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Deutsch und trotzdem Ausländer "Wo kommst du eigentlich her?" – Warum Isabell nicht das Gefühl hat, zu 100 Prozent dazuzugehören

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"Ich glaube der Grund, warum ich nicht sagen kann, ich fühl mich zu hundert Prozent deutsch, ist immer dieses ausgeschlossen sein hier. Hallo ich bin Isabell, ich bin 43. Ich bin Studentin an der Uni Hamburg und hab hier Psychologie und Ethnologie studiert. Mein Vater ist gebürtiger Ghanaer und der hat letztlich ein Stipendium bekommen von der deutschen Regierung damals und durfte sich hier als Mediziner ausbilden lassen. Er hat dann meine Mutter auf der wunderschönen Nordseeinsel Sylt kennengelernt und ich bin dann letztlich in Eutin geboren worden.   Ich hab gemerkt, dass ich einen Migrationshintergrund habe, das ging eigentlich los in der ersten Klasse. Da wurde ich von Mitschülern gefragt, die ich gar nicht kannte, wo kommst du eigentlich her? Kommst du aus Amerika? Da musste ich selber erst mal überlegen. Und bin nach Hause und hab meine Mutter gefragt: Wo komm ich eigentlich her? Komm ich aus Amerika? Ich weiß gar nicht mehr was sie gesagt hat, aber das hat mich sehr durcheinander gebracht. Seit dieser frühesten Kindheit eigentlich, hab ich so das Gefühl, da ist so eine gläserne Wand zwischen mir und den anderen ist. So eingebaut. Ich bin halt ne sehr sportliche Person. Konnte immer wahnsinnig weit springen und weit rennen. Damit sind die Jungs nicht zurecht gekommen. Auch beim Basketball. Da hab ich so von einem Jungen, den Namen weiß ich sogar noch, öfter zuhören bekommen: ‚Geh doch zurück in den Urwald, wo du herkommst.’ Einfach nur, weil ich den Korb gemacht hab, und er nicht. Gläserne Wand bedeutet für mich, ich kann ja alles sehen. Ich kann auch verstehen, was da passiert auf der anderen Seite. Aber ich komm da nicht rüber. Mir ist der Zugang verwehrt. Ich ertappe ich mich ganz oft bei dem Gefühl. Ich darf das nicht. Ich bin nicht genug. Diese Selbstprophezeiungen, die machen halt, dass manche Dinge schwierig für mich sind, obwohl sie nicht schwierig sein müssten. Von Nachbarskindern wurde ich als Dachpappe bezeichnet. Also ich habe bestimmte Erfahrungen gemacht oder die haben mir auch explizit gesagt: du gehörst nicht dazu. Aber ich komm ja hierher. Schwierig. Darum hat das so etwas bei mir hervorgerufen, dass ich immer versuche gleicher zu sein, wie es irgendwie möglich ist. Ich muss mich immer beweisen, ich muss immer beweisen, dass ich mich gut ausdrücken kann, dass ich sehr gut deutsch spreche, dass ich gebildet bin, dass ich Zusammenhänge verstehe. Und bin immer auch auf der Hut, nicht entlarvt zu werden, als irgendwie jemand, der nicht Bescheid weiß, dumm ist. Ich würde sagen, dass ich halbdeutsch und halbghanain bin. Diese Gleichzeitigkeit ist ganz schwierig zu erklären. Ich glaube der Grund warum ich nicht sagen kann, ich fühl mich zu 100 Prozent deutsch, ist immer dieses Ausgeschlossen sein hier. Deutschland ist so groß und so groß geworden, auch durch den Mauerfall damals. Es gibt 50 Prozent des Landes, das ich einfach nicht betreten kann. Weil mittlerweile Nazis rumschreien "Ausländer raus". Ich war selbst in Mecklenburg und hab da gepaddelt und da kam mir so ein Nazi-Boot entgegen und die meinten: "Das ist aber kein schönes Boot." Und ich hatte wirklich Angst! Die Frage ist, ob ich die Loyalität zu einem Land haben kann, das zulässt, dass so etwas öffentlich gesagt wird und, dass ich auch Angst haben muss um mein Leben. Und ja das hat mich jetzt in eine erneute Identitätskrise gestürzt."
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"Geh doch dahin zurück, wo du herkommst“ – eine Aufforderung, mit der Isabell seit ihrer frühsten Kindheit konfrontiert ist. In der stern-Videoserie Deutschlaender erzählen Menschen wie es ist, in Deutschland mit Migrationshintergrund aufzuwachsen.

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