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US-Militärkrankenhaus Landstuhl: "Keine Prothese kann mein Bein ersetzen"

Ihre Haut ist verbrannt, sie haben Beine und Arme verloren, Granatsplitter stecken in ihren Körpern. Täglich werden schwer verletzte US-Soldaten aus dem Irak und Afghanistan ausgeflogen. Sie landen im amerikanischen Militärhospital im pfälzischen Landstuhl. stern.de hat den Ort voller Leid und Schrecken, voller Patriotismus und Hoffnung besucht.

Von Malte Arnsperger, Landstuhl

Der Schnee hat den Landstuhler Kirchberg weiß gefärbt. Genauso blütenweiß wie die dünne Leinendecke, die Charles Parkers Unterleib bedeckt. Der dunkelhäutige Mann schaut aus dem Fenster, er kann von seinem Krankenbett aus die Wipfel der gepuderten Bäume sehen. Es ist ein erschöpfter, trauriger Blick. Seine gefalteten Hände hat er auf seinem Bauch abgelegt. Langsam wandert sein Blick auf den kleinen Tisch neben ihm. Dort liegen zwei Din-A4 große, durchsichtige Beutel, gefüllt mit einer farblosen Flüssigkeit: das Schmerzmittel. Es tropft durch dünne Schläuche, sie führen unter der Decke zu seinem rechten Bein. Plötzlich zuckt der US-Soldat zusammen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasst er sich an seinen rechten Unterschenkel. Doch der Griff geht ins Leere.

Sein Bein ist nur noch ein Stumpf, und dennoch hat Corporal Parker Glück gehabt. Er lebt. Ein Wunder. Sein Kamerad hat es nicht geschafft. Er starb wenige Tage zuvor, nachdem die beiden US-Soldaten im irakischen Tikrit in einen Hinterhalt geraten waren. Ihr Humvee wurde von beiden Seiten von Granaten getroffen. Sofort eröffneten die Angreifer - irakische Aufständische, meint Parker - das Feuer. Der Maschinengewehrschütze auf dem Dach des Humvee konnte sich irgendwie schützen. Parker nicht. Eine Kugel durchschlug das Knie des 32-Jährigen. Stark blutend rettete er sich mit letzter Kraft aus dem Kugelhagel, dann fiel er in Ohnmacht. Einem Gefechtssanitäter, der das Bein mit der klaffenden Wunde sofort abklemmte, verdankt Parker sein Leben. Noch im Krankenhaus in Bagdad wurde ihm das Bein unterhalb des Knies amputiert und sofort nach Deutschland evakuiert.

Drei Tage nach seiner Verletzung liegt der Soldat im Zimmer 10 C 221 im US-Militärhospital im rheinland-pfälzischen Landstuhl.

35.000 Kriegsverletzte wurden in Landstuhl behandelt

Was sich so bescheiden "Landstuhl Regional Medical Center" (LMRC) nennt, ist das größte US-Hospital außerhalb der Vereinigten Staaten. Normalerweise werden hier die Hautprobleme, Sportverletzungen oder Mandelentzündungen der über 245.000 Militärangehörigen des "European Command" behandelt. Auch heute erblicken durchschnittlich 2,3 Babys pro Tag das Licht der Welt im LMRC. Doch seit sich die politische Weltlage mit den Terroranschlägen des 11. Septembers drastisch verändert hat, Amerika in Afghanistan und im Irak Krieg führt, ist auch das Leben in der amerikanischen Enklave in Landstuhl ein anderes geworden. Statt sonst 120 Ärzten arbeiten hier nun 200, statt 16 Patienten werden nun 23 pro Tag aufgenommen. Seit 2001 wurden über 35.000 Patienten von OEF (Operation Enduring Freedom) und OIF (Operation Iraqi Freedom) in Landstuhl behandelt, mehr als 7600 mit Wunden aus der Schlacht eingeliefert - 543 aus Afghanistan, 7100 aus dem Irak.

