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Webprojekt "Gedächtnis der Nation": Gegen das Aussterben der Erinnerung

Das "Gedächtnis der Nation" ist online - ein Mammutprojekt gegen den Verlust der persönlichen Erinnerungen an Ereignisse der deutschen Geschichte. Die Kooperation von stern und ZDF hat sich in Berlin vorgestellt.

Von Sophie Albers

"Gedächtnis der Nation": Deutscher Geschichte auf der Spur

"Eine Nation, die ihr Gedächtnis verliert, ist verloren." Ein schwerer, staatstragender Satz, den Kulturstaatsminister Bernd Neumann am Donnerstag in der Bundespressekonferenz in Berlin von sich gegeben hat. Doch auch schlicht und ergreifend ein wahrer. Zeitzeugen sterben aus, verstummen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber wer soll dann in einer Zeit des Informations-Overkill erzählen, wie es wirklich war?

Höchste Zeit für eine multimediale Plattform, wie sie jetzt online gegangen ist: Das "Gedächtnis der Nation" ist ein Mammutprojekt, das sich zur Aufgabe macht, Zeitzeugen zu befragen und ihre Erinnerungen für die Nachwelt zu konservieren. Die Kooperation von stern und ZDF wurde von Hans-Ulrich Jörges und Guido Knopp ins Leben gerufen. Themen sollen die "deutsche Parallelgeschichte nach dem Krieg", die Emanzipation der Frau, Migration und auch die Finanzkrise sein. Zeitlich sei man nicht beschränkt, sondern "für die Zukunft offen", so Jörges auf der Pressekonferenz.

100 Momente deutscher Geschichte

Vorbild ist die Shoah-Foundation, ein massives Oral-history-Archiv zum Holocaust, das Hollywood-Regisseur Steven Spielberg 1994 initiiert hat. Rund 6000 Zeitzeugenberichte liegen im "Gedächtnis der Nation" bereits vor - allerdings noch nicht alle online. Eine Zahl wie die 50.000 der Shoah-Foundation seien das Ziel, sagt Knopp. 1800 Interviews stammen aus dem ZDF-Archiv, 40 Jahrhundertzeugen - von Helmut Schmidt bis Georg Stefan Troller - sind mit einstündigen Interviews vertreten.

Heikle Geschichte

Zu finden sind die persönlichen Berichte auf der Website "Gedächtnis der Nation". Hinter 100 Momenten deutscher Geschichte, die je mit einem Kurzfilm erklärt werden, warten bisher 1800 Interviews, die sich wiederum nach Themen und Ereignissen ordnen lassen. Google hat als Sponsor die technischen Möglichkeiten dafür geschaffen mit der Website und einem eigenen Youtube-Kanal. Von der Datenmenge her sei dieses "digitale Museum der Erinnerung" das größte Videoprojekt von Google weltweit, sagt Philipp Schindler, Google-Chef Europa.

Ab Donnerstag ist auch der Jahrhundertbus unterwegs. Ein mobiles Studio, das in Berlin startet und in Städten nahe der ehemaligen Grenze zwischen Deutschland und der DDR Station macht, um dort Erinnerungen "abzuholen". Redakteure treffen sich mit Zeitzeugen, um sie vor laufender Kamera zu befragen. Allerdings gehe kein Video unkontrolliert online, macht Jörges klar. "Deutsche Geschichte ist eine heikle Geschichte." Bisher sind vier Redakteure nicht nur damit beschäftigt, Interviews zu führen, sondern auch die Daten und Fakten zu verifizieren. "Hetze, Ergüsse und politische Beeinflussung gehen es nicht raus", so Jörges. Das gilt ebenfalls für die Zeugnisse des Mitmachkanals "Unsere Geschichte": Hier sind Zeitzeugen dazu aufgerufen, ihre Geschichte selbst aufzuzeichnen und einzusenden.

Fünf Jahre lang haben Jörges und Knopp gebraucht, um die Finanzierung auf die Beine zu stellen. "Gedächtnis der Nation" ist ein gemeinnütziger, völlig unabhängiger Verein, der privat finanziert ist. Das wundert auch Kulturstaatsminister Neumann - "kein Cent vom Staat". Auf vier Jahre sei man finanziell abgesichert, verrät Jörges. Der Gesamtetat betrage zwei Millionen Euro. "Aber wir haben einen Traum: Es wäre großartig, wenn drei Busse durch Deutschland fahren könnten." Und mehr Redakteure werde man auch bald brauchen.