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Interview

Gruppenvergewaltigung in Mülheim: Wie wird aus einem Zwölfjährigen ein Vergewaltiger?

In Mülheim werden Kinder und Jugendliche verdächtigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Wie können junge Menschen zu so einer Tat fähig sein? Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu M. Sanyal.

Jugendlicher lehnt mit Rucksack auf dem Rücken an einer Bushaltestelle.

Drei 14-Jährige und zwei Zwölfjährige stehen im Verdacht, am Freitagabend in Mülheim an der Ruhr eine junge Frau in einem Waldstück vergewaltigt zu haben (der stern berichtete). Die Zwölfjährigen sind strafunmündig. Einer der 14-Jährigen sitzt wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft. Unterdessen wurde bekannt, dass es in Mülheim am vergangenen Sonntag mutmaßlich zu einem weiteren sexuellen Übergriff gegen ein Mädchen gekommen ist, an dem möglicherweise auch ein Kind beteiligt war.

Wie werden Kinder und Jugendliche zu Sexualstraftätern? Welche Rolle spielt dabei überhaupt Sexualität? Und reden wir zu oft über die Täter statt über die Opfer? Ein Gespräch mit Dr. Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin.

Expertin: "Bei den Tatverdächtigen in Mülheim könnte auch Macht eine Rolle gespielt haben"

Frau Sanyal, eine Frage, die derzeit viele beschäftigt: Wie können Kinder und Jugendliche überhaupt zu solch schweren Sexualdelikten fähig sein?

Dr. Mithu M. Sanyal: Sexualdelikte, wie etwa eine Vergewaltigung, sind etwas Entsetzliches. Für viele Menschen sind sie das schlimmste Verbrechen überhaupt. Es fällt uns daher ohnehin schwer, den Anlass oder Hintergrund derartiger Gräueltaten zu erklären – unabhängig von Alter oder Herkunft der Täter. Im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Mülheim sind die Hintergründe noch weitestgehend unklar. Daher lässt sich über ein Motiv auch nur spekulieren. Generell können gerade bei jungen Tätern ihre Hintergründe eine Rolle spielen, wie beispielsweise eigene Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch oder großen Entmachtungserfahrungen. Da die Tatverdächtigen womöglich in der Gruppe gehandelt haben und offenbar auch körperlich gewalttätig geworden sind, könnten auch Macht und Dominanz eine Rolle gespielt haben.

Worum geht es Tätern in diesem Alter? Spielt Sexualität bei minderjährigen und jugendlichen Sexualstraftätern überhaupt eine tragende Rolle?

Das ist ganz schwierig zu sagen. Einer der tatverdächtigen 14-Jährigen soll schon vor der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung auffällig geworden sein, offenbar im strafrechtlichen Bereich der sexuellen Belästigung. Sexualität könnte also ein Motiv gewesen sein. Ob das auch bei den zwölfjährigen Tatverdächtigen so ist, bleibt fraglich. Dafür sind entscheidende Fragen noch offen, etwa: Wie aktiv waren sie womöglich? Wie stark war der Gruppendruck? Sind sie Mittäter oder auch Mitopfer ...

Es stellt sich auch die Frage: Inwieweit standen Beteiligte unter Druck mitzumachen?

... Mitopfer? Können Sie das näher erläutern?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ein Täter bleibt ein Täter. Aber bei Gruppenvergewaltigungen, besonders in jungem Alter, stellt sich auch die Frage: Inwieweit standen Beteiligte unter Druck mitzumachen? Es gibt Forschungen, die zeigen, dass Mittäter Angst haben können, selbst Opfer zu werden, sollten sie 'Nein' zu solch einem Vorhaben sagen. Und dabei spielt auch das Verhältnis der Beteiligten untereinander eine entscheidende Rolle. Einem Freund oder Bekannten kann man eher "Nein" sagen, als zum Beispiel seinem Bruder. Ein sehr kleiner Prozentsatz von Sexualstraftätern sind Psychopathen, im medizinischen Sinne. Das bedeutet, dass ihnen die Fähigkeit fehlt, Empathie zu empfinden, und sie deshalb auch sexuelle Grenzen leichter überschreiten.

Dr. Mithu M. Sanyal

Dr. Mithu M. Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens", in dem Sanyal die "Kulturgeschichte der Vergewaltigung" untersucht.

