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Urteil zur Bundespolizei: Weg mit Tattoos? Damit macht der Spießer-Staat keinen Stich

Ein Tattoo? Das geht gar nicht, sagt die Bundespolizei und weist eine junge Frau ab. Leben die Bürokraten in den Fünfzigern, fragt Gernot Kramper, und wünscht ihnen eine Welt ohne Tätowierte.

Als Unicef-Botschafter darf David Beckham wirken, für die Bundespolizei wäre er untragbar.

Als Unicef-Botschafter darf David Beckham wirken, für die Bundespolizei wäre er untragbar.

In den letzten Jahren sind wir alle schrecklich tolerant geworden. Was früher gar nicht ging, ist heute eine Bereicherung - fremde Kulturen, fremde Sitten, ungewöhnliche Lebensgemeinschaften. Während wir uns über eine Sängerin mit Bart freuen, kultiviert der Staat seine Vorstellungen aus den fünfziger Jahren. Neueste Ausgrabung aus dem Arsenal des Muffs: Der Tattoo-Erlass der Bundespolizei. Dort scheitert eine Bewerberin an einem großflächigen Tattoo am Unterarm. Moniert wird nur die Sichtbarkeit, irgendwelche anstößigen Inhalte zieren die Frau nicht.

Praktisch ein Berufsverbot

Das sei egal, die Behörde darf tätowierte Bewerber ablehnen, sagt das Verwaltungsgericht Darmstadt. Und wieso? In der Begründung heißt es, Bundespolizisten sollten keine Ansätze für Provokationen bieten. Warum aber ein Tattoo provokanter sein soll als etwa ein Zopf erschließt sich nicht. Der zweite Satz ist noch absurder: Sichtbare Tätowierungen sollen das Misstrauen des Bürgers schüren. Auch das ist eine Vorstellung aus der Zeit, als nur Knackis sich tätowieren ließen. Meine Großmutter hat so gedacht, doch ihre Generation ist vor etwa zwanzig Jahren ausgestorben.

Heute sind Tattoos die am meisten verbreitete Alltagskunst in Deutschland. Wer lässt sich heute noch malen? Wer gibt im Zeitalter des Selfies noch Geld für ein professionelles Portraitfoto aus? Kaum jemand. Aber wenn man versucht, bei einem angesagten Tattoo-Künstler unter die Nadel zu kommen, muss man mit Wartezeiten von über zwei Jahren rechnen.

Kein Sport ohne Tattoo

Also liebe Verwaltungsbeamten: Jenseits eurer Welt der höheren Amtsstuben sind Tattoos total normal - eure eigenen Kinder sind vermutlich auch verziert. Schön muss man die Mode mit missratenen chinesischen Schriftzeichen und verblassenden Arschgeweihen nicht finden, aber mit welchem Grund sollten Tattoo-Träger zeitlebens diskriminiert werden? Und etwas anderes ist ein Defacto-Berufsverbot für Tätowierte wohl kaum. Mal angenommen, Lidl oder Amazon hätten eine Frau wegen eines Doppelaxt-Tattoos rausgeworfen - was wäre dann los? Natürlich ein #Aufschrei und das ganz zu Recht. Und scheinheilige Politiker, die sich selbst eine tattoofreie Polizei verordnen, hätte die Intoleranz bei anderen sicher angeprangert.

Die verstaubten Bürokraten sollten sich einmal weitere Berufs- und Einsatzverbote vorstellen. Wenn sie verunglücken, sollten dann etwa nur garantiert nicht tätowierte Sanitäter und Feuerwehrleute ausrücken dürfen? Damit die Herrschaften nicht unnötig provoziert werden. Bei der Freiwilligen Feuerwehr wäre es dann wohl unwahrscheinlich, dass ein Zug die Wache verlassen könnte. So weit würden sie dann doch nicht gehen, bei Hilfe und Pflege ist ein Tattoo dann wieder ganz okay.

Ich wünsche ihnen jedenfalls eine tattoofreie Weltmeisterschaft. In der Nationalmannschaft schrumpft der Kader ohne die Tattoofreunde Jerome Boateng, Marco Reus, Lukas Podolski und Co. ziemlich zusammen. In anderen Mannschaften ist das genauso. Ohne Tattoos könnte man wohl nur Dreier-Teams aufstellen.

Unsere Polizei-Bürokraten könnten sich statt am aktuellen Kader an einem Bild der 1974er Elf erfreuen. Ja, das waren noch die schönen Zeiten ohne Hautbemalung. Aber zufrieden waren sie damals auch nicht gewesen: Denn 1974 war das Tattoo nicht das Hassobjekt der Spießer, damals brüteten sie Haar- und Barterlasse aus. Geändert hat sich bei ihnen wenig.

Gernot Kramper