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Verseuchter Käse: "Erkrankte können Lidl verklagen"

Sechs Menschen sind nach dem Verzehr von verseuchtem Käse gestorben. Haben die Behörden und Lidl nicht schnell genug gehandelt? Foodwatch-Chef Thilo Bode erhebt im Interview mit stern.de schwere Vorwürfe.

Herr Bode, im Fall des mit Listerien befallenen Käses sprechen Sie von Versagen bei den Behörden und Lidl. Was werfen Sie ihnen vor?
Die Verantwortlichen haben viel zu zögerlich gehandelt. Nach unseren Recherchen lag in Österreich bereits am 20. Januar 2010 ein Bericht vor, dass es nach dem Verzehr des Käses des Herstellers Prolactal zu Todesfällen gekommen ist, am 22. Januar erschien eine Meldung im Europäischen Behörden-Schnellwarnsystem. In Deutschland vertrieb Lidl diesen verseuchten Käse, aber das Unternehmen sprach erst am 16. Februar eine unmissverständliche Warnung aus - viel zu spät.

Lidl hatte doch schon vorher, am 23. Januar, vor dem Käse gewarnt?
Das war keine eindringliche Warnung, sondern lediglich eine weiche Empfehlung, den Käse "aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes" und unter Hinweis auf die grundsätzlichen Infektionsgefahren nicht zu verzehren. In einem Fall, bei dem es offenkundig um Leben und Tod geht, ist das viel zu wenig. Nach den ersten Meldungen aus Österreich hätten Lidl und die Behörden Himmel und Hölle in Bewegung setzen müssen, um die Verbraucher eindringlich zu warnen. Man hätte sofort sagen müssen: "Dieser Käse darf auf gar keinen Fall gegessen werden - er kann zum Tod führen." Das geschah aber erst drei Wochen später.

Hätte man also weitere Erkrankungen in Deutschland vermeiden können?
Die Dunkelziffer der Listerien-Erkrankten werden wir nie erfahren. Aber eines ist klar: Als die eindeutige Warnung erfolgte, war die größte Menge des verseuchten Käses wohl bereits verzehrt. Und dass man nicht viel schneller konsequent gehandelt hat, ist in diesem Fall besonders dramatisch: Von Tag zu Tag wurde der Käse gefährlicher, weil sich die Listerien auch im Kühlschrank vermehren. Der Käse war ein echtes Gesundheitsrisiko - es waren bereits sechs Menschen gestorben.

Haben auch die Behörden zu langsam gehandelt?
Aus unserer Sicht haben die Beamten schlichtweg geschlafen. Am 22. Januar gab es die Meldung im Europäischen Behörden-Schnellwarnsystem, am 4. Februar gab es bereits den österreichischen Endbericht in einem für jeden zugänglichen Wissenschaftsjournal. Spätestens jetzt hätten alle Alarmlichter angehen müssen. Denn der Zusammenhang zwischen den österreichischen Todesfällen und dem Käse war nun restlos aufgeklärt. Und es war längst bekannt, dass Lidl den Käse des betroffenen Herstellers in Deutschland verkauft hatte. Aber erst am 9. Februar informierte das deutsche Bundesamt für Risikobewertung das zuständige baden-württembergische Landesministerium. Und auch danach geschah wieder tagelang nichts.

Warum sprachen die Behörden nicht sofort eine öffentliche Warnung aus?
Hier gibt es ein strukturelles Problem. Gesetzlich müssen sie keine Warnung aussprechen, sie sollen lediglich. Das dürfen sie aber auch nur, wenn das betroffene Unternehmen, in diesem Fall Lidl, nicht selbst tätig wird. Erst als das Robert-Koch-Institut einen eindeutigen Zusammenhang auch zwischen den deutschen Toten und dem Käse feststellte, kam hierzulande Bewegung in die Sache. Ein zynischer Vorgang - als ob die österreichischen Toten nicht gereicht hätten.

Es gibt keine Pflicht der Behörden, vor gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln zu warnen?
Nein, es gibt nur eine Soll-Bestimmung. In Deutschland werden die Interessen der Unternehmen höher bewertet als die der Verbraucher. Fast wöchentlich gibt es im Europäischen Behörden-Schnellwarnsystem Meldungen, aber für die Öffentlichkeit sind sie nur in anonymisierter Form einsehbar. Für den Bürger ist das vollkommen nutzlos, weil niemand erfährt, um welche Produkte es sich konkret handelt, in welchen Supermärkten sie verkauft werden. Wir brauchen dringend ein transparenteres System - nicht nur, damit die Verbraucher sich selbst besser schützen können, sondern auch um den Druck auf Hersteller und Einzelhandel zu erhöhen, dass sie die Qualitätskontrolle ernster nehmen. Die Behörden müssen dazu zu verpflichtet werden, gesundheitsrelevante Informationen unverzüglich weiterzugeben.

Könnten im aktuellen Fall die Listerien-Erkrankten oder Angehörige von Todesopfern den Hersteller oder Lidl verklagen?
Gewöhnlich ist es sehr schwer, einen eindeutigen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen verseuchten Lebensmitteln wie zum Beispiel Gammelfleisch und einer Erkrankung zu beweisen. Hier jedoch gelingt der Nachweis, denn bei den besagten Käse-Listerien handelt es sich um einen neuartigen Bakterienstamm, der bislang noch nirgendwo aufgetaucht ist. Ursache und Wirkung sind in diesem Fall also klar belegbar. Deshalb kann eine Klage meiner Meinung nach durchaus Aussicht auf Erfolg haben.

Haben Sie den Eindruck, dass die Verantwortlichen versuchen, die Versäumnisse zu vertuschen?
Foodwatch wird derzeit von allen möglichen Seiten Panikmache vorgeworfen, interessanterweise allerdings nicht von den Behörden und auch nicht von Lidl. Ich glaube, dort weiß man sehr genau, dass dieser Fall gehörig stinkt.

Sönke Wiese