Mehr über Dr. Mithu M. Sanyal erfahren Sie hier.

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Sie sprechen von einem "Druck" unter den Beteiligten, mitzumachen. Bei Gruppenvergewaltigungen spielt also auch eine Gruppendynamik eine Rolle?

Absolut. Eine Vergewaltigung ist normalerweise eine Tat, die man ohne Zeugen begeht. Das macht ja Strafverfolgung so schwierig. Bei Gruppenvergewaltigungen sind aber die Beteiligten ebenfalls Zeugen. Gerade damit es jemand mitbekommt; damit man es wirklich durchzieht. Es spielt also auch ein performativer Zweck eine Rolle, womöglich eine Form von Gruppenzwang. Es gibt aber auch Untersuchungen, dass es in bestimmten Fällen auch homoerotische Aspekte einer Gruppenvergewaltigung von Männern an Frauen geben kann. Dabei geht es weniger um aktive Homosexualität, sondern mehr um den Akt des gemeinsamen Tabubruchs. Das Opfer ist in dieser Szenerie noch mehr Objekt. Dennoch sind diese Formen von Vergewaltigung eher die Ausnahme. In den meisten Fällen von Vergewaltigung kennen die Täter ihre Opfer, und die Vergewaltigung findet zu Hause statt. Das scheint in Mülheim alles nicht der Fall gewesen zu sein. 

Unterscheiden sich in dieser Hinsicht erwachsene von minderjährigen und jugendlichen Sexualstraftätern?

Nein, eigentlich nicht. Die meisten Gewaltverbrechen, so auch Vergewaltigungen, werden zwar von Menschen im Alter zwischen 17 und 30 Jahren begangen. Doch das ist eine weite Altersspanne. Eher ist der soziale Kontext entscheidend. Zum Beispiel gibt es überdurchschnittlich viele Vergewaltigungen in Gefängnissen oder im Militär. Dort gibt es auch statistisch die meisten Gruppenvergewaltigungen.

Die Polizei spricht hier von Copycat-Verbrechern

Im Jahr 2018 waren von den 8047 Verdächtigen im Bereich Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe im besonders schweren Fall nach BKA-Angaben 69 Kinder unter 14 Jahren und 895 Jugendliche zwischen 14 und 17. Der Fall in Mülheim ist also eher eine Ausnahme. Dennoch: Das Echo scheint besonders laut – in den Medien, aber auch in der Politik und sozialen Netzwerken. Woran liegt das? 

Die Tat ist entsetzlich, und es gibt den natürlichen Reflex, dieses Entsetzen zu kommentieren und verstehen zu wollen. Das führt allerdings zu einem Dilemma: Medien berichten über diese Fälle, Politiker kommentieren sie, Menschen in sozialen Netzwerken auch – und das führt zu Nachahmerfällen. Wie vielleicht auch in Mülheim: Zwei Tage nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung soll ein junges Mädchen von fünf heranwachsenden Tatverdächtigen eingekreist und sexuell belästigt worden sein. Ein klassisches Folgeverbrechen: Die Polizei spricht hier von Copycat-Verbrechern. Ich will damit aber nicht sagen, dass wir nicht mehr über Vergewaltigungen sprechen sollten. Ganz im Gegenteil, es ist allein wegen der Prävention wichtig, dies zu tun. Wir sollten Verbrechen nur nicht sensationalisieren.

Ein Spielplatz mit verlassenen Schaukeln.

Was halten Sie von der Forderung, die Strafmündigkeit herabzusetzen – also etwa schon Zwölfjährige strafrechtlich verfolgen zu können?

Ich möchte das mit einer Gegenfrage beantworten: Es gibt sexuelle Übergriffe von Kindern auch schon in Kitas – sollen wir bald Kleinkinder wegsperren? Ich halte von der Forderung nichts, auch die Strafmündigkeit ab 14 Jahren halte ich in vielen Fällen für zu jung. Allerdings gibt es dort das Jugendstrafrecht und die Möglichkeit, entsprechend sorgsam mit solchen Fällen umzugehen. Natürlich kann ich den Reflex verstehen. Wir wollen ja alle etwas gegen Sexualdelikte machen, und am liebsten schnell. Da ist es verlockend nach früheren und härteren Strafen zu rufen. Doch höhere Strafen und eine Herabsetzung der Strafmündigkeit sind dafür einfach nicht nützlich.

Warum sind Sie dieser Ansicht?