Erik Harp hat viele davon begrüßt. Er ist einer von neun Kaplänen des Krankenhauses. Wann immer evakuierte "wounded warriors" - verletzte Krieger werden die Verwundeten ehrfurchtsvoll genannt - von der nahe liegenden US-Militärbasis in Ramstein auf den Kirchberg gebracht werden, empfängt einer der Geistlichen die Neuankömmlinge.

Auch heute, an einem verschneiten Morgen im März. Mit rund 30 Ärzten, Schwestern und Verbindungsoffizieren wartet Harp in der Lobby des Krankenhauses. Der kleine Mann mit dem akkuraten Seitenscheitel trägt wie fast alle Tarnkleidung. Im Krieg sind alle gleich.

"Du bist jetzt in Sicherheit"

Gleich zwei Flugzeuge sind vor wenigen Minuten in Ramstein gelandet. Das eine hat 20 Patienten aus dem Irak an Bord, das andere bringt acht Soldaten aus Afghanistan nach Deutschland. Drei sind im kritischen Zustand. Schwerstarbeit für das Empfangskomitee.

Ein blauer "Blue Bird"-Bus mit Verletzten rollt auf die Plattform vor der Notaufnahme des Krankenhauses. Die Hintertüren werden geöffnet. Sofort haben sich ein Dutzend Helfer um das Heck versammelt. Eine Trage wird aus dem Innenraum des Busses gehoben. Sechs Handpaare greifen nach der Liege, lassen sie langsam auf einen Rollwagen herab. "Intensivstation", ruft eine Schwester. Das gehört zur Routine, doch ist jedem hier klar. Denn im Körper des Soldaten stecken Schläuche und Drähte. Auf seinen Beinen liegen medizinische Geräte, Computer, eine Sauerstoffflasche. Obwohl sich der Patient in Narkose befindet und sein Kopf völlig verbunden ist, nähert sich Kaplan Harps rundes Gesicht dem Soldaten: "Willkommen in Deutschland", flüstert er ihm zu. "Du bist jetzt in Sicherheit. Gott segne dich." Schon wird der Patient eilig in die Eingangshalle geschoben, zwanzig Sekunden nachdem er vom Kaplan begrüßt wurde, befindet er sich im Aufzug zur Intensivstation.

Für Harp und seine Kollegen geht die Arbeit im Schneetreiben weiter. Nach einer knappen halben Stunde ist der letzte Patient im Krankenhaus verschwunden. Der Kaplan mit dem stets freundlichen Gesichtsausdruck atmet durch. Alle neun Schwerverwundeten, die nicht laufen können, hat er an diesem Morgen willkommen geheißen. "Es ist egal, ob mich die Verletzten hören oder nicht. Wir begrüßen alle. Die bei Bewusstsein sind, lächeln meistens zurück."

Seit zwei Jahren arbeitet der 35-Jährige in Landstuhl. Er sitzt im Büro des Chef-Kaplans. Hinter dem Schreibtisch steht ein großes Sternenbanner. Im Bücherregal steht neben einem Werk über das Dritte Reich und den "Großen Schlachten der Army" der Ratgeber "Wie verhindere ich es, einen Idioten zu heiraten". Harp stammt aus einem kleinen Kuhdorf in Oregon. Aus der amerikanischen Provinz, so wie viele der Soldaten, für die er im Moment des Leids die Verbindung nach oben darstellt. "Ich will, dass sie wissen, dass sie Gott trotz ihrer Verletzung liebt", sagt er im pastoralen Ton. Er ist Mormone, die Konfession spiele aber bei der spirituellen Erstversorgung keine Rolle.

Ob Mormone, Katholik oder Protestant: Wie lässt sich der Krieg mit seinem Glauben vereinbaren, steigen in ihm angesichts des täglichen Schreckens keine Zweifel auf? Aus Kaplan Harp wird urplötzlich Captain Harp: "Ich muss die Entscheidung den Politikern überlassen. Aber ich glaube, dass Freiheit extrem wichtig ist. Es ist ein Prinzip, wofür es sich lohnt, sein Leben zu riskieren." Fest blicken seine blauen Augen durch die dicken, runden Brillengläser. "Ich bin stolz und fühle mich geehrt, meinem Land und diesen Soldaten zu dienen."

