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Verteilungskampf in den USA: Steuerstreit der Superreichen

Amerikas Superreiche streiten: Während eine Fraktion um Warren Buffett Milliarden spendet und mehr Steuern für Vermögende fordert, begehren andere gut Betuchte auf - und finden höhere Abgaben "zum Kotzen".

Von Uta Harnischfeger

Eine Rückschau: Etwa 40 Milliardäre in den USA verkünden, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für einen guten Zweck zu spenden. Sie folgen einer Initiative um Microsoft-Gründer Bill Gates und Investorenlegende Warren Buffett, der von "gewaltiger Resonanz" spricht. Mit dabei: Medienmogul Ted Turner, Oracle-Mitgründer Larry Ellison und Hotelerbe Barron Hilton. Das passte zum Zeitgeist, damals im Sommer 2010, als sich die Welt endlich vom Lehman-Desaster erholt hatte, das seine Keimzelle in der Wall Street hatte.

Winter 2011: Der letzte Occupy-Wall-Street-Protestierer ist von Polizisten weggetragen worden, Tiffanys und Macy's in der Fifth Avenue sind proppenvoll, der Zeitgeist im Wandel begriffen. Unter Amerikas Superreichen macht sich eine Gegenbewegung stark. Vermögende kämpfen gegen ihr schlechtes Image an - und bekennen sich offen: reich ist geil.

Schwerreiche Amerikaner haben Anfeindungen satt

Jamie Dimon, der bestbezahlte unter den Chefs der größten US-Banken, hat die Angriffe gegen Reiche und Banker satt. So satt wie andere schwerreiche Amerikaner. Der Chef von JP Morgan, der vergangenes Jahr 23 Millionen Dollar verdiente, hat sich an die Spitze dieser Anti-Buffet-Front gesetzt und ein Plädoyer für den Reichtum abgegeben: "Handeln wie jeder, der erfolgreich ist, ist schlecht. Und weil Du reich bist, bist du schlecht. Ich verstehe das nicht", sagte Dimon auf einer Investorenkonferenz in New York. "Manchmal gibt es einen faulen Apfel, aber deswegen machen wir doch nicht alle schlecht."

Dimons Gehalt beträgt das 900-fache eines normalen Schalterangestellten seiner Bank. Unter seiner Ägide hatte JP Morgan kräftig bei dem mitgemischt, was als Subprime-Krise in die Weltgeschichte einging. Vorwiegend mit Hypotheken mit geringer Bonität fuhr er 50 Milliarden Doller Verluste ein. Später gab er zu, 10.000 Familien überteuerte Kredite gewährt zu haben.

Während die Einkommensschere in den USA mit jedem Jahr weiter auseinanderklafft – das oberste ein Prozent der US-Haushalte hat sein Einkommen in den letzten 30 Jahren verdreifacht –, begehren prominente Reiche gegen ihren miesen Ruf auf. Dass sie sich überhaupt öffentlich äußern, ist eine Reaktion auf die Occupy-Wall-Street-Bewegung, die die Kritik gegen die oberen "ein Prozent" vor allem der Finanzindustrie erstmals auf die Straße brachte.

Selbstherrliche Schulterklopfer

Jetzt, da die letzten Protestcamps von der Polizei aufgelöst wurden, kommt vielen Reichen die Galle hoch. Tom Golisano, milliardenschwerer Gründer von Paychex, ein Unternehmen, das Löhne für andere Firmen abrechnet, nannte es "lächerlich", alle Reichen über einen Kamm zu scheren und von ihnen einen höheren Betrag für die Staatskasse einzufordern. "Wenn ich nochmal einen Politiker höre, der davon redet, jeder müsse einen fairen Anteil zahlen, werde ich kotzen."

Andere Ultrareiche wie Peter Schiff, Chef des Wertpapierhändlers Euro Pacific Capital, scheinen trotz direktem Kontakt mit den Protestlern von Occupy Wall Street wenig geläutert. Schiff, der sich mit einem Schild "Ich bin die 1 Prozent" zu den Protestlern gesellt hatte, schimpft, dass man ihm mehr Steuern abknöpfe als "ein mittelalterlicher Fürst seinem Untertan".

Neuerdings bekennen sich auch Reiche, die einmalig, etwa durch einen Firmenverkauf, viel Geld gemacht haben, offen dazu, mit ihren Kapitalgewinnen nichts für den Jobmarkt zu tun. Einer von ihnen ist Nick Hanauer, Mitgründer der Online Werbefirma aQuantive, der seine Gesellschaft für 6 Milliarden Dollar an Microsoft verkauft hatte: "Reiche Geschäftsleute wie ich schaffen keine Arbeitsplätze." Allerdings plädiert er dafür, Vermögende stärker zu besteuern und mit dem zusätzlichen Geld für Wachstum zu sorgen - was ja auch dem Stellenmarkt nutzen würde.

Wieder andere klopfen sich auf die Schulter und bescheinigen sich, viel für das Gemeinwohl zu tun: Robert Rosenkranz, Chef des Versicherers Delphi Financial, sagte kürzlich, jeder Angestellte im Privatsektor verdanke seinen Job "den obersten ein Prozent". Hedgefonds-Manager John Paulson, der in der Finanzkrise mit Immobilienwetten Milliarden verdient hatte, erzürnte sich jüngst, dass die oberen ein Prozent in New York zwei Fünftel der Einkommensteuern zahlten. Er reagierte damit auf einen getürkten überdimensionalen Erstattungsscheck vom Finanzamt, den die Occupy-Wall-Street Bewegung vor seinem Haus hinterlassen hatte.

Ein paar millionenschwere Gutmenschen gibt es noch

Stephen Schwarzman, Chef von Blackstone, der weltweit größten Private-Equity Gesellschaft, ereiferte sich im Fernsehen, dass Familien mit niedrigen Einkommen keine Steuern abführen müssten. "Jeder muss Teil des Systems sein", so Schwarzman, der manche Kapitaleinkünfte nur mit 15 Prozent versteuert.

Bei so viel Verbalattacken werden die Gutmenschen um Buffett leicht übersehen. Der Chef der Investmentholding Berkshire Hathaway ist nicht nur zu üppigen Spenden bereit. Er plädiert dafür, Reiche höher zu besteuern - und hat für das Projekt auch schon Nachahmer gefunden, wie etwa die Gruppe Patriotic Millionaires.

Das Gegenteil, nämlich niedrigere Steuern zu fordern, hat sich bisher noch keiner getraut. Vielleicht wartet Dimon noch bis nach Weihnachten.

FTD