Einerseits: Höhere Strafen führen eher dazu, dass das Anzeigeverhalten sinkt. Überspitzt formuliert: Wenn ich weiß, dass mein Vergewaltiger auf dem elektrischen Stuhl landet, sinkt die Chance, dass ich ihn anzeige.

Andererseits: Gerade sehr junge Sexualstraftäter sind oft selbst Opfer geworden und brauchen Aufmerksamkeit und langfristig Hilfe. Eine Haftstrafe wäre nicht die Lösung. Es würde die Chance steigern, dass sie im Gefängnis vergewaltigt werden, darin vergewaltigen und auch auf freiem Fuß wieder straffällig werden. Bei jungen Tätern ist eine psychologische Intervention viel zielführender. 

Es ist wichtig aufzuzeigen, was sexuelle Grenzüberschreitungen überhaupt sind

Wie lässt sich präventiv entgegenwirken, dass Kinder und Jugendliche Täter von sexualisierter Gewalt werden?

Es gibt viele Dinge, die wir machen können. Das beginnt damit, sexuelle Stereotypen abzubauen und die Genderbrille abzusetzen. Ein Beispiel: Momentan beschränkt sich die Präventivarbeit darauf, dass Mädchen 'Nein' sagen müssen und Jungen dieses 'Nein' akzeptieren sollen. Mädchen sollten aber auch 'Ja' sagen dürfen und Jungs auch 'Nein'. Damit will ich nicht sagen: Vergewaltigung sind einfach nur schlechter Sex. Aber gerade in dem Graubereich, wo sexuelle Grenzüberschreitungen anfangen, kann man am erfolgreichsten intervenieren. Und zwar am besten bereits in Kitas, dass Kinder lernen, es ist in Ordnung etwas nicht zu wollen und sie werden dafür trotzdem weiter geliebt. Dabei ist auch wichtig, aufzuzeigen, was sexuelle Grenzüberschreitungen überhaupt sind. So komisch es klingt: Wenn Sie drei Leute auf der Straße fragen, wo etwa eine Vergewaltigung beginnt, werden Sie wahrscheinlich drei verschiedene Antworten erhalten. Wir müssen daran arbeiten, dass wir gesamtgesellchaftlich lernen, was sexueller Konsens bedeutet. Und interessanterweise überschreiten Menschen, die ihre eigenen Grenzen kennen lernen und kommunizieren können, seltener Grenzen bei anderen Menschen.

Das Opfer in Mülheim ist nach Angaben der Polizei heranwachsend, also zwischen 18 und 21 Jahre alt. Welche Auswirkungen und Folgen kann so ein Erlebnis auf und für einen jungen Menschen haben?

Sehr unterschiedliche. Die Tat selbst kann große psychische Auswirkungen auf das Opfer haben, aber auch das Danach. Es kann ebenfalls sehr traumatisierend sein, wenn man etwa als "Das Opfer" durch die Medien und sozialen Netzwerke gereicht wird. Und damit unter Dauerbeobachtung steht: Wie reagiert das Opfer? Wie geht es ihm jetzt? An Opfer werden Erwartungen geknüpft, von wegen: Weil sie Opfer sind, müssen sie gebrochen und todtraurig sein. Das kann sein, muss aber nicht so sein. Das Opfer darf selbst entscheiden, wie es ihm geht. Und auch, welche Hilfe es zu welchem Zeitpunkt braucht.  

Reden wir eigentlich zu viel über Tat und Täter statt über ihre Opfer?

Wie gesagt: Wir sollten mehr mit den Opfern sprechen, statt über sie. Was sie möchten; was sie brauchen. Die meisten Opfer vertrauen sich zunächst einer Person an – oft sind es Freunde, meist gleichaltrige bei jungen Opfern. Nur: Niemand ist auf so eine Situation vorbereitet. Was tun, wenn einem anvertraut wird, dass man vergewaltigt wurde? Viele von uns reagieren da panisch. Das ist ja eine soziale Fähigkeit, die wir lernen müssen. Ich bin Teil einer Forschungsgruppe, die sich damit auseinander setzt. Egal wie das Opfer auf die Vergewaltigung reagiert, ob es leidet oder nicht, es geht darum, dass die Betroffenen ihren eigenen Weg finden und die dafür nötigen Hilfen von uns bekommen.

Interview: Florian Schillat
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(