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Weihnachtsbräuche: Kitsch und Kreativität gegen die Krise

Alle Jahre wieder ... kommt der Weihnachtsmann. Doch während sich früher neue Bräuche erst nach Jahrzehnten durchsetzten, geht dies nach Ansicht von Volkskundlern nun deutlich schneller. Für das Krisenjahr 2008 heißt das: Geschenke müssen vor allem schrill sein - und kitschig.

Vogelvillen in poppigen Farben, Trüffelhobel mit Weihnachtsmanngriff, grasgrüner Baumschmuck oder Salzstreuer in Engelsgestalt - zu Weihnachten ist erlaubt, was gefällt. Volkskundler und Zukunftsforscher haben zwei Richtungen ausgemacht, wie das immer wiederkehrende Dilemma rund ums Feiern, Schenken und Dekorieren im Krisenjahr 2008 gelöst wird: Mit Kitsch und Kreativität. "Hemmungslos kitschig und immer schneller", fasst die Volkskundlerin Sabine Wienker-Piepho ihre Beobachtungen auf Weihnachtsmärkten zusammen. Zum größten Fest des Jahres sei alles zugelassen, was die Volksseele bewegt. "Und das sind in diesem Jahr auch krampfhaft bemühte neue Produkte."

Statt des herkömmlichen Futterhäuschens aus Holz würden auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt Vogelvillen mit den Aufschriften "Katzen sind doof" oder "Peep-Schau" angeboten. Die Professorin an der Universität Jena spricht außerdem von einem immer rasanteren Tempo des Stilwandels. "Im 19. Jahrhundert dauerte die Etablierung neuer Bräuche und Gegenstände durchaus 60 Jahre, heute ist ein neues Produkt binnen weniger Tage rund um den Globus präsent."

Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt am Main stellt ein "verhalteneres Einkaufsverhalten" fest. Der Grund sei nicht die Finanzkrise, sondern das zwangsläufige Aussterben des Konsums alter Prägung. "Wenn wir schon zwei Toaster haben, brauchen wir keinen dritten und vierten mehr, also müssen sich die Hersteller etwas Neues ausdenken." Die Lösung heiße Dienstleistung und Kreativität. Als Weihnachtsgeschenke seien Wellness-Gutscheine, Verwöhnprogramme und Kurse zur Selbstverwirklichung im Kommen. "Parfüm-Workshops zum Beispiel, wo der Beschenkte seinen Duft selbst kreieren kann, oder Kurse, in denen die Teilnehmer handgeschöpftes Briefpapier mit persönlicher Note herstellen."

Trend zum Unikat steigt

Auffällig sei der Trend zum Unikat. Steinle: "Je mehr sich die Gesellschaft individualisiert, desto stärker suchen wir nach dem Besonderen." Wer im Zeitalter des Massenkonsums keine eigene Idee habe, hat ein Problem. Eine Folge davon sei die Rückkehr des Handwerklichen. "Alles muss selbst gemacht sein, der Pullover, die Marmelade, man spricht von Schokoladenmanufakturen, obwohl jeder weiß, dass die Tafeln überwiegend industriell hergestellt werden."

Ganz besonders wichtig ist nach Meinung der Fachleute in diesem schwierigen Jahr der äußere Schein. "So viel Dekor wie 2008 ist mir noch nie aufgefallen", resümiert Wienker-Piepho ihre Streifzüge über Weihnachtsmärkte. "Wem kein wirklich persönliches Geschenk einfällt, der schenkt etwas Allgemeineres, Pralinen oder Alkohol oder eine Delikatesse - aber unglaublich edel verpackt."

Schöner Schein, trotz Krise

Spezialisten in der Kunst des Dekorierens sind auch die Hersteller von Christbaumschmuck im südthüringischen Lauscha. "Grün am grünen Baum ist pure Eleganz", sagt die Sprecherin der Krebs Glas Lauscha GmbH, Grit Gerlach. Auch sie bestätigt die Auffassung der Forscher vom Zukunftsinstitut: "Egal ob arm oder reich, Krise oder Konjunkturhoch - zu Weihnachten wollen sich die Leute etwas Besonderes leisten."

Sabine Heimgärtner/DPA / DPA