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Warntag 2020 Panne bei Warn-App: Innenministerium nennt Probealarm "fehlgeschlagen"

Sehen Sie im Video: Bundesweiter Warntag mit zwiespältiger Bilanz – App-Alarm verspätet.




"Alarm, Alarm, bundesweiter Warntag. Fast überall in ganz Deutschland ertönten am Donnerstag die Sirenen. Erstmals seit der Wiedervereinigung gab es am Vormittag wieder einen bundesweiten Probealarm. Der sogenannte Warntag ist der Test für den Ernstfall, wenn Gefahrenlagen wie schwere Unwetter oder Anschläge, aber auch, und das ist neu, Neuausbrüche des Coronavirus erkannt werden. NRW-Innenminister Herbert Reul sagte in Leverkusen: "Wir haben alle gedacht, der kalte Krieg wär' vorbei und wir brauchten nicht mehr zu warnen. Aber es gibt neue und andere Katastrophen. Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Feuer und darauf rechtzeitig hinzuweisen. Das ist elementar." Was ist eigentlich geschehen und wie verhalte ich mich richtig, kann ja die Sirene nicht vermitteln. Nur Warn-Apps wie Nina oder Katwarn können dies tun, doch die App-Warnungen kamen am Warntag zum Teil noch verspätet an. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe teilte mit, dass die Bilanz des Warntags zwiespältig sei. Die Sirenen seien vor Ort pünktlich ausgelöst worden, die Warnungen über die Apps hingegen nicht schnell genug angekommen. Jetzt gelte es, die Defizite aufzuarbeiten. Nach einem Beschluss der Innenministerkonferenz findet der bundesweite Warntag künftig jedes Jahr am zweiten Donnerstag im September statt. Er soll den Menschen die Gelegenheit geben, sich in Zukunft mit Warnsystemen vertraut zu machen.
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Gemischtes Fazit nach dem ersten bundesweiten Warntag: Die App NINA funktionierte bei vielen nicht, Menschen wunderten sich über ausbleibende Sirenen. Letzteres muss allerdings nicht unbedingt ein Fehler sein.

Das Bundesinnenministerium hat den landesweiten Probealarm vom Donnerstagvormittag als "fehlgeschlagen" bezeichnet. Grund dafür sei ein technisches Problem. "Die Vorgänge werden jetzt umfassend aufgearbeitet", kündigte das Ministerium in Berlin am Nachmittag an. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten dann bei der weiteren Entwicklung des Warnsystems berücksichtigt werden.

Die angekündigte Gefahrenmeldung der Warn-Apps NINA und KATWARN war am Vormittag erst mit einer guten halben Stunde Verspätung auf den Smartphones angekommen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn erklärte diese Panne mit der zeitgleichen Auslösung einer Vielzahl von Warnmeldungen. Auf Twitter räumte das BBK zuvor die Probleme ebenfalls ein und schrieb in einem weiteren Post, dass die Panne dennoch "wichtige Erkenntnisse" geliefert hätte: 

Präsident Christoph Unger sagte, erste Analysen hätten ergeben, dass um 11 Uhr nicht nur wie geplant eine zentrale Warnung ausgelöst worden sei, sondern viele andere angeschlossene Leitstellen ebenfalls eigenständig Warnungen ausgelöst hätten. Das habe zu einer Systemüberlastung geführt.

Darum waren nicht überall Sirenen zu hören

Erstmals seit der Wiedervereinigung war um 11.00 Uhr der bundesweite Probealarm ausgelöst worden. Der sogenannte Warntag dient als Vorbereitung auf Gefahrenlagen wie schwere Unwetter, Überschwemmungen, Chemieunfälle oder auch Terroranschläge. Alle vorhandenen Warnmittel sollen getestet werden. Dazu gehören zum Beispiel Warn-Apps, Nachrichten über Radio und Fernsehen, aber auch Sirenen. Um 11.20 Uhr folgte die Entwarnung.

Die Sirenen heulten allerdings nicht überall. Auf Twitter berichteten nach dem Zeitfenster etliche User davon, keine Sirenen gehört zu haben und wunderten sich. Dies muss nicht unbedingt auf einen Ausfall zurückzuführen sein. In Bremen oder Berlin etwa blieb es still. Bremen hat seine Sirenen dem Portal "Buten un Binnen" zufolge bereits vor einiger Zeit abgebaut. Berlin hat ebenfalls keine Sirenen mehr, bereits seit den 1990ern. Die Hauptstadt sei zu dicht besiedelt, schreibt der "Tagesspiegel". Auch andere Städte setzen nicht mehr auf Sirenengeheul zur Warnung der Bevölkerung.

Psychologe warnt vor Folgen von Sirenen-Einsatz

Der Psychologe Andreas Hamburger von der International Psychoanalytic University Berlin hat den Einsatz von Sirenen an dem für diesen Donnerstag geplanten bundesweiten Warntag ohnehin kritisiert. 

"Die Menschen, die selber noch als Kinder Luftangriffe erlebt haben, sei es in Deutschland im Krieg, seien es Geflüchtete, die aus Kriegssituationen kommen, werden ganz unmittelbar und sehr intensiv mit Gefühlen von Panik auf solche Signale reagieren. So dass man sich schon die Frage stellen muss oder sollte: Ist es notwendig, und welchem wirklichen Zweck dient es denn, diese Reflexe bei Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben, zu triggern?", sagte der Psychologie-Professor der Deutschen Presse-Agentur. 

Er erinnere sich aus seiner Kindheit selbst noch an die Luftschutzübungen des Kalten Krieges, die ihm immer einen Schauder über den Rücken gejagt hätten. "Ich verstehe nicht ganz, warum man diese Inszenierung braucht, jetzt so die gute alte Luftschutz-Sirene wieder auszumotten, denn heutzutage gibt es natürlich wesentlich effizientere und auch geräuschärmere Formen."

Die Bundesregierung begründe dies damit, dass die Bevölkerung sensibilisiert werden solle, doch so ganz leuchte ihm das nicht ein. "Wir machen ja auch keinen Tag der Müllabfuhr, um die Bevölkerung für die Abfallentsorgung zu sensibilisieren. Es kommt mir vor wie eine Art Demonstration."

Quellen: DPA, "Buten un Binnen", "Tagesspiegel"

rös DPA

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