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Traumaforschung: Vergewaltigt am Ende des Zweiten Weltkriegs - wie diese Taten heute noch nachwirken

Mit mehr als 70 Jahren Verspätung wird erforscht, welche psychischen Folgen die Vergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten. Das Leid dauert bis heute an. Es wirkt über Generationen fort.

Von Silke Gronwald

Vergewaltigung: Sexuelle Gewalt im Krieg wirkt noch Jahrzehnte nach

Bis zu zwei Millionen deutsche Frauen wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer von Vergewaltigung durch Soldaten der Siegermächte. Aus etwa jeder 100. Tat entstand ein Kind. Das Bild links zeigt sowjetische Soldaten, die in Leipzig eine Frau belästigen. Rechts: Eleonore als kleines Mädchen im Kindergarten. Zu Hause hatte niemand Zeit für sie.

In einem schmalen Fachwerkhaus in der Oberpfalz, einige Zeit nach Kriegsende, liegt ein kleines Mädchen neben seiner Großmutter im Bett. Es ist um die fünf, sechs Jahre alt. Im Zimmer stehen zwei einfache Holzbetten, ein kleiner Tisch, ein Schrank. Und obwohl beide noch nicht schlafen, herrscht eine beklemmende Stille. Wie an so vielen Abenden quält die kleine Eleonore S. * der Gedanke: "Warum haben die anderen Kinder eine Familie und ich nicht? Warum darf ich nicht bei meiner Mutter leben? Warum gibt es keine Bilder von meinem Vater? Warum spricht niemand über ihn?"

Fragen, auf die sie keine Antworten bekommt, weil sie es noch nicht einmal wagt, die Worte laut auszusprechen. Zu viel Kälte strahlt die Frau neben ihr aus. Die dunklen Kleider, die sie trägt, ihre Haare, die sie stets zu einem strengen Knoten zusammenbindet, alles an ihr signalisiert Ablehnung. "Nie hatte sie ein liebevolles Wort für mich über, wir haben eigentlich überhaupt nicht miteinander gesprochen", erinnert sich Eleonore heute, fast 70 Jahre später.

Im Video: Die UN hat im April eine Resolution gegen sexuelle Gewalt in Krisengebieten verabschiedet.

Bis zu zwei Millionen Vergewaltigungen

Ab und an kommt die Mutter zu Besuch in das kleine Dorf. Dann nimmt Eleonore all ihren Mut zusammen und fragt nach ihrem Vater – immer wieder versucht sie es –, doch die Mutter dreht meist nur den Kopf weg und fängt an zu weinen. Die wenigen dürren und vagen Andeutungen, die Eleonore ihr nach und nach mühsam abringt, verraten nur so viel, dass er ein französischer Besatzungssoldat war. Dass sich die Mutter, selbst noch fast ein Mädchen, allein in eine mit französischen Soldaten überfüllte Gastwirtschaft verirrt hatte. "Ich hatte doch Hunger" ist einer der wenigen Sätze, die sie ihrer Tochter preisgibt. Dann hört sie auf zu erzählen, versinkt in quälendes Schweigen und in Tränen.

Eines der wenigen Bilder, die Eleonore zusammen mit ihrer Mutter zeigen

Eines der wenigen Bilder, die Eleonore zusammen mit ihrer Mutter zeigen

Den Rest muss sich Eleonore im Laufe der Jahre selbst zusammenreimen. Für sie scheint ihre Zeugung eine Art von sexueller Gewalt gewesen zu sein. Das Wort Vergewaltigung spricht sie nicht aus, genauso wenig wie die Generation der Mutter oder der Großmutter. Damals haben sie versucht, das Entsetzliche mit Sätzen wie "Bist du auch genommen worden?" harmloser klingen zu lassen. Die Umschreibung war weniger demütigend, weniger herabwürdigend. So nachvollziehbar es sein mag, dass Mutter und Großmutter die Geschehnisse von sich wegschoben und verdrängten, ihrer Tochter und Enkelin Eleonore halfen sie damit nicht. Die Forschung darüber, wie die nachfolgenden Generationen an den Folgen der Erlebnisse ihrer Eltern leiden, hat gerade erst zaghaft begonnen. In den vergangenen Jahren ist unter Psychologen das Verständnis dafür gewachsen, wie bedeutend die eigene Familiengeschichte für die Entwicklung jedes Einzelnen ist. Wie ein Krieg nicht nur das Leben der unmittelbar Betroffenen überschattet, sondern auch das der Kinder, Enkel und Urenkel.

