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Verbot von Großkalibern: Der Rohrkrepierer der Waffennarren

Nicht weit von Winnenden entfernt kämpft ein Schützen-Ehepaar gegen das Verbot von Großkaliberwaffen. Doch ein großangelegtes PR-Fest floppte auf ganzer Linie.

Von Philipp Maußhardt, Backnang

Gleich wird es laut. Ralf Merkle hat sich die Ohrenschützer übergestreift und zielt mit seinem Revolver, Marke Eigenbau, Kaliber 38 special, auf eine zehn Meter entfernte Sperrholzplatte. Die Wucht des Rückschlages lässt seine muskulösen Arme nur wenig nach oben zucken, die Kugel steckt im Holz. "Und jetzt passen Sie mal auf", sagt er und lädt die nächste Waffe, eine Kleinkaliberpistole, belgisches Fabrikat. Der zweite Schuss mit der kleineren Waffe durchschlägt nicht nur die Sperrholzplatte, auch in der Türe dahinter klafft ein rundes Einschussloch. "Und Großkaliberwaffen sollen gefährlicher sein? Da lachen ja die Hühner!"

Ralf Merkle, 47, ist Schütze aus Passion, betreibt zusammen mit seiner Frau Sylvia eine kleine Waffenmanufaktur im schwäbischen Backnang. Die beiden haben eine Mission: Das drohende Verbot großkalibriger Waffen für Sportschützen zu verhindern. Merkle hat viele Argumente gesammelt, hat Statistiken ausgewertet und Briefe an Politiker geschrieben. Nur ein Gegenargument, das weiß er, kann er nicht aus der Welt schaffen: Backnang liegt elf Kilometer entfernt von Winnenden, jenem Ort, an dem der Schüler Tim K. am 13. Juni 2010 bei einem Amoklauf fünfzehn Menschen und sich selbst erschoss. Mit einer Großkaliberwaffe, einer Beretta 92, die er aus dem Schrank seines Vaters genommen hatte.

Die Waffennarren zeigen Verständnis

An jenem Unglückstag hatte bei Merkles gegen zehn Uhr das Telefon geklingelt, "es ist etwas Schlimmes passiert", sagte eine Freundin von Sylvia. Die Schule, in der die Kinder der Merkles zu dieser Zeit saßen, wurde wie alle Schulen der Gegend von der Polizei abgesperrt, niemand durfte das Gebäude verlassen. Der Todesschütze war noch nicht gefasst. "Ich kann alle Eltern der Opfer verstehen, die nach einer solchen Tat ein totales Waffenverbot forderten", sagt Sylvia Merkle.

Jörg K., der Vater des Amokschützen, war Kunde bei den Merkles. Die Firma "Merkle Tuning" ist bekannt unter Sportschützen. Büchsenmachermeister Ralf Merkle rüstet Serienwaffen zu präzisen Sportwaffen um. Auch Tim hatte seinen Vater hierher begleitet, im Verkaufsraum hängen Gewehre, Pistolen, Revolver, Jagdflinten und Messer. "Nicht diese Waffen sind das Problem", sagt Merkle, "die Menschen sind es." Wer töten wolle, finde immer ein Tatwerkzeug.

Ralf und Sylvia passen nicht ins Klischee

Während sich die etwa 15.000 Schützenvereine in Deutschland bei der Diskussion über ein Verbot in Defensivstellung begaben, entschloss sich das Ehepaar Merkle aus Backnang zum Gegenangriff. "Faszination Großkaliber" überschrieben sie eine Einladung zum Selbstversuch, die sie an 390 Journalisten in ganz Deutschland verschickten. Auf der bundesweit größten Schießsportanlage im baden-württembergischen Philippsburg sollte Mitte Juni den Medienvertretern die Augen geöffnet werden. Büchsenmacher Merkle und Kollegen wollten ihr Handwerk erklären, Sportschützen ihre Disziplin. Der Partyservice war bestellt, Zelte geordert. Wer wollte, sollte selbst schießen, "Kameras ausdrücklich erlaubt!", hieß es. Es sollte der Tag werden, an dem sich die öffentliche Meinung zu einem strengeren Waffengesetz drehen sollte. An dem die Vernunft über die emotional aufgeladene Stimmung siegte. "Wir freuen uns auf spannende Gespräche und einen tollen Tag mit Ihnen, freundliche Grüße Ralf und Sylvia Merkle."

Ralf und Sylvia passen nicht recht ins Klischee der Waffennarren. Die 46-Jährige protestierte in ihrer Jugend gegen die Frankfurter Startbahn-West, er verweigerte aus Gewissensgründen den Wehrdienst. Dass beide trotzdem leidenschaftliche Schützen wurden hat andere Gründe. "Vor jedem Schuss konzentriere ich mich, kontrolliere meinen Atem, werde innerlich ganz ruhig und mache dann ein Loch ins Papier", sagt Herr Merkle. "Möglichst genau in die Mitte." Schießen als Zen-Meditation.

"Nur Großkaliber zu verbieten ist völliger Unfug"

Für jenen geplanten Tag der Aufklärung in Philippsburg hatte sich Ralf Merkle bestens vorbereitet. Er hat eine Statistik erstellt über die letzten 316 Amokläufe auf der Welt, und dass "davon nur 25 Prozent mit Großkaliberwaffen verübt wurden." Alle anderen mit Macheten, Flammenwerfern, Jagdgewehren oder Kleinkaliberwaffen. "Profikiller und Geheimdienste töten immer mit Kleinkaliber", sagt er, weil sie treffsicherer und leichter zu handeln seien. "Wenn schon ein Waffenverbot, dann bitte alle. Nur Großkaliber zu verbieten ist völliger Unfug."

Das alles und noch viel mehr hätte Ralf Merkle gerne den 390 eigeladenen Journalisten erzählt, wenn sie denn gekommen wären. Aber die Einladung war ein Rohrkrepierer: Nur zwei Reporter hatten sich hergewagt und einer von ihnen muss auch gleich wieder weg zum nächsten Termin. Das Partyzelt hatte er vorausschauend erst gar nicht aufgebaut, den Schießstand in Philippsburg wieder abgesagt. Stattdessen hat er die Waffenschau in den Keller seiner eigenen Waffenschmiede in Backnang verlegt.

Ein Herr Ballermann fragt nach seiner Munition

Kein guter Tag für die Freunde des Großkalibers: Der Sprecher des baden-württembergischen Innenministers von Baden-Württemberg, Reinhold Gall (SPD) wiederholt an diesem Tag die Forderung nach einem Verbot derartiger Waffen: "Wir sehen beim Großkaliberschießen keinen sportlichen Mehrwert", sagt er. "Großkalibrige Waffen gehören nicht in private Hände."

Ralf Merkle packt seine Waffen wieder ein. Im Büro telefoniert Ehefrau Sylvia derweil mit einem Kunden, der sich nach seiner bestellten Munition erkundigt. "Nein, Herr Ballermann", sagt sie, die ist noch nicht gekommen. Dann legt sie auf und lacht. "Der Mann heißt wirklich so."

  • Philipp Maußhardt