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Umstrittenes Labor in Hamburg: Wann Tierversuche erlaubt werden – und warum es Debatten um ihren Sinn gibt

Heimlich aufgenommene Bilder aus einem Labor nahe Hamburg haben viele Menschen erschüttert. Warum gibt es überhaupt noch so viele Experimente mit Mäusen, Hunden und Affen?

Hund im Labor

Heimlich aufgenommene Bilder aus einem Versuchslabor in der Nähe von Hamburg haben eine Debatte über den Sinn von Experimenten mit Tieren ausgelöst. "Heutzutage gibt es extrem viele tierversuchsfreie Methoden, die viel effektiver, schneller und günstiger als der Tierversuch sind", sagte die Sprecherin der Organisation Ärzte gegen Tierversuche, Gaby Neumann, der dpa. Sie kritisierte, dass jährlich mehrere Milliarden Euro in Tierversuche investiert werden, während nur etwa 20 Millionen Euro in die Erforschung alternativer Methoden fließen. 

Die Organisation Soko Tierschutz hatte einen Aktivisten als Mitarbeiter in das private Labor im Norden Niedersachsens eingeschleust, dieser filmte blutende Hunde und gefesselte Affen. Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt gegen den Betreiber, Niedersachsen prüft den Widerruf aller an dem Standort genehmigten Tierversuche

Zudem werde der betroffene Landkreis Harburg zeitnah entscheiden, ob die Betriebsgenehmigung für das Labor widerrufen werde, sagte die Tierschutzreferentin im Agrarministerium in Hannover, Dorit Stehr. Inzwischen habe man Akteneinsicht in der Hamburger Zentrale genommen, um den bei Kontrollen aufgefallenen Ungereimtheiten nachzugehen. Die niedersächsischen Grünen fordern eine sofortige Schließung des Labors. 

Wann Tierversuche erlaubt werden

Nach dem Tierschutzgesetz dürfen Tierversuche nur erlaubt werden, wenn sie "unerlässlich" und "die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar" sind. "Unsere Leute geben sich sehr viel Mühe damit herauszufinden, wo vergleichbare Forschung läuft, um eine Doppelforschung zu vermeiden und eine doppelte Verwendung von Tieren zu vermeiden", sagte Christine Bothmann, Abteilungsleiterin im Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves). Häufig würden Anträge auf Genehmigung von Tierversuchen von den Antragstellern nach Kritik aus dem Laves zurückgezogen oder geändert.  

Viele Tierversuche haben mit der Humanmedizin zu tun: Es geht um Hirnforschung, Krebsforschung sowie häufig um Tests etwa auf Giftigkeit bei der Zulassung von Medikamenten. Zum Beispiel im Hinblick auf den Verdauungstrakt sei fraglich, ob Ratten oder Mäuse ein gutes Modell für den Menschen sind, sagte Gerhard Breves, der an der Tierärztlichen Hochschule Hannover an Alternativen zu Tierversuchen forscht. Erkrankungen des Magen-Darm-Stoffwechsels lassen sich Breves zufolge sehr gut mit Zellkulturen statt mit lebenden Tieren erforschen. Breves' Projekt gehört zu einem niedersächsischen Forschungsverbund, der neue Methoden etablieren will, um Tierversuche zu vermeiden und zu verringern. Dieser wird mit 4,5 Millionen Euro vom Land gefördert. 

Über die Bilder aus dem Labor im Kreis Harburg zeigten sich Politiker aller Parteien erschüttert. Auch der Ruf nach mehr staatlichen Kontrollen wurde laut. "Wenn den Behörden etwas auffällt, wird die Kontrollfrequenz erhöht", sagte dazu die Tierschutzreferentin aus dem Agrarministerium. Der Wunsch nach einer dauerhaften Überwachung der Einrichtungen sei nicht machbar und rechtlich nicht vorgesehen. Es könne nicht die ganze Zeit ein Amtstierarzt daneben stehen.

fs / DPA