gesehen habe, hab ich schon erkannt, dass meine Fahrzeuge da nützlich wären. Braunsbach liegt 350 Kilometer weit von hier weg, aber das war mir egal. Ich habe übers Internet Kontakt zu Menschen aufgenommen, die Sachen spenden wollten für diese Leute, die wirklich alles verloren haben.

Hans Wache

Hans Wache

Dann sind wir einmal quer durch Baden-Württemberg gefahren, zu jedem Spender hin, und haben alles eingesammelt. Kleidung, Spielsachen für die Kinder und auch Getränke für die Helfer. Ich finde es toll, dass meine Mitarbeiter da einfach so mitgemacht haben. Sie sind mitgekommen und haben für diesen Tag auf ihren Lohn verzichtet. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und habe normalerweise eine ziemlich große Klappe. Aber da lief mir die Gänsehaut rauf und runter. Ich habe eine Familie mit sieben Kindern gesehen, die da jetzt vor dem Ruin steht. Die haben alles verloren; das Haus ist kaputt, die Möbel. Uns haben die Worte gefehlt. Was soll man da denn auch sagen - 'Viel Glück'?

In ein paar Tagen fahre ich runter nach Simbach und bringe Gummistiefel und Arbeitshandschuhe für die Helfer vorbei. Für die wird auch viel gespendet und weiterhin gebraucht."