Auch lange zurückliegendes Leid wirkt weiter, frisst sich in die Seelen der Menschen hinein, es kann über Generationen hinweg und auch nach Jahrzehnten einschneidende Wirkungen haben. Dieses emotionale Erbe wird nicht nur über Erziehungsstile und Bindungsmuster, sondern – und das ist erstaunlich – auch über Veränderungen an den Genen von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben, so die neuesten Erkenntnisse der Forscher.

Schätzungsweise bis zu zwei Millionen Vergewaltigungen

Eleonore wird irgendwann Anfang Mai 1945 gezeugt, unmittelbar nach dem Einmarsch der Franzosen – in der Anarchie der ersten Besatzungsmonate am Ende des Krieges, als sexuelle Übergriffe ein Massenphänomen waren. Es geschah am helllichten Tag auf dem Feld oder in düsteren Kellern. Es geschah nachts in dunklen Hauseingängen, in Armeejeeps, während scheinbar harmloser Tanzveranstaltungen und in den versteckten Winkeln weitverzweigter Fabrikhallen. Wie viele Frauen in Deutschland nach dem Krieg zum Opfer sexueller Gewalt wurden, ist nie exakt ermittelt worden. Die Schätzungen aber reichen von 800.000 bis zu zwei Millionen Vergewaltigungen. Und aus etwa jeder 100. Tat entstand ein Kind.

Dabei war es längst nicht so, dass nur sowjetische Soldaten Jagd auf deutsche Frauen machten: Auch Soldaten der westlichen Alliierten gehörten zu den Tätern. "Wir haben von der sexuellen Gewalt der Siegerarmeen am Ende des Zweiten Weltkriegs gegen deutsche Zivilisten ein sehr einseitiges Bild", sagt die Historikerin Miriam Gebhardt, Professorin an der Uni Konstanz. Im Zentrum der kollektiven Erinnerung stünden die Verbrechen der Roten Armee. Deren Rachedurst wurde von Hitler am Ende des Krieges in grellen Farben gemalt, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu beschwören. Doch schuldig gemacht haben sich alle vier Siegermächte.

Über Generationen fortgeschrieben

Eleonore kommt im Februar 1946 zur Welt, neun Monate nach dem Einmarsch der Franzosen. Als uneheliches Kind wird sie nicht in ihrem Heimatdorf, sondern im Krankenhaus der nächst größeren Stadt geboren. Von dort wird sie direkt zur Großmutter gebracht. In diesen Tagen war es undenkbar, dass ein Kind bei seiner ledigen Mutter aufwächst. Die öffentliche Moral hätte es kaum zugelassen.

Ganz abgesehen davon, dass die Mutter ohnehin keine Zeit gehabt hätte. Sie musste den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind verdienen – ein Bürojob bei der französischen Besatzungsverwaltung ist das Einzige, was sie bekommt. Wo sonst sollte ein "Franzosen-Liebchen" Arbeit finden? So wie Eleonore waren viele Kinder in der Nachkriegszeit vor allem auf sich allein gestellt. Ihre Mütter waren mit dem Wegräumen der Trümmer im Land und in ihrem eigenen Leben beschäftigt. Zeit und Muße, sich um die psychischen Nöte der Heranwachsenden zu kümmern, blieb kaum.

Im Video: Bis 1997 war sexuelle Gewalt nur außerhalb der Ehe verboten. Das sind die traurigen Zahlen über sexuelle Gewalt in Deutschland. 

In Zahlen: Die traurige Realität von sexueller Gewalt in Deutschland

Heute gibt es ein ganz anderes Verständnis davon, was der Krieg in der kindlichen Seele anrichten kann, dass Kinder dem Krieg und seinen Folgen besonders schutzlos ausgeliefert sind. Seinerzeit hielt man sich eher an die Vorstellung, dass Kinder schon mit allem zurechtkämen und selbst Trümmerfelder in Spielplätze verwandeln könnten.

