HOME

Was wäre, wenn?: Das Beste kommt zum Schluss

Was macht der Mensch aus seinem Leben, wenn das Ende absehbar ist? Wieviel Kraft bleibt, um die begrenzte Zeit zu nutzen? stern-Reporter haben Menschen getroffen, die mit dem Tod konfrontiert sind. Sie sprachen unter anderem mit Sterbenskranken, Medizinern und Theologen - und bekamen bewegende wie überraschende Antworten.

Von Michael Streck

In Hollywood ist der Tod ein Abenteuer. Er ist simpel und einfach, oft kurz und schmerzlos, und zuweilen kommt der Tod fast spielerisch daher wie im aktuellen Kinofilm "Das Beste kommt zum Schluss", in dem Jack Nicholson und Morgan Freeman zwei todkranke Männer mimen, die nur noch ein paar Monate haben und auf der Zielgeraden ihr verpasstes Leben nachholen. Sie reisen, sie jagen, sie springen Fallschirm, sie besteigen Berge, sie flirten. Der Film ist natürlich nur eine Kitschpostkarte, den Tod als Abenteuer gibt`s in nur auf der Leinwand. Und doch stellt er die Sinnfrage: "Was macht der Mensch aus seinem Leben, wenn das Ende absehbar ist?"

Genau dieser Fragen ging der stern in seiner aktuellen Titelgeschichte nach. stern-Reporter machten sich auf eine Reise quer durch Deutschland, um Menschen zu treffen, alte wie junge, die mit dem Tod konfrontiert wurden oder, umgekehrt, den Tod konfrontieren. Die sich letzte Wünsche erfüllten, kleine wie große. Sie sprachen mit Sterbenskranken, mit Patienten, die eine schwere Krankheit überlebt haben, mit Humanmedizinern und Theologen. Und alle plädierten für einen bewussten Umgang mit dem Tod - und vor allem mit dem Leben. Der Politiker Gregor Gysi, der sich im Jahre 2004 einer schweren Hirnoperation unterziehen musste, sagt, er habe danach die Endlichkeit des Seins begriffen und sich danach verändert: "Man nimmt Familie, man nimmt Kultur, mann nimmt bestimmte politische oder andere Vorgänge ernster als vorher, andere dagegen werden für mich völlig nebensächlich."

"Mach, was dir Erfüllung bringt"

Der Gärtnermeister Kurt Peipe aus dem schwäbischen Hessigheim erkrankte vor vier Jahren an Dickdarmkrebs und erfüllte sich 2007 einen Lebenstraum, nachdem ihn die Ärzte für "austherapiert", ergo: unheilbar, erklärten hatten. Er wanderte von der deutsch-dänischen Grenze 170 Tage lang fast 3500 Kilometer bis nach Rom. Peipe wollte sich finden - und fand "das Vertrauen in die Menschen", wie er sagt. Er rät jedem in dieser Situation: "Mach, was dir Erfüllung bringt, selbst wenn es noch so verrückt ist."

Die meisten Deutschen allerdings gehen ziemlich nüchtern mit dem Tod um. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern würden 57 Prozent der Befragten "so weiter leben wie bisher", wenn sie noch ein Jahr zu leben hätten. 41 Prozent würden "in Würde von Familie und Freunden Abschied nehmen" und lediglich 36 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) würden sich "lang gehegte Wünsche erfüllen". Das deckt sich mit den Erfahrungen von Humanmedizinern wie Professor Christoph Student, der das Thema Sterben seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht. "Am Ende", sagt er, "werden eher die kleinen Wünsche ganz wichtig. Noch einmal die geliebte Suppe der Mutter löffeln, noch einmal kochen, noch einmal ein Schaumbad nehmen mit Sekt und Kaviar und einer Zigarette."

Der Tod gilt als Spielverderber

Der Theologe Manfred Lütz, Autor des Bestsellers "Gott - eine kleine Geschichte des Größten" fordert ein grundsätzliches Umdenken: "In der real existierenden Gesundheitsgesellschaft ist der Tod tabu und er gilt als der große Spielverderber. Man versucht, ihm mit Turnschuhen davonzulaufen, ihn hinauszuzögern oder am besten ganz zu verhindern. Damit liegt man im Trend, und am Ende steht auf dem Grabstein: Er lebte still und unscheinbar, er starb, weil es so üblich war."

Manfred Lütz, sieht dagegen "im Sterben die Würze des Lebens". Ganz still wird es, wenn er bei Vorträgen vor Studenten und Managern sagt: "Wenn ich jetzt jedem von ihnen das genaue Datum seines Todes sagen könnte, werden Sie gewiss schon morgen bewusster leben, denn sie wissen, das ist ein unwiederholbarer Tag weniger." Also: Warum nicht heute schon damit beginnen? Schließlich hat die Diagnose Tod jeder Mensch mit seinem ersten Schrei.

print