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Verbot: Ab in den Glühbirnen-Untergrund

Was Energiesparlampen und Methadon gemeinsam haben? Beide dienen als effizienter aber seelenloser Ersatz für schmutzige Relikte aus der Vergangenheit. Doch es fehlt ihnen der Wohlfühl-Wumms. Plädoyer wider die reine Vernunft.

Von Niels Kruse

Warm, wohlig, bald verboten: Der Nachfolger der herkömmlichen Glühlampe musste seine Seele der reinen Vernunft opfern

Warm, wohlig, bald verboten: Der Nachfolger der herkömmlichen Glühlampe musste seine Seele der reinen Vernunft opfern

Als die herkömmliche R50-Glühlampe drohte, die Kontrolle zu übernehmen, wurde es unangenehm. Kurz vor Ladenschluss waren die hüfthohen Gitterkörbe, in denen die Sonderangebote auslagen, so gut wie leer geräumt. Stattdessen: 45 Glühbirnen im Gegenwert von 25,78 Euro in meinem Einkaufswagen. Es war ein kurzer außerkörperlicher Moment, der mich davon abhielt, auch noch die letzten 20 Stück einzusacken.

In dieser einzigen, irrealen Sekunde sah ich mich selbst jede einzelne von ihnen aus ihrer Pappschachtel puhlen, sie sorgsam zwischen den Fingern rollen, und dabei mütterlich betrachten wie Claudia Bertani einst ihre Piemont-Kirschen. Der Gedanke zur Claudia Bertani für Birnen zu werden, gab mir die Stärke zurück, dieses Schauspiel zu beenden.

Dabei beruhte dieser Supermarkt-Zwischenfall auf einem Missverständnis. Oder zweien, um genau zu sein: Dem Missverständnis nämlich, dass reine Effizienz zum Wohle der Menschheit sei. Und demjenigen, dass auf den Besitz von matten 25-Watt-Lampen mit E14 Sockel in herkömmlicher Bauweise mindestens bald die Todesstrafe stünde. Zu dem Zeitpunkt meines Hamster-Anfalls allerdings war das Glühlampen-Verbot noch neun Monate entfernt und betraf ohnehin nur die 100-Watt-Version. Ihr von mir bevorzugtes 25-Watt-Schwesterchen soll erst 2012 erlöschen.

Vorreiter der Raffgier

Offenbar war ich mit meiner Raffgier etwas voreilig. Oder positiv ausgedrückt: Vorreiter einer Bewegung, die jetzt, wo der Anfang vom Ende der Energieschleudern bevorsteht, zur Massenbewegung wird. Es heißt, die Glühlampen-Verkäufe hätten sich bei einigen Baumärkten mehr als verdreifacht. Sogar die ehrenwerte Hamburger Kunsthalle soll sich vorsorglich für die nächsten 100 Jahre mit den Birnen ausgestattet haben. So langfristig plane ich persönlich nicht, aber es ist beruhigend zu wissen, dass auch die Experten für das Schöne und Wahre erkannt haben, dass künstliches Licht eben nicht gleich künstliches Licht ist.

Denn dieser Gedanke ist so ziemlich das Gegenteil von dem, der hinter dem Birnenverbot steht. Nämlich, dass es gleich sei, mit welcher Lichtquelle wir unsere Wohnlandschaften ausleuchten. Ist es nur nicht. Denn Energiesparlampen mit ihrer (angeblichen) Effizienz, Strahlkraft und Kühle werfen vor allem nur eines auf ihre Umgebung: ein schlechtes Licht. Sie hüllen sie in die Aura einer H&M-Umkleidekabine. Einem Ort, an dem sich wohl niemand länger als nötig aufhält.

Energiesparlampen als Symbol für diese Zeit

Letztlich sind Energiesparlampen ein taugliches Symbol für diese Zeit. Sie tun schlicht, was Vernunft und Notwendigkeit gebieten: Fortschritt nutzen, Ressourcen schonen, Umwelt schützen, Geld sparen, Zimmer erleuchten. Mehr nicht. Können sie nicht, denn sie mussten ihre Seele dem Gott der reinen Vernunft opfern. Sie sind wie Musik im MP3-Format oder Methadon für Heroin-Abhängige: Erfüllen vielleicht die an sie gestellten Mindestanforderungen, aber es fehlt ihnen der Wohlfühl-Wumms. Weswegen Junkies sich mit allem zudröhnen, was ihnen in die Finger kommt und Disc-Jockeys immer noch Vinylschallplatten benutzen.

So ist es auch kein Wunder, dass der eine oder andere türkische Mitbürger nie so Recht warm geworden ist mit diesem Land. Sitzen seit Jahren da im Kulturverein unter grellem Neonlicht und glauben, das sei Deutschland. Spätestens in drei Jahren, wenn auch die letzte Glühbirne erloschen ist, und es kulturvereinsgleich unter jeder Tür durchgleißt, wissen sie: Es ist Deutschland.

Ab in den Glühbirnen-Untergrund

Spätestens dann werde ich mich dem Glühbirnen-Untergrund angeschlossen haben. Auch wenn das bedeutet, sich wie ein verklemmter Liebhaber der Pornografie den Hut vorm Sexshop besonders tief ins Gesicht zu ziehen. Und bis es soweit ist: hamstern, hamstern, hamstern, auch wenn es weh tut. Aber solange die Schatten durch echte Glühbirnen verursacht werden, bin ich gerne bereit, über sie zu springen.

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