Vatikan und Aids Papst auf Teufel komm raus


Benedikt XVI. scheint keine Gelegenheit der Provokation auszulassen. Kaum ist die Affäre Williamson beigelegt, kritisiert der Papst den Gebrauch von Kondomen in Afrika. Doch seine scheinbar zur Unzeit geäußerte Kritik an der reinen Vernunft macht aus kirchenpolitischer Sicht durchaus Sinn.
Ein Kommentar von Manuela Pfohl

Am Anfang war das Wort: Das Verteilen von Kondomen löse das Problem Aids nicht, es würde dadurch nur verstärkt. Am Tag Eins seines Afrika-Besuches machte Papst Benedikt XVI. keinen Hehl daraus, wohin die Reise geht: Stramm in Richtung einer erzkonservativen Verweigerungspolitik, mit konsequenter Ignoranz an der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts vorbei. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Mit Entsetzen und Ratlosigkeit reagieren Hilfsorganisationen und Gesundheitspolitiker auf die päpstliche Erklärung. In Afrika selbst sterben derweil die Menschen wie Fliegen - an Aids. 1,5 Millionen oder 75 Prozent der weltweit geschätzten Todesfälle entfielen laut einer Studie der Vereinten Nationen im Jahr 2007 allein auf die afrikanischen Länder südlich der Sahara. 22 Millionen (67 Prozent) aller weltweit HIV-infizierten Erwachsenen und Kinder lebten dort.

Die Neuinfektionen machten 1,9 Millionen oder 70 Prozent der weltweit geschätzten Fälle aus. Dem UN-Programm gegen Aids (UNAIDS) zufolge trugen 2007 in dieser Region rund fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung das Virus in sich. Völlig unstrittig unter allen Fachleuten ist, dass der Gebrauch von Kondomen zu den preiswertesten, am einfachsten verfügbaren und sichersten Methoden der Aids-Prävention zählt.

Ratzinger als ausgebuffter Stratege

Vor diesem Hintergrund fragt sich jeder einigermaßen aufgeklärte Mensch, warum das Oberhaupt der katholischen Kirche ausgerechnet jetzt, kaum dass die Wogen der Entrüstung über seine unselige Rehabilitierung des Holocaustleugners Richard Williamson etwas geglättet sind, mit dieser Aids-Aussage erneut an die Öffentlichkeit tritt. Ist es die pure Lust an der Provokation, nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert…? Oder ist es die Starrsinnigkeit eines alten Mannes, dessen Geist sich im Gestern verschanzt hat?

Mitnichten. Die Aids-Erklärung des Papstes dürfte weder unbedacht noch in blanker provokativer Absicht abgegeben worden sein. Viel wahrscheinlicher ist, dass Ratzinger seinem Ruf als ausgebuffter Stratege mal wieder alle Ehre gemacht hat. Dann wäre die scheinbar zur Unzeit erfolgte Ablehnung von Kondomen und die damit verbundene Kritik an der reinen Vernunft ein weiteres wichtiges Signal an den fundamentalistischen Rand der katholischen Kirche. An all jene, die wie die umstrittenen ultrakonservativen Pius-Brüder, offenbar nicht in erster Linie an einen Dienst am Menschen, sondern an einen Dienst an Gott glauben. Von dem sie annehmen, er habe es in der Hand, den Weltenlauf zu lenken, was wiederum nichts anderes bedeuten kann, als Aids als gottgewolltes Schicksal anzusehen.

Heerführer des christlichen Glaubens

Das darf angesichts der unzähligen Opfer und der verheerenden Auswirkungen der Seuche auf die Entwicklung des afrikanischen Kontinents durchaus als menschenverachtend und zynisch interpretiert werden. Aus Sicht des Vatikans ist die Position des Papstes nur folgerichtig. Denn angesichts des weltweit schwindenden Einflusses der katholischen Kirche, die sich immer weniger auf die Glaubensfestigkeit ihrer mitteleuropäischen Schäfchen verlassen kann, ist der Papst geradezu gezwungen, schnellstmöglich starke Allianzen zu schmieden. II. Vatikanisches Konzil hin oder her.

Nur so kann er verhindern, dass die jahrhundertlange Macht und der finanzielle und politische Einfluss des Vatikans in der Gesellschaft irgendwann verschwinden. Die Kirche braucht ihre ultrakonservativen Anhänger. Eine Armee des Glaubens, die ohne Wenn und Aber zu den Dogmen der Mutter Kirche und gegen die Säkularisierung der westlichen Welt steht. Benedikt XVI will in die Kirchengeschichte als ein Papst eingehen, der als Heerführer des christlichen Abendlandes den Kampf konsequent geführt hat. Auf Teufel komm raus.


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