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Volkssport Flaschensammeln: "Die Würde des Menschen ist angetastet"

Seit Einführung des Pfands ist Flaschensammeln ein lukrativer Nebenverdienst für Menschen mit wenig Geld. Mittlerweile sammeln aber nicht nur Obdachlose - das neue Massenphänomen zeigt Deutschlands verdeckte Armut. stern.de hat ein Pärchen bei ihrer täglichen Arbeit begleitet.

Von Helmut Kuhn

Vier mal wird Holger Classen (48) heute in Berlin losziehen. Um zehn Uhr beginnt er seine erste Tour mit dem Fahrrad. Sein Revier ist der Stadtpark Friedrichshain, dort kennt er jeden Abfalleimer. Classen ist gelernter Maurer und seit zehn Jahren arbeitslos. Seit vier Jahren sammelt er Flaschen und bessert sich seine Bezüge durch Pfandgeld auf. Hartz IV, sagt er, "reicht hinten und vorn nicht." Wenigstens eine Schachtel Zigaretten am Tag müsse mit dem Pfand zusammenkommen.

Man sieht sie plötzlich überall im Alltag: Flaschensammler. Junge wie alte Menschen, Männer wie Frauen und sogar Kinder. Sie durchforsten Papierkörbe und Mülleimer und sammeln Pfandflaschen in Rucksäcken und Plastiktüten. In Parks, in Bahnhöfen, auf den Straßen wie vor Fußballstadien, frühmorgens wie spät in der Nacht. "Es ist nicht nur ein größstädtisches Problem. Man sieht die Flaschensammler überall in Deutschland", sagt Heidi Merk, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes stern.de. "Das beschämt uns: Da ist jetzt eine Armut, die es vorher nicht gab, und aus der kein Ausweg zu sehen ist."

Und die Zahl derer wächst, die sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen ein Zubrot verdienen: "Waren es früher mehr Alkoholiker, so sind es heute viele ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Es ist diese verdeckte Armut, und meist sind es Männer", sagt Heidi Merk, die ehemalige Sozial- und stellvertretende Ministerpräsidentin von Niedersachsen .

Motive so unterschiedlich wie Nöte

Holger Classen kennt das Phänomen nicht nur aus eigener Erfahrung. Als er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Doris Dreagert vor vier Jahren mit dem Sammeln begann, waren sie noch allein im Park. Jetzt werden es immer mehr. Ihre Motive sind so unterschiedlich wie ihre Nöte. "Eine Rentnerin sammelt für ihren Enkel, andere sammeln für den Suff. Die meisten wegen Hartz IV", sagt Classen.

Die Runde am Morgen bringt drei Euro und die Runde am Mittag nicht einmal einen. Am Nachmittag teilen sie sich den Park auf. Doris Dreagert macht mit dem Trolli die "kleine Tour", Classen mit den Rad die große. Trotz Miniskus-OP ist die 55-Jährige flott zu Fuß. "Damals haben wir noch schönes Geld gemacht", sagt sie. Da kamen schon mal zwischen 20 und 50 Euro an Spitzentagen zusammen. Sie kennt die Gesetzmäßigkeiten. Mittags die 0,25-Liter-Flaschen, Wasser, Cola, Säfte. Am Abend, wenn die "Griller und Alker" kommen, die Bierflaschen zu acht Cent.

Auf der Wiese am Teich hat Draegert Glück. Schon von weitem wird sie angesprochen, die Parkbesucher geben ihr gern ihre leeren Flaschen. "Viele sind sehr freundlich. Aber seit immer mehr Leute Flaschen sammeln, sind sie zunehmend genervt", sagt sie. "Da gibt es welche, die stehen schon beim ersten Schluck da und geiern nach der Flasche". Classens Ausbeute dagegen ist magerer. Gerade zwei Plastikflaschen hat er gefunden. "Es ist eben ein richtiger Volkssport geworden. Man muss sich bewegen und mit viel Gymnastik in hohe Mülltonnen abtauchen", sagt Classen sarkastisch.

"Volkssport" Flaschensammeln

Wenig später stehen die beiden vor dem Supermarkt. Bevor sie das Pfand zu Geld machen, öffnet Holger Classen den Müllcontainer des Marktes und wühlt darin herum. "Manch einer ekelt sich davor, aber ich mache es." Sein heutiger Fund: Eine Salatgurke und Petersilie, beides schon etwas welk, Kohlrabi und ein Netz Apfelsinen. Die meisten noch gut. "Das ist Saison bedingt. Manchmal finde ich auch Brot oder Yoghurt. Fleisch dürfen sie nicht mehr wegwerfen, da haben sich mal welche vergiftet."

Einen Volkssport möchte Heidi Merk das nicht nennen. "Wenn die Menschen Flaschen und Essensreste aus Mülltonnen sammeln, dann ist die Würde des Menschen angetastet", meint sie. "Die Schlangen vor den Suppenküchen und Armentafeln werden immer länger. Die Bahnhofsmissionen haben Zulauf wie nie zuvor, wenn es etwas zu essen gibt." Und die Lage werde sich nicht ändern. Was könne man diesen Menschen also sagen? "Schließt euch zusammen. Verbände und Kirchengruppen müssen das Phänomen aufgreifen und zu einer Antiarmutsbewegung wachsen, die es der Regierung verbietet, lapidare Kurzantworten zu geben."

Mittwoch ist Kirchentag

Doris Draegert und Holger Classen gehen schon seit 2005 jeden Mittwoch in die Kirche. Wenn man sich dort um 8.30 Uhr anmeldet, gibt es ein Frühstück für 20 Cents und am Mittag eine Tüte Lebensmittel für einen Euro. "Wundertüte" nennen sie das. Manchmal sind Fleisch und Fertiggerichte darin. Manchmal schneidet ihnen dort ein Friseur-Lehrling die Haare, umsonst. "Laib und Seele" heißt die Initiative der Berliner Tafel e.V., Kirchen und des Rundfunk Berlin Brandenburg. In 370 Suppenküchen, Frauenhäusern Kirchen und Schulen werden jetzt 15.000 Bedürftige täglich mit einer Mahlzeit versorgt. Ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche.

"Ich höre immer, dass die Wirtschaft boomt. Bei mir boomt es nicht", sagt Holger Classen. Am Besten sei noch das Wochenende. "Aber wenn es regnet, brauch ich erst gar nicht los", winkt Classen ab. Dasselbe im Winter. "Da bin ich froh, wenn ich am Tag drei Flaschen finde". Vielleicht bringt die Tour um Mitternacht noch etwas ein. Im Schnitt sind es derzeit zehn Euro am Tag. Zu zweit.

Im letzten Jahr lief das Sammeln noch ganz gut. Da konnten sie sogar einen kleinen Urlaub machen. Drei Tage Prag, für 99 Euro pro Person. Alles vom Flaschengeld. Davon schwärmt Doris Dreagert noch heute. In diesem Jahr wird das nicht drin sein. "Die Konkurrenz ist einfach zu groß geworden. Neulich habe ich einen Anzugträger gesehen, der mir die Flaschen weggeschnappt hat", sagt sie.