Die Traumaforschung insgesamt ist eine vergleichsweise neue Wissenschaftsdisziplin. Erstmals 1980 wird die posttraumatische Belastungsstörung als echtes Krankheitsbild in der Psychiatrie anerkannt. Dementsprechend überschaubar ist die Zahl der Studien über die seelischen Langzeitfolgen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

Wissenschaftler der Universität Leipzig untersuchten im Jahr 2013 die psychosozialen Auswirkungen für die Besatzungskinder. Die Forscher stellten bei den Betroffenen ein im Vergleich zur übrigen Bevölkerung überdurchschnittliches Maß an Bindungsstörungen und Depressionen sowie die Neigung zu sozialem Rückzug fest. Viele der untersuchten Biografien waren gekennzeichnet von gescheiterten Beziehungen und Ehen. "Die Studienergebnisse machen deutlich, dass Kinder des Krieges eine Hochrisikogruppe darstellen, nicht nur im Nachkriegsdeutschland, sondern in jedem bewaffneten Konflikt", resümiert die Leipziger Studienleiterin Heide Glaesmer. Und besonders belastend, das wissen die Forscher heute, ist, wenn über das Erlebte nicht gesprochen wird, wenn dunkle Familiengeheimnisse über Generationen fortgeschrieben werden.

Gestörte Sexualität

Besatzungskindern fehlte meist jegliches Wissen über den Vater. Anders als die Söhne und Töchter gefallener Soldaten, die zumindest gefühlsmäßig eine Figur hatten, an der sie sich festhalten konnten, einen Mann, dessen Foto vielleicht an der Wand über dem Esstisch hing, von dem Briefe in Kommodenschubladen lagen, von dem Mutter oder Großmutter stolz und ehrfurchtsvoll erzählten.

Eleonores Mutter hingegen wollte die schmerzhafte Zeugung und alles, was damit zusammenhing, einfach aus ihrem Gedächtnis radieren. "Verständlich", sagt Eleonore heute. Sie sitzt in ihrer Wohnung und blättert in alten Familienalben. Zu sehen ist ihre Mutter mit einem neuen Mann, einem Franzosen, den sie bei der Arbeit kennengelernt hat, und zwei kleinen Kindern. Eleonore ist meist nicht auf den Bildern – sie durfte auch nach der Heirat der Mutter nicht zu ihr, sondern kam in ein Internat.

Bis heute schwankt Eleonore zwischen Verständnis für die Situation der Mutter und Empörung darüber, mit welcher Gnadenlosigkeit diese ihre erste Tochter verleugnete. "Ihren neuen Nachbarn und Freunden hat sie von meiner Existenz noch nicht mal etwas erzählt."

Als Eleonore mit 19 Jahren während eines Ausflugs ihren späteren Ehemann kennenlernt, erscheint er ihr als Rettung, als der sprichwörtliche Ritter auf dem weißen Pferd. Dass er keine Wärme und kein Verständnis für die emotional vernachlässigte Tochter einer missbrauchten Mutter aufbringen kann, ist ihr nicht klar. Sie heiraten schnell. Eleonores Mutter hat keine Einwände, warnt sie nicht vor der überstürzten Hochzeit. Im Gegenteil, sie scheint froh, dass es einen gibt, der ihre uneheliche Tochter ohne Mitgift nimmt und sie von ihrer eigenen Bürde befreit.

Wie viele Ehen in den 60er, 70er Jahren ist es eher eine Zweckgemeinschaft als eine Liebesheirat. Eleonore schuftet rund um die Uhr. Das Paar baut sich ein Haus, bekommt eine Tochter. Doch die Sexualität zwischen Eleonore und ihrem Mann ist gestört. Auch das ist typisch für viele Frauen mit dieser Vergangenheit.

Ein Leben fast ohne Vater

"Wenn er ins Schlafzimmer kam, hat sich bei mir alles zusammengezogen. Für mich waren Liebe und Sexualität ein körperliches Problem." Darüber sprechen können die beiden nicht – sie haben es nie gelernt. Das Paar entfremdet sich, lässt sich scheiden. "Und für meine Tochter wiederholte sich meine Geschichte, ein Leben fast ohne Vater", sagt Eleonore.

