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Von der Großstadt aufs Land: Unsere kleine Selbstversorger-Farm

Öko-Zahnpasta und Gemüsegarten statt Konsumterror und Großstadtstress: Lisa Pfleger und Michael Hartl proben die Selbstversorgung auf dem Land. Mit ihrem Blog erreichen sie tausende Leser.

Von Daniel Bakir

Lisa Pfleger mit den Früchten ihrer Arbeit

Lisa Pfleger mit den Früchten ihrer Arbeit

Wie viele gestresste Großstadtmenschen und Bürojobknechte träumen nicht wenigstens ab und zu mal davon, einfach alles hinter sich zu lassen? Die überteuerte Stadtwohnung aufgeben. Raus aufs Land ziehen. Einen eigenen Gemüsegarten anlegen und sich weitgehend selbst versorgen. Lisa Pfleger (24) und Michael Hartl (32) haben genau das getan. Vor vier Jahren kehrten die beiden Österreicher der Hauptstadt Wien den Rücken und starteten das Experiment Selbstversorgung.

Das Paar lebt nun im Südburgenland im Osten Österreichs auf einem gepachteten Grundstück von 8000 Quadratmetern. Darauf steht ein Haus, ein kleiner Wald und eine große Streuobstwiese, dazu ein Kräutergarten, 400 Quadratmeter Gemüsebeet und 1000 Quadratmeter Weingarten. Bei der Bewirtschaftung verzichten sie auf moderne Maschinen, sondern machen lieber das, was sie mit eigenen Händen schaffen. Das Ganze sei eine Art "gelebte Kapitalismuskritik" erzählen sie im Gespräch mit stern.de. "Es macht uns aber auch einfach total viel Spaß, draußen zu sein, zu gärtnern und mit der Erde in Kontakt zu sein", sagt Hartl.

54.000 Facebookfans

Auf eine moderne Errungenschaft wollen die Aussteiger aber keinesfalls verzichten: das Internet. Denn Hartl und Pfleger sind keineswegs Einsiedler, die Angst vor dem Rest der Welt haben. Seit Beginn des Projekts Selbstversorgung dokumentieren sie ihre Schritte ausführlich mit Texten und Bildern in ihrem Blog, um ihre Erfahrungen zu teilen und sich Anregungen von anderen zu holen. "Wir hatten wenig Geld und haben trotzdem angefangen unseren Traum zu leben. Die Leute sollen durch unseren Blog sehen, dass es möglich ist", sagt Hartl.

Auf diese Weise haben sie im gesamten deutschsprachigen Raum eine beachtliche Leserschaft gewonnen. Ihre Facebookseite hat mehr als 54.000 Fans, täglich kommen 10 bis 15 Mails mit Feedback oder Fragen zum Projekt. Manche geben Tipps, andere holen sich Ratschläge. "Komplette Selbstversorgung ist für die meisten eher ein schöner Tagtraum. Aber viele wollen das zumindest in Teilen leben", sagt Lisa Pfleger. Zu den meistgelesenen Blog-Artikeln im vergangenen Jahr gehörten Texte über selbstgemachte Minz-Zahnpasta, wiederverwendbares Klopapier und Waschmittel aus Rosskastanien.

Michael Hartl hegt sein Beet

Michael Hartl hegt sein Beet

Im Büro sitzen die anderen

Die Lebenshaltungskosten der Beiden betragen etwa die Hälfte ihrer Wiener Zeit. Sie haben kein eigenes Auto und machen keine Flugreisen. Beide arbeiten selbständig von zu Hause aus. Michael Hartl ist Projektleiter im IT-Bereich und organisiert Online-Kampagnen für NGOs, Lisa Pfleger hat einen Web-Shop für selbstgefertigte Hula-Hoop-Reifen und soeben ein veganes Kochbuch geschrieben, das im April erscheint. "Ich muss weniger arbeiten als die meisten, weil ich mit weniger auskomme", sagt Pfleger. "Andere sitzen im Sommer im Büro, ich sitze im Garten."

Im Sommer kümmern sie sich bis zu fünf Stunden am Tag um den Gemüsegarten. Jäten, säen, gießen, ernten. Je nach Jahreszeit können sie ihren Bedarf an frischem Gemüse so komplett decken. 2014 soll das Projekt Selbstversorgung weiter wachsen. Pfleger und Hartl wollen einen zusätzlichen Garten anlegen, in dem sie mit verschiedenen Anbauweisen experimentieren können. Zudem werden sie, wie schon in der Vergangenheit erfolgreich erprobt, wieder Gleichgesinnte zu Workshops und Kursen auf ihren Hof einladen. Schließlich gibt es für Selbstversorger immer etwas Neues zu lernen.

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