Dienen, Stolz, Ehre. Worte, die im Krankenhaus von Landstuhl oft fallen. Das Militär ist der wohl patriotischste Teil des wahrscheinlich patriotischsten Volks der Welt. Und in Landstuhl kann sich der Vaterlandsliebe niemand entziehen. An der Wand vor der Cafeteria hängen Bilder von mit der "Medal of Honor" ausgezeichneten Soldaten, der höchsten Ehrenmedaille der amerikanischen Streitkräfte. Sie dienten in den Indianerkriegen, dem Bürgerkrieg oder den beiden Weltkriegen - den großen Schlachten der US-Armee. Auch zwei Irak-Veteranen wurde sie schon verliehen. Posthum. Damit hier niemand vergisst, wer der Chef ist, sind überall im Haus verteilt Tafeln mit der "Chain of Command", der Befehlskette, angebracht. Neben den Fotos einiger Generäle, dem Chef des Krankenhauses und dem Verteidigungsminister hängt dort auch ein etwas älteres Bild des Oberbefehlshabers, Präsident George W. Bush. Er grinst.

Corporal Parker weiß nicht, ob er grinsen oder weinen soll. Er tut beides. Ja, sagt er, er freue sich auf Zuhause. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Seit August 2006 war er im Irak. Nun wartet ein kleiner fünfjähriger Junge in der Hauptstadt Washington D.C. auf seinen Papa. "Meine Familie war einfach nur froh, dass ich lebe. Sie haben gesagt, dass sie für mich sorgen, egal, in wie vielen Stücken ich heimkomme."

Der schlaksige Soldat mit den kurzen, schwarzen Haaren erzählt all dies mit fester Stimme. Parker ist stolz, in der ruhmreichen 82nd Airborne Division zu dienen. "Das ist mein Beruf. Das ist wie eine Ehe." Deshalb hat er kein Verständnis für jene Leute in der Heimat, die die Soldaten, aber nicht den Krieg unterstützen. Er erlaubt sich nicht, die Sinnhaftigkeit des Krieges zu hinterfragen. Dies sei die Aufgabe der Politik. Nicht seine. Er denkt vielmehr an den toten Mitfahrer vom Schreckenstag in Tikrit. Zum ersten Mal bricht seine Stimme: "Ich habe einen Kameraden verloren." Tränen steigen ihm in die Augen. Und fast ebenso schlimm sei es, dass er seine Einheit nun nicht mehr im Kampf gegen die Aufständischen unterstützen kann. "Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Job nicht zu Ende gebracht habe und nun meine Jungs zurücklasse."

Verletzte Soldaten wollen zurück in den Kampf

Dieses Corpsdenken ist den meisten verwundeten Soldaten gemein. Kaum wachen sie aus der Narkose auf, kaum haben sie realisiert, dass sie noch am Leben sind, gilt der erste Gedanke den Kameraden auf dem Schlachtfeld. "Selbst die schlimmsten Verletzungen sehen die Soldaten als Herausforderung an, die sie meistern müssen. Größere Probleme bereitet ihnen oft, dass sie ihrer Einheit nicht mehr helfen können." Der Mann, der dies sagt, muss es wissen. Gary Southwell ist ein schlachtfelderprobter Psychiater, kommt gerade aus dem Irak zurück. Er hat sich schon nach dem Golfkrieg 1991 um die geschundenen Seelen der Soldaten gekümmert. Doch damals war der Einsatz im Irak kurz, heute dagegen besteht der langwierige Krieg aus unzähligen aufreibenden brutalen Schlachten. Das hat auch seine Arbeit verändert, sagt der 57-Jährige Southwell. Es gab 1991 nicht annähernd so viele Soldaten mit psychischen Problemen. "Jetzt haben wir sehr viele Patienten, die unter Gefechtsstress leiden. Zudem entwickeln rund 20 Prozent posttraumatische Symptome. Die Soldaten leiden unter Albträumen, nur das kleinste Geräusch schreckt sie auf und erinnert sie an die Bomben und Schießereien des Krieges."

