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Vom Ausspionieren und Auflauern: Unter Stalkern

Die Geiselnahme von Ingolstadt war der Höhepunkt eines monatelangen Stalkings. Kein Einzelfall: 24.600 Anzeigen gab es im vergangenen Jahr. Was tun, wenn man die Kontrolle über die Gefühle verliert?

Von Sophie Albers

Schon die erste Kontaktaufnahme mit einem Stalker sei "eigenwillig", man komme unter Zugzwang, sich häufiger melden zu müssen, sagt Kriminologin und Stalking-Expertin Rita Steffes-enn vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement. Eine von gerade mal drei Institutionen in Deutschland, die sich in der Stalking-Prävention versuchen.

Die Stalker (Studien zufolge sind es zu 80 Prozent Männer) werden ihr vom Gericht zugewiesen. Einige melden sich freiwillig. Kommt ein Stalker zur Beratung, bedeute eine Stunde Sitzung mit dem Klienten vier Stunden Vor- und Nachbereitung. Überall lauern auch für die Kriminologin Fallen, in denen sie selbst zum Opfer werden könnte. Das Durchbrechen von Gedankenketten, die den Stalker an sein Opfer binden, ist anstrengende und zeitintensive Arbeit.

Voller Hass, auch gegen sich selbst

Mit diesem Mann, wir nennen ihn P., hat sie eineinhalb Jahre gearbeitet. P. ist im "Stalker-typischen" Alter zwischen 35 und 40. Ebenfalls typisch sind ein hoher Bildungsstand und Arbeitslosigkeit. P. hat seine Ex-Freundin terrorisiert, sie ausspioniert, ihr 500 SMS am Tag geschickt, ist in ihre Wohnung eingestiegen und hat sie teilweise verwüstet. "Er war voller Hass, auch immer wieder gegen sich selbst", sagt Steffes-enn. Der von ihm genannte Grund? Die Frau habe noch Werkzeug von ihm in der Garage liegen und wolle es nicht herausgeben. Wo fängt man da an?

Stalking ist keine Krankheit, es ist eine Straftat. Seit 2007 steht "Nachstellung" gemäß Paragraf 238 StGB unter Strafe. "Menschen, die stalken, sind für ihr Handeln verantwortlich", sagt Wolf Ortiz-Müller, der 2008 die erste Stalker-Anlaufstelle in Deutschland eröffnet hat: Stop Stalking in Berlin. 2000 Anzeigen hat die Kriminalstatistik 2012 in der Hauptstadt verzeichnet. Für Gesamtdeutschland sind es mehr als 24.600. 110 Stalker haben im vergangenen Jahr bei Stop Stalking Hilfe gesucht. Freiwillig oder mit richterlicher Auflage.

Stalking ist nur ein Problem von vielen

"Nachdem der Stalker zu uns gekommen ist, wird seine Motivation, sein Problembewusstsein, seine Kränkung analysiert haben, unterschreibt er/sie eine Beratungsvereinbarung: Gemäß der verpflichtet er/sie sich, nicht mehr zu stalken. Wenn er/sie es doch tut, muss er es beim nächsten Gespräch sagen", beschreibt Ortiz-Müller seine Arbeit. Dabei unterscheidet er vier Stalker-Typen: Die größte Gruppe seien Ex-Partner, die die Trennung nicht verwinden können. Dazu kämen "Rache-Stalker", die gegen öffentliche Kontakte wie Rechtsanwälte oder Ärzte vorgehen, die sich "schlecht" verhalten haben. Beziehungssuchende Stalker seien meist sozial inkompetente Menschen, die eine Beziehung fantasieren. Der Krankheit am nächsten sei der Erotomane, der tatsächlich einem Liebeswahn verfällt. Stalker kommen aus allen Milieus - von Hartz IV bis Manager.

Stalking gehe meist einher mit psychischen Problemen, die sich unter anderem in Stalking ausdrücken, sagt Ortiz-Müller. Fast jeder Stalker leide unter Depressionen und starker Verlustangst, sagt auch Steffes-enn. Die Quelle dafür liege häufig in der Kindheit. Sie lasse sich zuerst immer die Ermittlungsakten kommen, so die Kriminologin. Es gehe darum herauszufinden, was das Stalking-Verhalten triggere, aber auch wie das Opfer reagiere, wann die Lage eskaliere. Bei P. waren es mitunter profane Dinge: wenn er Musik hörte oder Bücher las. Das machte ihn melancholisch.

Die Beratung bestehe aus Selbstmanagement, Ärgermanagement und Stressregulation, sagt Steffes-enn. Diese Menschen müssen dem eigenen Sein wieder einen Sinn geben. Dabei sei kein Stalker wie der andere. Patentlösungen gebe es einfach nicht. "In unserer Arbeit benutzen wir Mittel der Verhaltenstherapie: Wie kriege ich eine Woche herum ohne Rückfall", sagt Ortiz-Müller. "Wir vereinbaren fünf, zehn oder fünfzehn Gespräche. Wenn das am Ende nicht reicht, verweisen wir den Stalker an einen Psychotherapeuten."

Zum Glück tierlieb

Und wie endete es für P.? Das Stalkingverhalten habe er schnell aufgegeben. Danach traten bei ihm regelrechte Entzugserscheinungen auf, was bei Stalkern häufig der Fall ist. Bei der Suche nach Alternativen für das ohne Stalken erschreckend leere Leben, fand Steffes-enn heraus, dass P. tierlieb ist. "Er hat in einem Tierheim Patenschaften übernommen." Das habe ihm geholfen. Und Sport.