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Urteil gegen Chefarzt Heinz W. "Es ging nicht um Rache, sondern darum, dass weiteren Frauen nicht dasselbe passiert"

Heinz W. vor Gericht: Sexspielzeug als medizinische Notwendigkeit
Heinz W. vor Gericht: Sexspielzeug als medizinische Notwendigkeit
© Nicolas Armer/DPA
Wegen schwerer Vergewaltigung mehrerer Frauen ist ein früherer Chefarzt aus Bamberg schuldig gesprochen worden. Er hatte gehofft, freizukommen. Der stern sprach nach dem Urteil mit dem Anwalt der Frau, die den Fall vor Gericht brachte.

Dreimal platzt es während des Urteilsspruchs wütend aus Heinz W. heraus. Erst mit der Androhung eines Bußgelds bringen ihn der Richter und der Oberstaatsanwalt zum Schweigen. Der zu sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilte ehemalige Chefarzt des Bamberger Klinikums ist tief gefallen, doch gebrochen ist er nicht. Er sieht sich als ein Justizopfer - das Gericht dagegen sieht bei ihm sexuelle Abgründe.

Der inzwischen 51-jährige W. galt bis zu seiner Festnahme im Sommer 2014 als eine der Koryphäen der Gefäßchirurgie in Deutschland. Eine junge Medizinstudentin zerstörte mit ihrer Anzeige dieses Bild.

Praktikantin ohne Zustimmung betäubt

Die Frau machte damals als Praktikantin in W.s Abteilung bei einer angeblichen Studie mit. Doch weil sie danach unerklärliche Gedächtnislücken hatte, ließ sie sich von ihrem Vater - selbst ein Arzt - eine Blutprobe entnehmen. Das Ergebnis: Sie war ohne ihre Zustimmung betäubt worden.

Was in der Zeit der Betäubung geschah, hat der Arzt mit 18 Fotos und einem dreizehnminütigen Video dokumentiert. In dem zu großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Verfahren waren die Bilder gezeigt worden.

Richter Manfred Schmidt schildert nun in seinem Urteil, dass W. Sexspielzeug anal und vaginal bei der wehrlosen Frau einführte. Das bestreitet W. auch gar nicht - er nennt es bei dieser und bei elf weiteren Frauen aber medizinisch notwendig.

Für den Richter eine nachgewiesene Falschbehauptung: "Hier zu behaupten, dass die medizinische Indikation in allen Fällen das Maßgebliche war, ist für uns ausgeschlossen."

Es ist ein wohl nur aus der egozentrischen Persönlichkeit des Arztes heraus zu erklärendes Phänomen des mit über hundert Zeugenbefragungen detailreich geführten Prozesses, dass der Angeklagte bis zum Ende an seiner Version festhält. Noch unmittelbar vor der Urteilsbegründung spricht er von "völlig absurden Anschuldigungen". Zu seinen Taten sagt er: "Stets und ausschließlich wurden sämtliche Untersuchungen medizinisch notwendig durchgeführt." Doch dem widersprechen nicht nur Staatsanwalt und Richter. Auch die in dem Prozess als Zeugen gehörten Ärzte halten die vermeintlichen Behandlungsmethoden für absurd.

Videos, Bilder - alles spricht gegen W.

Zwei Verhaltensweisen von W. sind nicht nur den Experten unerklärlich: Er machte die Videos und Bilder des Intimbereichs seiner Opfer, ohne sie irgendwo zu dokumentieren oder die Frauen darüber zu informieren. Und er betäubte die Patientinnen ohne deren Zustimmung und Wissen.

Mit dem Urteil hadern am Ende des Prozesses allerdings alle Prozessbeteiligten. Natürlich in erster Linie der einstige Chefarzt, der Familienvater geht laut seiner Verteidigerin "selbstverständlich" in Revision.

Aber auch die Staatsanwaltschaft hadert. Sie wollte für W. die Höchststrafe von fünfzehn Jahren Haft und ein lebenslanges Berufsverbot - nun soll dieser nur etwa halb so lang ins Gefängnis und lediglich fünf Jahre nicht praktizieren dürfen.

Das sagt Carina T.

Besonders getroffen ist die junge Frau, die den Fall erst ins Rollen brachte. Die Verteidigung des Angeklagten ging sie im Prozess massiv an und rückte sie in die Ecke einer Betäubungsmittelabhängigen - was das Gericht als widerlegt bezeichnete. Carina T. (Name von der Redaktion geändert) hatte vor dem Prozess dem stern ihre Geschichte erzählt. Sie erschien zur Urteilsverkündung nicht im Gerichtssaal. Der stern fragte bei Anwalt Jürgen Scholl nach und wollte wissen, wie sie auf das Urteil reagierte.

"Ich habe gerade mit meiner Mandantin gesprochen. Sie ist froh, dass endlich ein Urteil da ist. Es ging ihr nicht um Rache, sondern darum, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt und dass weiteren Frauen nicht dasselbe passiert, es keine weiteren Opfer gibt." Weiter sagte er: "Wenn man das unmögliche Verhalten des Angeklagten - insbesondere gegenüber meiner Mandantin - berücksichtigt, die mehrfachen Versuche, die Ehrlichkeit von ihr und ihrer Familie in Zweifel zu ziehen, dann wird das Urteil dem nicht gerecht." 

"Das lediglich fünfjährige Berufsverbot erschließt sich uns nicht", so Scholl weiter zum stern. Die insgesamt zwölf Opfer würden schließlich bis heute unter dem Schock leiden, von einem Arzt ihres Vertrauens missbraucht worden zu sein.

stern AFP

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