In dem weitverzweigten Labyrinth des Krankenhauses in Landstuhl herrscht dagegen eine fast unwirkliche Ruhe. Keine schreienden Kinder, keine hektisch durch die Gänge eilenden Ärzte, keine lautstark diskutierenden Angehörige. Etwas Leben herrscht im Krankenhaus-Burger-King - bitte nur mit Dollars bezahlen. Hier scheint die Heimat zum Greifen nah. Es riecht nicht mehr nach Hospital, sondern nach Grillparty. "Die Soldaten sind froh, endlich wieder Burger zu genießen. Sie bestellen oft vier große auf einmal", sagt Verkäuferin Catherine. Und tatsächlich. An einem Tisch sitzt ein Soldat in grauem Trainingsanzug, "Army" steht auf seinem Rücken. Herzhaft beißt er in seinen Fleischberg mit Brot, an den Tisch hat er seine Krücken gelehnt.

Jeder hat ein Lächeln auf den Lippen

Trotz der schrecklichen Verletzungen herrscht keine Grabesstimmung in Landstuhl. Jeder hat ein Lächeln auf den Lippen. Man begegnet sich mit viel Respekt. Hier ist jeder wichtig: ob Schwester, Verwaltungsangestellter - oder der Arzt auf der Intensivstation. Einer von ihnen ist George Smith. Die buschigen Augenbrauen stellen einen starken Kontrast zu seiner spiegelglatten Glatze dar. Selbstbewusst spricht er, mit fester, lauter Stimme.

Smith ist Traumachirurg auf der Intensivstation, dem Herzstück des Krankenhauses. In Friedenszeiten werden hier drei Patienten pro Tag eingeliefert, nun neun. Doch wo sonst vor allem Herzinfarkte behandelt werden, liegen jetzt Soldaten mit Mehrfachamputationen oder mit bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Körpern auf den Operationstischen. Deshalb muss auch ein Reservist wie der 43-jährige Smith aus Texas Dienst tun.

So wie bei allen, mit denen man hier in Landstuhl spricht, sprudelt aus dem Arzt der Stolz über seinen Job. Mit Recht. Schließlich sind er und seine Kollegen mitverantwortlich dafür, dass nur noch jeder 16. Verletzte stirbt. In Vietnam überlebte nur jeder vierte. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass täglich schwer verletzte Soldaten eingeliefert werden, die oft so jung sind, dass sie in der Heimat noch nicht mal Alkohol trinken dürfen. Chirurg Smith arbeitet zwar erst seit August 2006 im LMRC, doch "ich werde es überdrüssig, ständig diese schrecklich verwundeten jungen Leute zu sehen. Das geht nicht spurlos an mir vorbei". Der erfahrene Arzt spricht nun langsam und nachdenklich. "Aber ich muss mich darauf konzentrieren, meinen Job zu machen. Denn unsere Arbeit ist sehr einfach im Gegensatz zu dem der Soldaten."

Für Corporal Parker geht es bald nach Hause. Wie die meisten Patienten bleibt er nur wenige Tage in Landstuhl. Nun wartet monatelange Reha auf ihn. Der Soldat spricht sich selbst Mut zu. Sein bester Freund sei Physiotherapeut, der werde ihm schon helfen. Zudem gebe es im Walter-Reed-Krankenhaus bei Washington ein sehr gutes Amputationsprogramm. Angst vor den angeblich so katastrophalen sanitären Verhältnissen dort hat er nicht. Wie sollte er auch, schließlich ist er gerade der Hölle Irak entkommen. Doch langsam scheint auch dem mutigen Soldaten zu dämmern, dass der Einsatz in Tikrit sein Leben verändern wird. "Dass mein Bein amputiert wurde, verwirrt mich sehr. Keine Prothese kann es je ersetzen." Wie um den Makel zu verdecken, legt er eine überdimensionale, von seinen Kameraden unterschriebene Flagge seiner Einheit über die schneeweiße Krankenhausdecke.