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Vermeintlich vermisste Kinder: Blond, blauäugig, Roma

Die Eltern der kleinen, blonden Maria sind gefunden: Es ist ein Roma-Paar. Auch wenn halb Europa auf Grund der Haarfarbe des Mädchens nach anderen Eltern suchte.

Dreckiger Trainingsanzug, ungekämmte Haare und ein verstörter Blick: Das am Wochenende veröffentlichte Bild der kleinen Maria sorgte europaweit für Aufsehen. Griechische Polizisten hatten das Mädchen bei einer Razzia in einem Roma-Lager entdeckt und per DNA-Test ermittelt, dass die vermeintlichen Eltern nicht die leiblichen sind. Vielleicht sind sie Teil eines Kinderhändlerrings oder benutzen es, um vom Staat mehr Kindergeld zu kassieren? Mutmaßungen über die Hintergründe gab es viele, hatten aber eines gemeinsam: Blonde Kinder können doch keine Roma-Kinder sein. Ein übles Vorurteil, wie sich nun zeigt.

In Bulgarien sind die leiblichen Eltern von Maria gefunden worden. Dabei handelt es sich um ein Roma-Paar, das das Kind während eines Aufenthalts in Griechenland dort gelassen haben soll. Die Eltern hätten kein Geld für die Rückreise gehabt. Die beiden haben angeblich sieben bis zehn Kinder. Fünf davon seien ebenso wie Maria blond und hätten eine Ähnlichkeit mit ihr.

Roma-Organisationen "extrem besorgt"

Tatsächlich kommen blonde Haare und blaue Augen bei Roma der Balkanländer häufig vor, wie eine genetische Untersuchung unlängst ergeben hat.

Doch wie wenig verbreitet diese Erkenntnis ist, haben weitere Fälle von vermeintlich vermissten Kindern gezeigt: Am Dienstag hatten Polizisten in Irland fälschlicherweise einer Roma-Familie gleich mehrere Kinder aufgrund der Haarfarbe weggenommen und die Eltern der Entführung bezichtigt. Wie die Tageszeitung ("taz") zudem berichtet, sollen in Serbien rechte Skinheads versucht haben, einem Roma ein hellhäutiges Kind wegzunehmen. Auf Lesbos wurde in einem Roma-Camp ein Baby entdeckt, das dort nicht hingehörte. Seine Zieheltern und die angebliche Großmutter fielen den Behörden auf, weil sie den zweieinhalb Monate alten Jungen ohne die erforderlichen Papiere beim Standesamt anmelden wollten. Wie ein Sprecher der örtlichen Polizeidirektion bestätigte, gaben sie bei ihrer Festnahme an, dass ihnen das Kind von anderen Roma in Athen übergeben wurde. Eine Frau, die die leibliche Mutter sein will, soll sich am Freitag der Polizei gestellt haben, berichtete der Radiosender "Skai".

4000 Euro für ein Baby

Allerdings ist die griechische Öffentlichkeit nun sensibilisiert - und ganz offenbar nicht zu Unrecht. In Athen wurde am Freitag ein Paar unter dem Vorwurf der Kindesentführung festgenommen. Erste Ermittlungen im Fall des Paares von Athen hätten ergeben, dass ihnen eine Rom im März für 4000 Euro ein Baby vermittelt habe. Anschließend hätten die Beschuldigten ohne Erfolg versucht, das heute acht Monate alte Kind beim Standesamt als ihr eigenes anzumelden. Bei der Vernehmung soll das Paar erklärt haben, es habe die Kleine gekauft, weil es keine eigenen Kinder habe. Das Baby kam in eine Kinderklinik. Nach der leiblichen Mutter und den Mittelsmännern werde gefahndet.

Roma-Organisationen sehen die aktuellen Ereignisse mit großer Sorge. "Wir hoffen, dass zukünftig nicht jedes nicht-dunkelhäutige und nicht-braunäuige Kind einen DNA-Test machen muss", so ein Sprecher gegenüber dem "Guardian". Europaweit leben die Angehörigen der Gemeinschaft in ärmlichen Verhältnissen und haben mit Ausgrenzung und Diskrimminierung zu kämpfen.

steh mit DPA
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