HOME

Very British: Die große Dicke feiert

Sie ist die wahrscheinlich bekannteste Glocke der Welt, jetzt feiert sie Jubiläum: Seit 150 Jahren schlägt Big Ben den Londonern die Stunde. Ihren Geburtstag feiert die große Glocke wie seit ihrem ersten Tag am 31. Mai 1859: Sie schlägt pünktlich die Stundenzahl in tönendem Es-Dur.

Von Cornelia Fuchs, London

Jeden Tag exakt um 18 Uhr erklingt die wohl berühmteste Glocke der Welt im BBC-Radio, direkt vor den Nachrichten. Wer denkt, dies sei eine Aufnahme, abgespielt von Audio-Dateien oder Tonbändern in den Studios der BBC, der irrt. Ein Richtmikrophon überträgt live den Glockenschlag direkt in den Sender, jedes Mal wieder neu. Das Schlagen des Big Ben dient wie seit Jahrzehnten nicht nur der Anzeige der Zeit, sondern es überträgt auch die Botschaft, dass die Pendel noch schwingen, der Uhren-Turm noch steht und damit das Königreich noch existiert.

Nun ist in den vergangenen Wochen einiges durcheinander geraten in Whitehall, dem Parlamentsbezirk. Die Abgeordneten im Unterhaus mussten sich vorwerfen lassen, Steuergelder für Entenhäuschen und Pferdemist abzuzweigen, einige stehen gar unter dem begründeten Verdacht, ihre Wohnsitze fast im Schwung der Jahreszeiten gewechselt zu haben, nur um so viel Spesen wie möglich abgreifen zu können. Es ist beruhigend zu wissen, dass immerhin die Uhr, die seit dem 31. Mai 1859 im 96-Meter-Turm prangt, weiter im Zwei-Sekunden-Takt das Pendel schwingt.

Die Kunst der Improvisation

Bei näherem Hinsehen ist diese Regelmäßigkeit jedoch keineswegs mechanischer Präzision zu verdanken. Die Uhr, die wiederum die Glocke Big Ben mit ihren 13,7 Tonnen zum Schlagen bringt, läuft nur so präzise, weil die verantwortlichen Mechaniker seit Generationen eine besondere Kunst der Improvisation beherrschen und im Besitz sind von einer Sammlung alter Pennies.

Diese alten Münzen werden jeden Tag sorgfältig auf dem Pendel platziert oder herab genommen, genau über dessen Masse-Schwerpunkt. Sie verschieben damit den Schwerpunkt des Pendels minimal, verlängern oder vergrößern dadurch seine Länge und damit die Zeit, die das Pendel für einen Schwung braucht. Ein alter Penny addiert so zwei Fünftel einer Sekunde innerhalb von 24 Stunden hinzu - und nur die Mechaniker wissen, wie viele alte Münzen sie brauchen, damit Big Ben auf die Sekunde genau schlägt. Das ändert sich je nach Temperatur oder Windstand.

Umstrittener Name

Der berühmte Name steht übrigens nicht für den gesamten Uhrenturm, sondern nur für die größte der fünf Glocken. Die musste gleich mehrfach gegossen werden: Die erste Version war um einige Tonnen zu schwer geraten und bekam Risse, kaum dass sie erklang. Der Mantel der zweiten Glocke riss zwar ebenfalls - diesmal jedoch drehte man sie einfach und benutzte einen leichteren Hammer von immerhin noch 200 Kilogramm, der inzwischen in den 150 Jahren eine große Delle in die Außenhaut des Big Ben geschlagen hat.

Woher der dicke Ben seinen Spitznamen hat, ist heute umstritten. Eine Theorie besagt, dass er zur Ehre von Sir Benjamin Hall benannt worden sei, dem verantwortlichen Beamten des Bauprojekts. Andere glauben, der Name habe sich zur Ehre von Benjamin Caunt etabliert, dem berühmtesten Schwergewichtsboxer des 19. Jahrhunderts, der in einem Kampf 93 Runden durchstand, bevor er zu Boden ging.

Mächtig viel Lärm

Big Ben hat immerhin eine Kraft von 118 Dezibel, wenn er auf Touren kommt. Das gleicht dem Lärm eines startenden Düsenjets. Getönt hat er fast ohne Unterbrechung in den 150 Jahren - nur im Ersten Weltkrieg wurde er für längere Zeit vom Schlagen abgehalten, damit sich keine Zeppeline an seinem Klang orientieren konnten. Im Zweiten Weltkrieg flogen die deutschen Bomber zu hoch, um Big Ben zu hören.

Die IRA hatte den Uhrenturm auf einer Liste möglicher Bombenziele, ebenso angeblich Al-Qaeda. Greenpeace ist es gelungen, ein Anti-Atom-Plakat an der Außenfassade anzubringen, und eine große Schar Stare sowie ein besonders dicker Eisbelag haben die Zeiger im vergangenen Jahrhundert länger blockiert. Jedes Mal mussten wieder die Mechaniker hinaufsteigen, um die Pendel wieder in Ordnung zu bringen. Das größte mechanische Problem trat in der Nacht zum 10. August 1976 auf - da hörte Big Ben gar nicht mehr auf zu schlagen, weil Teile des Uhrwerks herab gefallen waren. Für diese Notfälle gibt es Aufnahmen des Glockentons für die BBC-Nachrichten.

Themen in diesem Artikel