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Weihnachten weltweit: Heiße Feiertage in der Karibik

Alle Welt feiert Weihnachten - auch in der Karibik. Zwar gibt es weder Glühwein noch Schnee, aber dafür viele exotische Rituale: Die Kakteen tragen rote Mützen, die Heiligen Drei Könige bekommen Zigaretten, und statt Weihnachtsmarkt gibt's Karneval.

Die Heiligen Drei Könige bekommen Stroh und Zigaretten, manche Kakteen rote Mützchen, Santa Claus eine Wäscheleine und viele Kinder ihre Geschenke erst am 6. Januar. Weiße Weihnachten mit Schnee sind trotz jüngster Wetterturbulenzen in der Karibik noch unbekannt. Dafür freuen sich Insulaner und Touristen über Palmen und fast weißen Pulversand am Strand. Das Christfest auf den "West Indies" hat auch andere ungewöhnliche Aspekte: Dazu zählt der weihnachtliche Karneval auf St. Kitts und den Bahamas. Und "Silent Night, Holy Night" (Stille Nacht, Heilige Nacht) wird in der Reggae-Version auf Barbados, Jamaika und Trinidad am Strand barfuss getanzt und ist in den festlichen Wochen auch ein Dauerbrenner in Open Air Discos.

Viele Farben für den Weihnachtsmann

Auf den über 30 Inseln zwischen Florida und Venezuela haben die Weihnachtsmänner viele Hautfarben, ob Weiß, Braun, Bronze oder Schwarz. "Das hat noch kein Kind bei uns irritiert", erklärt Reshella Smith. Sie ist Lehrerin an der St. Mary's Vorschule neben der gleichnamigen anglikanischen Kirche in The Valley, der Hauptstadt der kleinen britischen Insel Anguilla. Schließlich gebe es "in der Karibik nicht nur schwarze Insulaner, sondern alle Farben dieser Welt", sagt die junge Frau.

Die Drei- bis Vierjährigen, die im Klassenzimmer um sie herum sitzen, springen nun auf. "Santa Claus is coming", rufen Sie und begrüßen einen in der Karibik wohl einzigartigen Weihnachtsmann. Terry Brennan hat einen echten weißen Rauschebart, echte 300 Pfund, rosa Haut, schwarze Stulpen, rotes Gewand und Mütze. Der Pensionär hat früher in London für Scotland Yard als Polizist gearbeitet und mit seinen 68 Jahre eine erstaunliche Kondition.

Seit 20 Jahren Karibik-Weihnachtsmann

"Heute halte ich Bescherung für insgesamt 240 Kinder in zwei Schulen." Bis zu 1500 Kids von Anfang November bis zum Christfest in Schulen, Kindergärten und auf Festen schafft Terry Brennan locker, auch wenn er mit fortschreitendem Alter nun öfter ein Päuschen einlegen muss. Dann trinkt er ein Glas Wasser, nimmt seine Zipfelmütze mit dem weißen Bommel ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Ich bin seit bald 20 Jahren Karibik-Weihnachtsmann, manchmal auch auf Nachbarinseln wie St. Martin", das halb französisch und halb niederländisch ist, erläutert der gutmütige Engländer.

Ein Foto mit dem Vollbärtigen, der wirklich so aussieht, wie sich Kinder den echten (weißen) Weihnachtsmann vorstellen, ist bei jedem der vielen Termine Pflicht, auch seine übliche Frage - "Warst Du auch brav und fleißig?" sowie ein kleines Geschenk. "Früher wünschten sich die Kinder Murmeln, Holzautos oder Puppen, heute soll es mindestens ein elektronisches Spiel sein." Nun, in der Vorschule gibt es eher festlich verpackt ein Malbuch oder Süßigkeiten, die Eltern und Lehrer für Brennan zur Bescherung bereit halten.

Ungewöhnliche Weihnachtsrituale

Auch Ivor Hodge wischt sich den Schweiß aus der Stirn, obwohl in dem Schulraum ein Ventilator auf ihn gerichtet ist. In drei Stunden macht er fast 200 Fotos. Der 45-Jährige pfeift, rasselt mit dem Schlüsselbund, damit alle nett in die Kamera schauen. Doch die dreijährige Sarah weint trotzdem, als sie auf dem Knie des riesigen Santa Claus sitzt. Die Mutti tröstet. Das hilft. Sarah lächelt nun tapfer. Draußen auf dem Spielplatz der Vorschule öffnen die Kinder gerade vorsichtig ein Türchen des Adventskalenders, den ein Besucher aus Berlin mitgebracht hat. "Toll, da ist ja Schokolade drin", freut sich die vierjährige Chandika. So ein Kalender mit 24 Türchen ist hier eine Neuheit.

Dafür gibt es auf etlichen Inseln manches, das für deutsche Kinder eher unbekannt ist. Auf Puerto Rico sammeln Kids bei 28 Grad im Schatten Gras und füllen es in Kästchen zur Stärkung der Kamele. In vielen Orten der US-Insel, auf der mehr Spanisch als Englisch gesprochen wird, werden vor Weihnachten oft riesengroße Statuen der Heiligen Drei Könige aufgestellt. Im historischen Zentrum der Hauptstadt San Juan grüßen sie auf dem Hügel gegenüber dem Capitolio am Kolumbusplatz. Vor allem junge Leute ziehen bei der "Paranda" von Haus zu Haus in der Nachbarschaft. Beim Musizieren kratzen sie auch auf einer Art Kürbis mit einem kammähnlichen Teil. Zur Belohnung wird oft ein "Coquito", ein Kokoslikör, serviert.

Zigaretten für die Könige

In der vorwiegend katholischen Dominikanischen Republik werden auch die Heiligen Drei Könige hochverehrt. Zahlreiche Gläubige stellen am 6. Januar für deren Stärkung ein Glas Wasser, Stroh und Zigaretten bereit, auch deshalb, damit diese Geschenke da lassen. Keiner weiß, ob die Weisen aus dem Morgenland damals zur Zigarette gegriffen haben. Jedenfalls ist die Nichtraucherkampagne bei den Dominikanern noch nicht so "in" wie in Deutschland oder den USA.

Christel Ehlert vom Bodensee, die schon 35 Jahre in der Hauptstadt Santo Domingo lebt, freut sich besonders auf Spanferkel, gefüllten Truthahn und "Pasteles en Hoja". Die Deutsche erklärt: "Das ist eine Spezialität von hier, die auf keinen Fall an Weihnachten fehlen darf." Der Teig aus Bananenbrei wird mit Hackfleisch oder Huhn gefüllt, in das Blatt einer Bananenpflanze gerollt und dann in Salzwasser gegart. Weihnachten auf den Inseln heißt nicht nur Gottesdienst, Besinnung auf die Geburt Christi, Familientreffen, Kommerz, Shopping und Geschenke, sondern auch Fröhlichkeit im Rhythmus von Calypso, Reggae, Merengue und Salsa, Festivals und mancherorts Kostümparaden und Tanz auf Stelzen. Und fast jedes Weihnachtslied - ob "Jingle Bells" oder der Song von Rudolf, dem Rentier mit der roten Nase - gibt es in Disco- und Reggae-Versionen.

Weihnachtskarneval lockt viele Touristen

Kolonialmächte wie Frankreich, Großbritannien und Spanien brachten ihre christlichen Traditionen ein. Doch auch Afrikanisches ist bis heute in der Karibik bewahrt. Auf den Bahamas und anderswo hatten die Sklaven keinerlei Interesse am Weihnachten der Kolonialherren. Doch das Christfest bescherte ihnen den einzigen freien Tag im Jahr. Den nutzten sie mit Trommeln, Gesang und den Riten ihrer Heimat zu fröhlichen Feiern.

Seestern statt Weihnachtsstern: In der Karibik keine große Sache

Seestern statt Weihnachtsstern: In der Karibik keine große Sache

Daraus entstand Junkanoo, der Bahamas-Karneval. Rumba-Rasseln, Trillerpfeifen, Trommeln und Kuhglocken bestimmen den Takt für das "Rushing", das rhythmische Fortbewegen der farbenprächtigen Gruppen. Die Mischung aus weihnachtlicher Besinnung sowie Karnevals-Frohsinn zieht auch viele Touristen in ihren Bann. Junkanoo beginnt am 26. Dezember direkt nach Mitternacht. Die riesigen Kostüme sind oft zentnerschwer und müssen von mehreren Männern abwechselnd getragen werden. Wichtiger Höhepunkt ist die Parade am 1. Januar.

Prächtige Straßenparaden

Marvin Saunders, in der Hotel- und TV-Branche auf verschiedenen Inseln tätig, fliegt jedes Jahr zur Weihnachtszeit nach Hause auf sein Eiland St. Kitts. "Ich bin vor allem karnevalssüchtig", sagt der 45-Jährige. Zum Auftakt am 24. Dezember spielen Straßenbands. "Am 25. gehen wir in die Kirche und feiern Weihnachten. Danach heißt es gleich raus aus Schlips und Kragen und rein in die Karnevalsklamotten." Auch hier ist der Höhepunkt am 1. Januar mit der prächtigen Straßenparade der Truppen.

Cecil Vanterpool aus Anguilla, die schon im hessischen Bad Homburg und in Berlin beim Christgottesdienst war, sagt: "Ich kenne viele der deutschen Weihnachtsmelodien, singe dann in Englisch mit. Das ist ganz easy." Dann meint sie nachdenklich: "Aber die Menschen in der Kirche in Germany scheinen zum Christfest nicht so fröhlich zu sein wie in der Karibik. Vielleicht liegt das am kühlen Wetter." In den Kirchen auf Anguilla tragen die Menschen halt Leichteres und Helleres, egal ob Anglikaner, Katholiken oder Baptisten. Auch ältere Frauen bevorzugen meist Kleider in leichten Pastelltönen und tragen dazu einen schicken bis wagemutigen Hut. Nach der Messe plaudern viele Insulaner noch für einige Zeit in und vor der Kirche. Fast jeder umarmt jeden und wünscht "Merry Christmas". Die Sonne scheint die Herzen zusätzlich zu erwärmen.

Disteln als Weihnachtsbaum

Wann der erste echte Weihnachtsbaum in die Karibik kam, ist nicht geklärt. Den ersten auf Puerto Rico habe der Deutsche Augustin Stahl in Aguadilla im Norden der Insel im Jahre 1842 aufgestellt. Dies erzählt die Hobbyhistorikerin und Simultandolmetscherin Ute Spengler, die seit über 30 Jahren in San Juan lebt. "Dieser Baum hat großes Interesse bei den Leuten in der Region ausgelöst", erläutert die Rheinländerin. Nadelbäume gibt es auf allen Inseln zu kaufen, sind aber sehr teuer. Viele Einheimische mögen keine Plastikbäumchen, schmücken neben Fenster und Hausfassade auch Palme, Seetraubenbaum oder Flamboyant Tree mit Lichterketten. Auch Ärmere sparen kräftig, um so wenigstens eine kleine "Lightshow" zu haben. Manche Eltern schicken ihre Kinder auch in den Busch, um eine Art Distelbaum auszugraben. Für viele ist diese Pflanze mit ihren länglichen Blättchen und ihrer groben Tannenform, die man auch noch zurecht schneiden kann, ein "echter" Weihnachtsbaum. Der Stachelträger wird dann vorsichtig mit Lametta, Kugeln, Kerzen oder Kunstschnee geschmückt.

Geschmückte Kakteen

Marlies Seelos schmückt auf dem niederländischen Bonaire sogar ihre hohen, schlanken Kakteen weihnachtlich. "Mit den roten Zipfelmützen auf der Spitze haben die schon viele Bewunderer gefunden." Die Deutsche gibt ihren Haus- und Pflegetieren - manchmal ist auch ein Flamingo dabei - zu Weihnachten immer etwas besonders Leckeres. "Äffchen King Kong liebt gekochtes Ei, Mohrrübe und Trauben. Meine Papageien bekommen Nüsse und Äpfel", sagt die Tierfreundin, die aus Küssaberg in Baden-Württemberg stammt und zum Fest mit ihren Freunden oft Käsefondue isst. Ihre Hühner und Gänse landen nicht in Bonaire in Kochtopf oder Pfanne, sondern bekommen zum Fest "eine extra Portion Mais".

Karibikkinder warten länger

Die Karibikkinder müssen auf ihre Geschenke länger warten als in Deutschland. Erst am Morgen des 25. Dezember wird ausgepackt, was der Weihnachtsmann unter den Baum gelegt hat. In vielen Teilen der Dominikanischen Republik und Puerto Ricos gibt es sogar erst am 6. Januar, am Tag der drei Heiligen Drei Könige, die Präsente. Der 24. Dezember ist meist ein normaler Arbeitstag. Manche Läden haben bis 23.00 Uhr geöffnet, damit letzte Geschenke gekauft werden können. Der 25. und der 26. Dezember sind Feiertage und bleiben Gottesdienst, Familie, Freunden und manchem Straßenfest vorbehalten. Auch in Kuba wird Weihnachten gefeiert, aber in eher bescheidenem Stil und offiziell kaum von ganz strammen Sozialisten. Die Kirchen sind gut gefüllt zur Christmesse. Weihnachtsbäumchen und Christbaumschmuck sind für die meisten Kubaner teurer Luxus. Das Festessen in der Familie ist für viele der Höhepunkt. Beliebt ist Schweinefleisch und der landestypische "Morros y Christianos" - Reis mit schwarzen Bohnen. Auf alle Fälle sind die Kubaner froh, dass ihnen seit 1998 zumindest wieder ein Feiertag, der 25. Dezember, beschert wird. Anfang 1998 war Johannes Paul II. zu einem offiziellen Besuch bei Fidel Castro in Havanna. Und der Revolutionär hat den Feiertagswunsch des aus Polen stammenden Papstes erfüllt.

Eine Wäscheleine für den Weihnachtsmann

Und was möchte Scotland Yard-Weihnachtsmann Terry zum Christfest? "Ach, ich habe fast alles. Wenn mir vielleicht jemand beim Waschen helfen könnte." In den lebhaften Wochen vor dem Fest schwitzt der Wahl-Anguillianer seine Weihnachtskluft mit jeder Bescherung durch. Fast täglich flattern auf seiner Wäscheleine zwischen Palmen und Hibiskus schwarze Stulpen, Hose und rote Jacke mit weißen Rändern in XXX-Größe. Die flatternde Weihnachts-Wäsche von Terry ist nun so bekannt, dass sie von vielen Freunden des Pensionärs auf Christmas- Fotos im Internet um die ganze Welt geschickt wird. Ein kleiner Junge aus Kanada, der mit seinen Eltern vor Jahren an den Santa Claus-Klamotten auf der Leine zufällig vorbei spazierte, rief damals freudestrahlend aus: "Hier wohnt der Weihnachtsmann." Als Terry Brennan diese Anekdote erzählt hat, zupft er an seinem langen Bart und sagt: "Jetzt fällt mir noch ein Geschenk ein. Eine neue Wäscheleine und Klammern könnte ich gebrauchen".

Von Bernd Kubisch, dpa / DPA