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USA: "Katrina" schweißt das Land zusammen

Tausende Hurrikan-Opfer sind weiter ohne Hilfe, das Krisenmanagement der Regierung Bush steht in der Kritik und Sprit ist teuer wie nie: Trotz der Krise hat die Welle des Patriotismus in den USA einen neuen Höhepunkt erreicht.

Von Jens Maier, Boston

Boston ist weit weg von den Katastrophengebieten Louisianas. Trotzdem weht vor dem State House der Hauptstadt Massachusetts derzeit die amerikanische Flagge auf Halbmast. Fast vier Jahre nach den Anschlägen des 11. September wird wieder getrauert, dieses Mal um die Opfer von Hurrikan Katrina. Und wie immer in Krisenzeiten hält die amerikanische Bevölkerung zusammen. "United we stand" heißt die Devise und diese verleiht dem - nach dem verpatzten Golf-Krieg - angekratzten Nationalgefühl der USA neuen Auftrieb.

US-Bürger stehen hinter ihrer Regierung

Fast scheint es so, als hätten die Amerikaner nur auf diesen Moment gewartet: Es ist eine Stunde der Trauer, aber auch endlich wieder der richtige Zeitpunkt, um das Nationalgefühl einer ganzen Nation zu stärken. Nicht ein terroristischer Anschlag, sondern die Naturgewalten des verheerenden Hurrikans Katrina, der mehrere tausende Menschen das Leben gekostet hat, fordern die USA heraus. Und wieder zeigt sich, dass die Bewohner der Vereinigten Staaten trotz aller Kritik an Präsident Bush und dessen Krisenmanagement, das auch in den US-Medien heftig diskutiert wird, hinter ihrem Land und ihrer Regierung stehen, wie es in Deutschland undenkbar wäre.

Nicht nur an den öffentlichen Gebäuden wehen die Fahnen dieser Tage auf Halbmast, es scheint so, als hätten die "Stars and Stripes" ganz Boston erobert. Zwar wird auch hier wie fast überall in den USA über die sprunghaft angestiegenen Spritpreise gejammert, die Gallone Normalbenzin kostet den in amerikanischen Augen horrenden Preis von derzeit ungefähr 3,30 Dollar, umgerechnet sind das 69 Eurocent je Liter, doch an der Solidarität zu den Opfern des Hurrikans ändert dies nichts. Auf Autoaufklebern ist wieder zu lesen "United we stand" oder "God bless America" - und das wohlgemerkt im Staat Massachusetts, dessen Bevölkerung Präsident Bush noch nie besonders wohl gesonnen war. Fast an jedem Einfamilienhaus in den Vororten der Metropole ist das Sternenbanner geflaggt. Es hängt über dem Eingang, steckt im Vorgarten oder weht stolz auf dem Dach.

Private Hilfswelle angerollt

Neben offiziellen Bekundungen der Trauer und des Gefühls ist eine riesige Hilfswelle angerollt. Schon am Samstag hatte Bostons Bürgermeister Thomas Menino angekündigt, mehrere tausend Flüchtlinge aus New Orleans in der Stadt aufnehmen zu wollen. "Wir möchten sicherstellen, dass Evakuierte sich in Boston fühlen, als würden sie dieser Stadt einen Ferienbesuch abstatten" ließ er keinen Zweifeln an der Hilfsbereitschaft. Und am Dienstag setzte Massachusetts Governor Mitt Romney noch eins drauf: Mit einem Gesetz, das an einem Tag beide Kammern des Neuengland-Staates passierte, machte er 25 Millionen Dollar locker, um 2.500 Flüchtlinge im Militärstützpunkt "Camp Edward" unterbringen zu können. Dort ist eine Versorgung über mehrere Monate hinweg sichergestellt.

Und im Gegensatz zu Barbara Bush, der Mutter des amtierenden US-Präsidenten, die sich besorgt darüber geäußert hatte, dass Flüchtlinge, die derzeit in Texas untergebracht sind, sich auf Dauer im reichen Nachbarstaat niederlassen könnten, ließ Romney keinen Zweifel daran, dass die Flüchtlinge auch auf Dauer willkommen seien. "Wer in Massachusetts bleiben möchte, für den werden wir eine Lösung finden", verkündete er im Fernsehen.

Überall stehen Spendenboxen

Doch nicht nur auf Regierungsebene, auch unter der Bevölkerung ist eine große Hilfsaktion angelaufen. In fast jedem "Fast-Food"-Laden in Boston stehen Spendenboxen für die "Opfer des Hurrikans Katrina", am Labour-Day am vergangenen Montag, einem der wenigen offiziellen Feiertage in den USA, haben mehrere Freiwillige ihren freien Tag geopfert, um im Bostoner "Columbus Park" für die Katrina-Opfer zu sammeln. "Wir stellen sicher, dass diese Gelder ausschließlich Katrina-Opfern zu Gute kommen", lassen sie jeden Spender wissen. Im Fernsehen jagt in der Zwischenzeit ein Spendenmarathon den nächsten, Hollywood-Star Leonardo DiCaprio höchst persönlich ruft in einem Sender zu Spenden auf.

"United we stand" – das ist in den USA eben nicht nur eine leere Floskel, sondern der Ausdruck eines Lebensgefühls, das im Ausland oft mit übertriebenem Nationalismus verwechselt wird. Kritik am Nationalstolz wird mit Unwillen und Unverständnis zur Kenntnis genommen. Zum Trotz ist der Kreis derjeniger, die um Gottes Schutz angefleht werden, deshalb neuerdings noch enger gefasst: Nicht mehr "God bless America", sondern "God save the USA" ist auf den Aufklebern zu lesen.