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Website für Vergewaltigungsopfer: Das Ende des Schweigens

Viele Frauen werden Opfer sexueller Gewalt. Viele reden jedoch nie darüber - aus Scham oder falscher Rücksicht. Auf einer neuen Webseite können sie endlich ihr Schweigen brechen.

Von Georg Wedemeyer

Manches Bekenntnis ist ganz kurz: "Ich habe nicht angezeigt... weil dann eine Flucht unmöglich geworden wäre... fliehe immer noch." Aus anderen bricht das Martyrium ihrer Vergewaltigung in seitenlangen Schilderungen hervor. Und viele, viel zu viele, quält nicht nur die Frage nach der eigenen Schuld, sondern auch die Angst "was die Konsequenzen wären, wenn ich den Mund aufmache." Doch zumindest im Internet sind die Zeiten des Totschweigens vorbei, seit es dort die Seite Ich habe nicht angezeigt, weil... gibt.

Seit Anfang Mai ist diese Seite online und gibt Betroffenen die Möglichkeit, wenigstens anonym zu schildern, was sie bisher nicht der Polizei und meist auch keinem anderen zu erzählen wagten. So wie eine Frau, die mit 15 im Partykeller ihrer Eltern vom Freund des Bruders vergewaltigt wurde, und jetzt auf der Webseite schreibt: "Danke für die Aktion. Jetzt bin ich über 30 und hab das bis heute noch nie irgendjemandem mal so richtig erzählt".

Schluss mit dem Schweigen

Die Aktion, die noch bis Ende Mai läuft und deren anonyme Auswertung dann mit Polizei und Justiz diskutiert werden soll, war die Idee von fünf Frauen aus München. Alle zwischen 40 und 50 Jahre alt und "keine Aktivistinnen, sondern ganz normale Frauen", wie die Mitinitiatorin Daniela Oerter, 46, sagt. Ihr Motiv: "In unserem Alter kennt eigentlich jede Frau aus vertraulichen Gesprächen andere Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Aber das wird öffentlich totgeschwiegen. Das wollten wir ändern."

Es ist ihnen auf eindringliche Weise gelungen. Rund 700 Opfer sexueller Übergriffe, darunter auch einige Männer, haben mittlerweile das Forum genutzt, um ihr Leid "hinauszuschrei(b)en", wie eine Betroffene es ausdrückt. Die Lektüre der Beiträge ist Schwerstarbeit, nicht nur für empfindliche Gemüter.

Unrühmliche Rolle der Mütter

Immer wieder wird als Grund des Schweigens genannt: "weil es mein Vater war." Oder: "Weil ich gedacht habe es ist normal, er hat ja auch gesagt einer muss es Dir ja beibringen." Oder der Bruder, der Onkel, der Opa. Scham, Schuldgefühle und Angst vor dem zerstörten Familienfrieden ließen die Opfer verstummen. Oft spielten die Mütter eine unrühmliche Rolle: "Ich habe es vor drei Jahren geschafft und habe es meiner Mutter geschrieben und wie ich es mir gedacht habe, hat sie sich nie wieder gemeldet."

Auch fremde Täter werden oft verschont, weil die Opfer sich selbst die Schuld geben. Eine zeigte nicht an, "weil ich damals einen Minirock an hatte und nachts allein von der U-Bahn nach Hause ging." Eine andere, "weil ich an mir selbst zweifle und so auch wohl jeder andere an meiner Glaubwürdigkeit zweifeln würde." Eine dritte, "weil ich mich schuldig fühlte, da ich mich aus Angst nicht gewehrt habe."

Selbst ideologische Schranken halten Vergewaltigungsopfer von einer Anzeige ab. Eine Frau schreibt: "Ich möchte auch nicht das jemand nur verurteilt wird, weil der Richter rassistisch ist (der Täter ist Afrikaner)." Eine andere ging nicht zur Polizei "weil wir in derselben Antifa-Gruppe waren und diese daran zerbrochen wäre."

Oft ist es der Freund oder Ex-Freund, der von den Gepeinigten geschont wird. "Schließlich habe ich ihn geliebt." "Vielleicht hat er mein Nein nicht gehört." Und oft traut man anderen, allen voran Polizei und Justiz, kein Einfühlungsvermögen zu, "weil diejenigen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, schwer verstehen können, dass es nicht genug Wasser im Universum gibt, um sich diesen Dreck von der Seele zu waschen."

Es sind nicht nur frühere Dramen, die geschildert werden. Am 8. Mai um 7.45 Uhr tippte eine Hannah ins Forum, warum sie (noch) nicht angezeigt hat: "Weil es diese Nacht passiert ist. Er ist der beste Freund meiner Mutter und hat mir gestern Abend noch in meiner neuen Wohnung geholfen. Es wurde spät und er fragte, ob er bei mir übernachten könne. Komisch habe ich gedacht. "Ok” habe ich gesagt, ich dachte, es würde mir schon nichts passieren. Die Bettwäsche ist in der Waschmaschine. Ich kann es nicht fassen, ich fühle mich so tot."

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