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Weihnachten: Es gibt Kartoffelsalat!

Das Weihnachtsessen – neben Baum und Geschenken DER Eckpfeiler des Festes und eine zuweilen heikle Angelegenheit. Was passiert, wenn man sich mutwillig mit einer kulinarischen Tradition anlegen will?

Von Jessica Wagener

Kartoffelsalat

Oma sollte Recht behalten ...

"Lass uns doch dieses Jahr mal was Anderes essen, Oma." Ich würde nicht sagen, dass ich ein bisschen maulig war. Ich war sehr maulig. Standardmäßig gab es bei meinen Großeltern bisher nämlich jedes Jahr an Heiligabend Seelachsfilet und Kartoffelsalat mit Mayonnaise. Wobei letztere laut Oma das Geheimnis ist: "Die Mayonnaise kaufe ich immer beim Fischhändler."

Jahrein, jahraus der gleiche – zweifelsohne köstliche – Kartoffelsalat. Doch in dem Jahr wollte ich einfach was Anderes. Unbedingt. Oma plusterte sich auf: "Was stimmt denn bitte nicht mit meinem Kartoffelsalat?"
"Nichts. Ich meine, alles. Es ist halt immer das gleiche."
"Und was willst du stattdessen essen?"

Ich erklärte meiner Oma, dass mir der Sinn mitnichten nach Schickilacki und Schischi stünde. Nichts Getrüffeltes und Geschäumtes, kein Fusion Food und nichts Veganes. Keine Zutat, die in irgendeinem Bett oder Nest Platz zu nehmen oder sich auf einem Spiegel zu räkeln hätte. Nur eben was Anderes als in Scheibchen geschnittene Kartoffeln. Oma verschränkte die Arme.

Und dann, in einem unbedachten Sekündchen, rutschte es mir heraus: "Ich kann ja kochen."
"DU?"
"Äh, ja. Warum denn nicht?"
Jetzt plusterte ich mich auf. Immerhin war ich zu dem Zeitpunkt schon Mitte Zwanzig (also fast erwachsen), hatte mir und meinem Freund durchaus erfolgreich das eine oder andere Steak bzw. Spiegelei in die Pfanne geworfen und ohne nennenswerte Nebenwirkungen verspeist. "In Ordnung", sagte Oma.

Ein fulminantes Mahl?

Ein aufkommendes Mulmig-Gefühl beiseite schiebend, stürzte ich mich regelrecht enthusiasmiert in die Planung meines ersten fulminanten und dabei trotzdem bestechend schlichten Weihnachtsmahls für die ganze Familie. Die verbleibende Woche bis zum Fest verbrachte ich bis zur Nasenspitze zwischen den Seiten diverser Kochbücher und betrieb zusätzlich Internetrecherche. Aber je mehr ich las, desto verwirrter wurde ich. Gans mit Klößen? Forelle blau mit Gurkensalat? Oder doch lieber Yorkshire-Pudding von Jamie Oliver?

Die Umstände (meine Kocherfahrung, Omas Küchengegebenheiten und Opas eher experimentierunfreudige Geschmacksrezeptoren) berücksichtigend, entschied ich mich schließlich für Roastbeef mit Bratkartoffeln. Das Fleisch bei Niedrigtemperatur im Ofen, die in mühevoller Kleinarbeit geschälten Kartöffelchen in der Pfanne, zogen wir uns an Heiligabend ins Wohnzimmer zurück. Und hatten einen Riesenspaß. Mit Opas Gesangseinlagen, mit meinem ironischen Blockflötenspiel, mit familiären Kabbeleien und Neckereien.

Bis es plötzlich zu riechen anfing.

Wie der Blitz sprang ich vom Sofa, riss einen Schwung Lametta vom Baum, flitzte durch Rauchschwaden in die Küche – und blickte traurig auf Brikettkartoffeln. Mehr als der Verlust der Beilage schmerzte mich die Schmach. Oma, die mir hinterhergekommen war, öffnete wortlos die Kühlschranktür und holte eine Schüssel hervor. Darin: Kartoffelsalat.

"Was ..." Ich verstummte, Omi lächelte. "Ach, Kind. Ohne Kartoffelsalat ist es kein Weihnachten."

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