Das emotionale Erbe wird weitergegeben über die Art und Weise, wie über Erinnerungen gesprochen oder geschwiegen wird. Doch das ist nur der offensichtliche Teil. Tatsächlich scheinen Traumata sich auch ins Erbgut einzuätzen, scheinen sich Familiengeschichten über unsere Zellen fortzupflanzen. Epigenetik heißt dieser noch frische Zweig der Biologie. Es ist eine Forschungsrichtung, deren Vertreter ergründen wollen, warum und wie Gene aktiviert oder stummgeschaltet werden.

Wissenschaftler um Isabelle Mansuy, Professorin an der ETH Zürich, haben im Jahr 2018 diese Auswirkungen an Mäusen nachgewiesen. Um auszuschließen, dass die Jungtiere einfach das Fehlverhalten ihrer traumatisierten Vorfahren übernehmen, brachten unbelastete Leihmütter die Mäusebabys zur Welt und zogen sie groß. Dennoch litten die Tiere an den Folgen des Traumas ihrer genetischen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. "Wir haben vier Generationen untersucht und testen gerade die fünfte", sagt Mansuy. "Die Ergebnisse sind stets gleich. Viele epigenetische Veränderungen der ersten Generation und deren Auswirkungen sind noch in den folgenden Generationen nachweisbar."

"Kriegskinder"

Danach geht der genetische Fußabdruck einmal erlittener Traumata offenbar sehr tief. Die Veränderungen beschränken sich offenbar keineswegs nur auf die Erbsubstanz der Gehirnzellen. Selbst in den Blut-, Ei- und Spermienzellen konnten die Forscher Veränderungen nachweisen.

Zurzeit analysiert Mansuy Gruppen von Kindern und Erwachsenen mit traumatischen Erfahrungen. Ihre Erkenntnisse vergleicht sie mit den Beobachtungen über Kontrollgruppen, die in stabilen Verhältnissen aufgewachsen sind. Die bisherigen Resultate scheinen die Vermutung zu bestätigen, dass sich bei Mäusen und Menschen gleichermaßen posttraumatische Änderungen in der Zellstruktur einstellen. Vor allem der Umgang mit Stress scheint den Betroffenen schlechter zu gelingen.

Bei Eleonore hat es lange gedauert, bis ihr vollständig bewusst war, welches Erbe sie mit sich herumschleppt. Bis Mitte 50 war sie immer eine tatkräftige, resolute Frau. Sie arbeitete 60 Stunden die Woche, oft noch mehr, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Irgendwann aber war Schluss. Burnout, Depression, nichts ging mehr. In dieser Phase begann sie, über sich und ihr Leben nachzudenken. "Mit einem Mal kam alles hoch, was ich über die Jahre weggepackt und verdrängt hatte", erzählt sie. Sie begann eine Therapie, lernte, über ihre Erlebnisse zu sprechen – auch mit ihrer Tochter Jacqueline*. Es war wie eine Erlösung.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Wissenschaft sich den psychischen Folgen des Krieges stärker zuwendet, seit die Generation der "Kriegskinder" in die Lebensphase gekommen ist, in der sie biografisch Bilanz zieht. Die Kinder der vergewaltigten Frauen haben heute ihr Berufsleben hinter sich, haben selbst Kinder großgezogen und Enkel bekommen. Ihnen können die neuen Einsichten helfen, Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs überhaupt als solche zu erkennen.

Teufelskreis durchbrechen

Auch Eleonores Tochter Jacqueline ist mittlerweile erwachsen. Sie ist nach Australien ausgewandert. Nach der Schule brach sie zum Sprachkurs ins Ausland auf und kehrte nie zurück. Ein echtes Verhältnis zu ihrer Großmutter hat Jacqueline nie entwickelt, aber die Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird seit Jahren immer enger. "Ich habe dafür gekämpft wie ein Löwe", sagt Eleonore, "gerade weil ich weiß, wie schlimm es ist, wenn man von der eigenen Mutter im Stich gelassen wird. Ich wollte diesen Teufelskreis durchbrechen." Vor einigen Jahren hatte Jacqueline eine Unterleibsoperation. Eigene Kinder wird sie nie bekommen. Ihr emotionales Erbe wird sie nicht mehr weitergeben.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: