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stern-Gespräch

Klimawandel: Was jeder von uns gegen die Erderwärmung tun kann? Darauf hat Starautor Foer eine klare Antwort

Der Autor Jonathan Safran Foer erklärt, was jeder von uns gegen die Erderwärmung und dadurch gegen den Klimawandel insgesamt tun kann.

Interview: Nicolas Büchse

Gegen Erderwärmung hilft Fleischverzicht, meint Autor Jonathan Foer

Jonathan Safran Foer, 1977 in Washington, D.C., geboren, galt er schon früh als literarisches Wunderkind. Mit 25 veröffentlichte der Enkel jüdischer Holocaust-Überlebender den Roman "Alles ist erleuchtet" über einen Amerikaner, der in der Ukraine nach Spuren seiner ermordeten Vorfahren sucht. 2010 erschien "Tiere essen", ein Weltbestseller über Fleischkonsum und dessen Folgen. Sein neues Buch heißt "Wir sind das Klima" und behandelt u.a. das Thema Erderwärmung. Foer lebt in Brooklyn, New York.

Herr Foer, Amerika hat einen Präsidenten, der einmal twitterte, die Chinesen hätten den Klimawandel erfunden, um der US-Industrie zu schaden.

Das ist unglaublich bescheuert. Aber Trump ist nicht das Problem.

Wer dann?

Ich war lange das Problem. Leute wie ich, die lange all diese richtigen Sachen sagten und die richtigen Meinungen ver­traten. Und trotzdem viel zu wenig getan haben. Wir müssen uns vor uns selbst fürchten. Ich bin es doch selbst, der meine Kinder in Gefahr bringt, wenn ich nicht endlich etwas tue. Trump ist nur ein sehr bequemer Prügelknabe für uns.

Der Juli war weltweit der heißeste ­Monat, der je gemessen wurde. Hitzewellen schwappten über Europa und die Arktis, in Grönland schmolzen Milliarden Tonnen an Eis – wir wissen, dass es schlimm aussieht für die Zukunft unseres Planeten. Warum tun wir so ­wenig dagegen?

Darf ich eine Gegenfrage stellen?

Klar.

Wie sind Ihre Essgewohnheiten?

Ich bin Fleischesser, der gern weniger Fleisch essen würde, aber das klappt nicht so richtig.

Warum nicht?

Weil ich den Geschmack von Fleisch mag. Ich habe Ihr Buch "Tiere essen“ ­gelesen, aber mich haben Sie nicht so richtig bekehren können. Obwohl ich Ihre Kritik an der Fleischindustrie teile.

Können Sie sich vorstellen, morgen beim Frühstück auf tierische Produkte zu verzichten?

Video: Klima-Demonstranten versperren Eingänge zur IAA

Das würde für mich bedeuten: keine Milch mehr.

Nehmen Sie stattdessen Hafermilch. Die mag ich am liebsten. Ein Vegetarier muss aus Ihnen nicht werden. ­Sagen Sie einfach: Zum Frühstück verzichte ich auf Tierprodukte, morgen lege ich los! Und dann denken Sie ­darüber beim Mittag­essen nach. Vielleicht schaffen Sie es, auf Fleisch zu verzichten. Sich regelmäßig die Frage zu stellen, was man tun kann und was man zu tun bereit ist, ist die Lösung. Haben Sie Kinder?

Ja.

Was wäre, wenn Sie ein Gespräch mit ihnen führten und sagten: Hey Leute, wir wissen, dass es besser ist für die Erde. Ich esse weniger, und ich fände es gut, wenn ihr mir dabei helft und mich daran erinnert. Ich habe das meinen Söhnen gesagt, es hilft mir sehr, sie als Zeugen zu haben.

Sie schreiben, es gebe vier Dinge, die ein Individuum tun kann im Kampf gegen den Klimawandel. Weniger fliegen, ­weniger Auto fahren, weniger Kinder bekommen, weniger Fleisch essen.

Richtig. Aber die wenigsten Leute denken gerade über ein Kind nach. 85 Prozent der Amerikaner fahren mit dem Auto zur Arbeit, das lässt sich nicht so schnell ändern. Und geflogen wird oft geschäftlich. Aber jeder wird bald was essen und kann dabei sofort gegensteuern.

Inwiefern?

Wir kriegen den Klimawandel nicht in den Griff, solange wir die Nutztierhaltung nicht in den Griff bekommen. Nutzvieh ist laut einer Studie ver­antwortlich für 51 Prozent der weltweiten Emissionen. Das ist mehr als alle Autos, Flugzeuge, Kraftwerke und Fabriken zusammen

Wenn ich Vegetarier werde, löst das ein gewaltiges Problem wie den Klima­wandel auch nicht.

Wenn ich einen Laden beklaue, wird es auch nicht gleich die Weltökonomie aus dem Gleichgewicht bringen. Es ist trotzdem immer noch nicht richtig, es zu tun. Es stimmt natürlich, dass kein Individuum die Welt verändern kann. Aber jede Revolution ist die Summe individueller Entscheidungen. Unsere Essgewohnheiten sind keine kleine Sache. Die durchschnittliche individuelle CO2-Bilanz eines Menschen liegt bei 4,6 Tonnen pro Jahr. Um das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen, darf sie pro Jahr bis 2050 nicht höher ­liegen als 2,1 Tonnen. Wenn man sich zum Frühstück und Mittagessen vegan ernährt und zum Abendessen isst, was immer man will, hat das einen großen Effekt. Es spart 1,3 Tonnen. Wenn ­jeder das tun würde, würde es wirklich etwas ausmachen. Wir müssen moderat leben.

Das müssen Sie den meisten Menschen auf der Erde nicht sagen.

Da gebe ich Ihnen recht. Die Menschen in Bangladesch kommen auf eine CO2-Bilanz von 0,29 Tonnen pro Jahr, der Durchschnittsamerikaner auf über 18 Tonnen. Leute in Deutschland, Großbritannien und den USA müssen ihren Rindfleischkonsum um 90 Prozent reduzieren und den von Milchprodukten um 60 Prozent.

Selbst für uns im Westen ist vegetarische Ernährung eher was für Leute, die es sich leisten können, mehr Geld für Nahrung auszugeben. Ist Ihr Vorschlag nicht elitär?

Es ist teuer, sich gesund zu ernähren. Und jeder sollte das Recht auf Zugang zu ­gesunden, bezahlbaren Lebensmitteln haben. Aber eine gesunde vegetarische Ernährung kostet Amerikaner pro Jahr im Schnitt etwa 750 US-Dollar weniger als eine gesunde fleischbasierte Ernährung. Und sie ist nicht elitär. Aber natürlich ist Klimaschutz auch ein Klassenthema: Die Handlungen von reichen Menschen bestrafen arme Menschen. Und die Handlungen von reichen Ländern bestrafen arme Länder. Die Länder, die bereits jetzt am meisten unter dem Klimawandel zu leiden haben, sind die, die am ­wenigsten an Treibhausgasen abgeben.

Jonathan Safran Foer vor einem Bücherregal mit Trittleiter

"Der Klimawandel ist wie ein Krebstumor."

Was war bei Ihnen der Moment, in dem Sie selbst keine Ausrede mehr fanden und etwas änderten?

Jahrelang hörte ich mich den Satz ­sagen: Wir müssen etwas unternehmen. Er ist so etwas wie der inoffizielle Slogan unserer Zeit. Trotzdem unternimmt kaum jemand etwas. Entweder weil wir nicht wissen, was wir tun sollen, oder weil wir nichts tun wollen. Es ist, als ob wir über ein Schlachtfeld wankten und blind Platzpatronen abschössen. Oder, schlimmer, dieser Satz hier: Jemand muss etwas tun, die Regierung zum Beispiel. Der Klimawandel überforderte mich. Ich las von Superstürmen, Fluten und Dürren, las über die düsteren Prognosen. Irgendwann habe ich mich endlich näher damit beschäftigt, was ich tun kann. Dann dachte ich darüber nach, wie weit ich bereit bin zu gehen. Ich mag den Geschmack von Fleisch, ich bin kein ­Vegetarier, der es widerlich findet. Das machte es kompliziert. Ich glaube, ich begann endlich zu handeln, als ich mir gesagt habe: Hurra! Ich gehe an meine Grenzen, stelle mich einer Herausforderung, die ich mir selbst gesetzt habe.

Der amerikanische Autor Roy Scranton hat über die Geburt seines ersten Kindes geschrieben: "Als meine Tochter geboren wurde, habe ich zweimal geweint.“ Zuerst kamen Freudentränen, dann Tränen der Trauer: "Meine Partnerin und ich hatten unsere Tochter in unserem Egoismus zu einem ­Leben auf einem dystopischen Planeten verdammt, und ich sah keine ­Möglichkeit, sie vor der Zukunft zu beschützen.“ Ihre Söhne sind 10 und 13 Jahre alt. Empfinden Sie auch manchmal solch eine Trauer, wenn Sie an deren Zukunft auf einem sich erhitzenden Planeten denken?

Gefühle bringen uns nicht weiter. Wir sind nicht zum Untergang verdammt, es gibt unterschiedliche Szenarien, welche Folgen der Klimawandel haben wird. Sicher ist: Es werden Kinder sterben wegen des Klimawandels, aber es werden ­Kinder in ärmeren Ländern sein und nicht unsere. Um diese Kinder sollten wir uns auch sorgen. Wir wissen nichts über die genauen Auswirkungen des Klimawandels, es bringt auch nichts, sich an Horrorszenarien zu berauschen.

Was dann?

Wir sollten den Klimawandel sehr ernst nehmen. Wir sollten darüber nachdenken, was wir retten können und was nicht. Nicht jede Spezies wird aussterben. Die Frage ist aber, wie viele aussterben werden. Werden es 1000, 10.000 oder eine Million sein? Macht es etwas aus, wie ­viele Tage im Jahr Kinder sicher draußen spielen können? 10 oder 100 Tage oder das ganze Jahr? Wir müssen uns klar­machen, dass die Entscheidungen, die wir treffen, diese Fragen in der ­Zukunft be­ant­worten. Es ist aber kontraproduktiv, über unsere Gefühle zu reden. Werden sich die Enkel von Roy Scranton mal dafür interessieren, wie er sich fühlte? Wichtig wird sein, was er tat.

Für Ihr Buch haben Sie sich jahrelang mit Studien zum Klimawandel beschäftigt. Was haben Sie für sich ­gelernt?

Ich weiß nun, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein Punkt erreicht werden wird, an dem die Erwärmung Rückkopplungseffekte erzeugt, die den Klimawandel unaufhaltsam machen. Am gefährlichsten ist der Albedo-Effekt. Je wärmer die Erde wird, desto weniger Eis bleibt, um die Sonne zu reflektieren, und desto mehr Wasser und Land nehmen ihre Wärme in sich auf. Die Ozeane werden heißer, das Eis schmilzt noch schneller.

Jonathan Safran FoerCover 39

Vor allem Konservative sagen trotzdem: Lasst uns abwarten, ob alles so schlimm wird.

Ich war neulich in einer rechtspopulistischen Radioshow. Der Moderator sagte, er verstehe die Hysterie nicht, wir Menschen könnten uns schon auf den Klimawandel einstellen. Ich habe ihn gefragt: Warum stellen wir uns nicht ­sofort drauf ein? Das ist einfacher, als vor Flutwellen zu fliehen oder unsere ausgedörrte Heimat zu verlassen. Klima­wandel ist keine Krankheit wie Diabetes, mit der man leben kann. Er gleicht eher einem Krebstumor. Je länger wir warten, desto schwerer ist er zu heilen.

Und?

Zu meiner Überraschung war der Moderator am Ende der Sendung überzeugt. Wir müssen die Debatte über den Klimawandel entpolitisieren. Auch die große Mehrheit der Konservativen will etwas tun.

Während Sie sich mit dem Kli­ma­wan­del beschäftigten, mussten Sie oft an Ihre Großmutter denken. ­Warum?

1941, sie war gerade einmal 20 Jahre alt, ist sie aus ihrem polnischen Dorf geflohen, als die Nazis vorrückten. Warum hat meine Großmutter das Dorf verlassen, während es kein anderer tat, weder ihre Eltern noch ihre Geschwister oder Freunde? Sie war nicht schlauer, nicht tapferer. Sie wusste nichts, was die anderen nicht wussten. Sie wussten nur, dass die ­Nazis bald kommen würden. Ich frage mich: Was macht aus Wissen ­Handeln? Wie kann ich das in meinem Leben tun? Das frage ich mich jeden Tag. Es ist nicht ­einfach, aber besser, als eine schreckliche Wahrheit zu unterdrücken.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: