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Weihnachtspakete: Wenn US-Zöllner Christstollen sprengen

Weihnachtsstollen in die USA zu schicken, ist kein Spaß. Denn zuerst müssen sie durch den Zoll, der bis zu 13-seitige Anmeldebögen verlangt - pro Backwerk. Weil das aber auch biologische Kampfstoffe enthalten könnte, werden die Kalorienbomben im Zweifel gesprengt.

Von Susanne Härpfer

Egal, wie lecker sie sind: Bei Weihnachtskeksen und Stollen kennt der US-Zoll keine Gnade

Egal, wie lecker sie sind: Bei Weihnachtskeksen und Stollen kennt der US-Zoll keine Gnade

Der Christstollen ist eine Bombe. Doch nicht die darin enthaltenen Kalorien machen amerikanischen Zöllnern zu schaffen. Auch nicht Plastiksprengstoff, der so aussieht, als sei er Marzipan. Sondern biologische und chemische Kampfstoffe, die - getarnt als Weihnachtsgebäck - die USA dahinraffen könnten. Das ist keine Spekulation, sondern die amerikanische Heimatschutzbehörde hat solche Angst vor fremdem Spekulatius, dass er angemeldet werden muss. Ebenso wie Weihnachtsmann und Honigkuchenpferd. Das ist Gesetz: "Public Health Security and Bio-Terrorism Preparedness and Response Act" heißt es umständlich und hat besonders zu Weihnachten und Ostern gravierende Folgen.

Denn jeder, der in die Vereinigten Staaten ein "Überlebenspaket" mit heimatlichem Lebkuchen, Dominosteinen oder später Osterhasen schicken will, ist ein potenzieller Terrorist und muss seine Post vor dem Abschicken bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA (Federal Drug Administration) registrieren lassen. Und die meldet das dann weiter an den Zoll (Customs and border protection, kurz CBP). So will es auch das geänderte Handelsgesetz (Trade Act). Das ist zwar seit 2004 in Kraft, aber bis heute ist nicht wirklich klar, was wirklich "law and order" ist. Zunächst einmal muss man überhaupt wissen, dass Puderzucker nun unter Anthrax-Verdacht steht. Erkundigt sich die deutsche Oma dann bei der Deutschen Post, wiegt man sie in Sicherheit: Für Privatpersonen gelten die strengen Regeln nicht. Weit gefehlt, meldet hingegen die Amerikanische Botschaft. Und die muss es schließlich wissen.

Lebensmittel müssen registriert werden

Dort heißt es, wer Lebensmittel, und dazu zählen auch Weihnachtsmann & Co, in einem Geschäft erwirbt und in die USA expediert, der muss dies sehr wohl bei der FDA registrieren lassen. Ausgenommen sei nur, wer seinen Kuchen selbst backe und ihn dann verschicke. Welchen Sinn das machen soll, verrät die Homepage der Botschaft nicht. Denn wenn al Kaida seine Weihnachtsbäckerei der besonderen Art anwürfe, würde dieses Schlupfloch in der Regelung die Arbeit der Terroristen erleichtern. Nachfragen bei FDA und CBP ergaben darauf keine Antworten.

Sollte die Modell-Oma jetzt noch nicht entmutigt sein, wartet die nächste Hürde auf sie. Die Anmeldung. Denn dafür gibt es, allen Beamten zum Trotz, kein schriftliches Formular. Die Oma, die nicht mit den amerikanischen Gesetzen in Konflikt geraten will, braucht das Internet. Der Enkel kann ja helfen. Doch der sollte hervorragende Englisch-Kenntnisse besitzen. Oder wahlweise Hindi oder Malay sprechen, denn in diesen Sprachen ist die Registrierung gehalten. Deutsch? Fehlanzeige.

Was heißt Aachener Printe auf Englisch?

Was aber heißt in diesen Sprachen Aachener Printe oder Elisen-Lebkuchen? Was die alles wissen wollen. Gefragt wird nach dem Code, nur welcher ist gemeint? Und die Registriernummer des Herstellers wird erbeten. Mindestens aber die Anschrift. Sollten Oma und Enkel jetzt noch nicht vor lauter Frust das Naschwerk selbst aufgefuttert haben, erhalten sie eine Nummer. Die muss auf dem Paket angebracht werden. Dann aber hurtig. Binnen fünf Tagen hat das Paket auf dem Weg zu sein, denn in dieser Zeit müssen alle Daten elektronisch vorab übermittelt werden. Geht irgendetwas schief, oder wagt es jemand, einfach so wie früher sein Fresspaket zu schicken, muss damit rechnen, dass seine Zimtsterne nie ankommen.

Renate Bromund-Gusy und Hans Sirvinskas haben es erlebt. Ihr Päckchen erhielten sie nach Monaten zurück, völlig ramponiert. Und die Kekse hatten offenbar todesmutige Terrorfahnder einer solch intensiven "Prüfung" unterzogen, dass nur noch Krümel übrig waren. Im Internet berichtet eine "rolffine" von ähnlichen Erfahrungen. Auch der Dresdner Bäcker Marlon Gnauck kennt Kunden, die nicht seinen Versandservice in Anspruch nahmen, sondern selber verschickten - ohne FDA-Anmeldung: "Die Päckchen kamen nie an."

Die Beamten können auch ein Auge zudrücken

Sie hatten noch Glück. Denn herrenlose Gepäckstücke werden gesprengt. Verdächtige Päckchen auch. Tausende Christstollen, die in die Luft fliegen, haben offenbar einige Beamte nachdenklich werden lassen. Deshalb gibt es eine Kann-Regelung. Die ist butterweich. Den Beamten obliegt es, ob sie "die Augen zudrücken" (exercise descretion) - oder eben nicht. Jeder unangemeldete Stollen kann schließlich die nationale Sicherheit gefährden und stellt den Beamten vor eine Gewissensfrage. Wer will schon für Tausende Tote verantwortlich sein, nur weil er ein paar Keks-Kringel hat durchschlüpfen lassen.

Stollen verschicken ohne FDA-Registrierung ist ein riskantes Spiel. Stollen verschicken mit FDA-Registrierung aber auch - wenn man ein Betrieb ist. Dann gelten nämlich noch härtere Regelungen. Nur das Formular ist für Privatpersonen dasselbe wie für Firmen. Aber die verschicken nicht nur einen Kuchen, sondern Tausende, und für jede einzelne Sendung muss ein mehrseitiges Internet-Formular ausgefüllt werden. Für ein Produkt sind das 13 Internet-Seiten.

Heikel wird es bei Pfefferkuchenhäusern

"Wenn aber ein Kunde einen Stollen und Lebkuchen möchte, sind es bereits 20 Seiten. Und wehe, wenn einer ein buntes Sortiment möchte", klagt Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller von der Dresdner Backhaus GmbH. Heikel wird es zum Beispiel bei Pfefferkuchenhäusern, weiß Marlon Gnauck. Denn Pfefferkuchen gelten beim US-Zoll als extra Rubrik - nur die CBP weiß warum - und für die Gummibärchen, die meist auf dem Dach kleben, muss die Produktnummer erfragt werden. Von Schikane sprechen daher die kleinen Bäckerei-Betriebe. Für viele lohnt sich das Versenden seitdem nicht mehr.

Bis zu einer Million Dollar-Kaution müssen von Großbetrieben hinterlegt werden, als Sicherheit für etwaige Schadensersatzansprüche. Lebkuchenversender beschäftigten Angestellte damit, sich monatelang in die komplizierten Regeln einzuarbeiten. "Wenn ich strikt nach dem Gesetz vorgehen würde, bekäme ich kein einziges Päckchen ans Ziel", resümiert ein Marzipanversender. Um das Amerika-Geschäft nicht zu gefährden, mag er seinen Namen nicht nennen.

"Wenn Sie nach Australien verschicken, ist es noch schlimmer"

Aber trickreich muss er vorgehen, will er seine Marzipankartoffeln ins Land der Couch-Potatoes einführen. Marlon Gnauck musste sich in den USA als exportierende Firma registrieren lassen und dort einen Agenten nehmen, der 24 Stunden erreichbar sein muss. Wohlgemerkt, um Plätzchen zu transportieren, nicht Plastiksprengstoff. Der Agent aber braucht keinerlei speziellen Voraussetzungen, durchläuft keinen besonderen Security-Check - unlogische Terrorgesetze.

Trotzdem habe er sich mit der Regelung abgefunden, sagt Gnauck: "Wenn Sie nach Australien verschicken, ist es noch schlimmer", meint der Dresdner Bäcker. "Da kommt Ihr Stollen für zwei bis drei Tage in Quarantäne, meine sind bislang nur geröntgt worden." Man kann auch die Kirche im Dorf, respektive das Lebkuchenhäuschen im Land lassen: Das amerikanische Botschafter-Paar Sue und William R. Timken jedenfalls hat ihr Lebkuchenhäuschen nicht in ihr Heimatland verschickt, sondern Obdachlosen gespendet.