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Was macht eigentlich ... Tine Wittler?: Die lustig dralle Einrichtungsfee

Sie schreibt Bücher, produziert Filme und betreibt eine Kneipe – wirklich bekannt aber wurde Tine Wittler als Raumausstatterin.

Von Cathrin Wißmann

Tine Wittler 2006 beim "Einsatz in 4 Wänden" auf RTL

Tine Wittler 2006 beim "Einsatz in 4 Wänden" auf RTL

Das Interview mit Tine Wittler erschien der stern-Printausgabe Nr. 32 am 07. August 2014.</

Frau Wittler, zehn Jahre lang waren Sie die lustig dralle Einrichtungsfee von RTL. 2013 wurde die Sendung abgesetzt. Täuscht der Eindruck, oder gibt es momentan nur noch Dünne im Fernsehen?


Tine Wittler: Ich fände es sehr schade, wenn ich nur aufgrund meines Körpers oder meiner äußeren Hülle vermisst würde. Immer wieder geht es in Interviews um mein Aussehen."

Es fällt aber schwer, mit Ihnen nicht über Äußerlichkeiten zu sprechen. Sie haben eine Mode-Linie für Mollige, haben Ratgeber wie "Pralle Prinzessinnen" geschrieben und drehten den Dokumentarfilm "Wer schön sein will, muss reisen".


Der Film und das Buch sind genau deshalb entstanden. Ich habe mich gefragt, warum unterwerfen wir uns Schönheitsidealen und warum muss ich mich ständig dazu äußern. Ich hatte nie Krieg mit meinem Körper, denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der dies keine Rolle spielte. Ich habe von meinen Eltern nie gehört, dafür bist du zu doof, zu dick, zu klein. Dennoch wollte ich wissen, warum wir uns diesen falschen Idealen unterwerfen. Es sollte das Thema meines sechsten Romans werden, aber dann kam alles anders. Es entstanden ein Reisetagebuch und ein Dokumentarfilm.

Für die Recherche sind Sie nach Mauretanien gereist...


In Mauretanien herrscht ein Schönheitsbild, das unseren Maßstäben völlig entgegengesetzt ist. Als attraktiv und wohlhabend gelten Frauen mit Rundungen. Allerdings wird in dem Land auch die Gavage praktiziert, das ist die Zwangsfütterung junger Mädchen. Sie sollen möglichst schnell und früh dem dort herrschenden Ideal entsprechen.

Sie haben die Gavage selbst erlebt?


Es ist eine Art von Folter. Da der Film nicht zeigen sollte, wie kleine Mädchen gequält werden, habe ich es selbst ausprobiert. Und ich war froh, als es vorbei war.

Wie sehen Sie Schönheitsideale?
Die Erkenntnis, dass äußere Schönheit viele verschiedene Erscheinungsformen haben kann, ist ein ganz großer Schritt zur eigenen Freiheit. Objektive Schönheit gibt es nicht. Punkt. Schönheitsideale sind immer abhängig von Raum und Zeit, sie unterliegen willkürlichen Maßstäben.

Hat die Reise Sie verändert?


Ich bin politischer geworden. Zum Beispiel durch die ReBelles, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, Menschen nicht auf ihre äußere Hülle zu reduzieren. Zudem bin ich seit anderthalb Jahren mit meinem Buch auf Lesereise, seit September begleite ich den Film durch die Kinos und bin bei vielen Diskussionsrunden zu Gast.

Umso erstaunlicher, dass auf Facebook eine Anzeige kursierte, in der Sie für Diätpillen werben.


Ich habe dafür nie meine Zustimmung gegeben und bin von dem Hersteller auch nicht gefragt worden. Deshalb bin ich rechtlich dagegen vorgegangen.

Wann geht’s für Sie zurück ins Fernsehen?


Ich konzentriere mich momentan auf meinen Film. Wir arbeiten an einer englischen und einer französischen Version, um damit bei internationalen Festivals präsent sein zu können. Das Projekt ist mir derzeit das Wichtigste. Was danach kommt, wird man sehen.

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