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Weltjugendtag: Der Pilger ist Selbstversorger

Schlafsäcke, Sinalco und High-Theologie - eine Million Pilger feierten mit Papst Benedikt XVI. die Abschlussmesse des Weltjugendtages auf dem Marienfeld. Eine Nachlese.

Von Lutz Kinkel

Die Geschäftsleute in Frechen sahen etwas bedröppelt aus. Der Besitzer eines "Büdchens" (rheinisch für Kiosk) hatte sein Lager bis unter das Dach mit Bier, Cola und Zigaretten vollgepackt. Schließlich war klar, dass zahllose Gläubige auf dem Pilgerweg zum Marienfeld durch die Kleinstadt strömen würden. Aber sie strömten heiter an den meisten kommerziellen Verlockungen vorbei. "Es war umsatzmäßig ein schlechter Tag", erklärte der Kioskbesitzer mit einem gequälten Lächeln.

Gut sechs Kilometer weiter, vorbei an Einfamilienhäusern, Wald und Äckern, war das Marienfeld von einer Anhöhe erstmals zu sehen. Und es bot am späten Samstagabend einen faszinierenden, fast unwirklichen Eindruck. Mitten in der Landschaft lag eine künstliche Stadt für eine Million Menschen, bestückt mit gigantischen Lautsprechersäulen, Flutlichtanlagen, Videoleinwänden und Zelten. Über allem thronte der "Papsthügel", eine künstlich aufgeschüttete Bühne in etwa zehn Metern Höhe mit einem riesigen, weiß schimmernden Dach. Gesänge und Lautsprecherdurchsagen überlagerten sich in der Ferne zu einem undefinierbaren, mystischen Sound.

Weniger Kontrolle, mehr Heilige

Und das Staunen hörte am Eingang des Areals nicht auf: keine Gepäckkontrolle, keine Leibesvisitation, nicht einmal der Ausweis musste vorgezeigt werden. Jeder konnte die rund 700.000 Quadratmeter große Katholikenstadt frei betreten - soviel Vertrauen in die Menschheit hat seit 9/11 wohl kein anderer Großveranstalter gehabt. Aber das Vertrauen wurde auch nicht enttäuscht: In Schlafsäcke und Isolierdecken eingemummelt campierten die Menschen auf dem Feld und verfolgten friedlich die Messe. Papst Benedikt XVI. hatte an diesem Abend wieder eine theoretisierende Predigt gehalten und mit Hinweis auf den menschgemachten Totalitarismus die geistige Überlegenheit der Religion herausgestrichen. Den Jugendlichen hatte er empfohlen, die Lebensgeschichten der Heiligen zu studieren, um ein gottgefälliges Leben zu führen.

Als die Messe gegen 23 Uhr endete, ging er ohne große symbolische Geste von der Bühne. Die obligaten "Benedetto"-Rufe verklangen bald, aus den Lautsprechern drang noch Musik, ruhige Besinnlichkeit lag in der Luft - wäre nicht immer wieder das Blaulicht der Rettungswagen aufgeflackert.

Tanzen statt frieren

"Wir haben aber keine größeren Probleme", erklärte Anette Debusmann vom Pressestab des Malteser Hilfsdienstes, der die Pilger medizinisch betreute. "Einige sind völlig erschöpft, weil sie seit Tagen unterwegs sind. Nun sind sie hier, erleben einen emotionalen Höhepunkt und bekommen Kreislaufprobleme." Andere wollten einfach nur warme Decken, denn die Temperatur sank in der Nacht auf 12 Grad. Die besonders feierlustigen Pilger aus Südamerika kamen auch ohne aus: Sie tanzten, trommelten und sangen bis in die Morgenstunden hinein.

So war es auch in den vergangenen Tagen gewesen - kein Kölner, und mag er auch noch so gottlos sein, entkam den Pilgergesängen in der Stadt. Manchmal arteten die spontanen Feiern zu kleinen Volksfesten aus, vor allem dann, wenn sich mal wieder die Massen vor einem Bahnhof oder an einer S-Bahnstation stauten. In schöner Regelmäßigkeit brach während des Weltjugendtages der öffentliche Verkehr zusammen, und manche Straßen waren so verstopft, dass man sich nicht einmal zu Fuß vorwärts bewegen konnte. Aber da half den Pilgern Gott, Gitarre und Gelassenheit. Dass sich hunderttausende Menschen, noch dazu aus Ländern, die sich politisch spinnefeind sind, so friedfertig benehmen, verblüffte selbst die Polizei.

Religion als Marktprodukt

Der Abschlussgottesdienst, den Papst Benedikt XVI. am Sonntagmorgen hielt, war nicht weniger vertheologisiert als die Nachtmesse. Am Anfang gab er sich noch volksnah und sagte, dass er gerne mit dem "Papa-Auto kreuz und quer durch das ganze Gelände gefahren" wäre, um jedem Einzelnen nahe zu sein, worauf die Menschen überschwänglich klatschten. Aber dann dozierte er über Bedeutung und Geschichte des Begriffes "Anbetung" und den Sinn des Abendmahls.

Auch rief er die jungen Menschen auf, sich an die offizielle Auslegung des Katholizismus zu halten. Es gäbe einen "Boom des Religiösen", so Ratzinger: "Aber weithin wird doch Religion geradezu zum Marktprodukt. Man sucht sich heraus, was einem gefällt, und manche wissen, Gewinn daraus zu ziehen. Aber die selbst gesuchte Religion hilft uns im letzten nicht weiter. Sie ist bequem, aber in der Stunde der Krise lässt sie uns allein." Der Applaus nach der Predigt war höflich.

"Geiles Feeling"

Die Pilger, so schien es, waren eben nicht in erster Linie gekommen, um sich in der rechten Praxis des Katholizismus unterweisen zu lassen. "Diese Megamasse, und alle friedlich, das hat mich beeindruckt", erzählte Sonja Stocker, 20, aus Owingen nach dem Gottesdienst. "Und den Papst live zu sehen, ist ein geiles Feeling." Eine allein erziehende Mutter sagte, dass zwei ihrer Kinder krank seien und "ein Segen" doch helfen könne. Wie die Menschen ihre Religion lebten, das sollte der Papst jedem selbst überlassen.

Die beiden Messdiener Philipp Struß, 19, und Togar Pasaribu,18, aus Hessen fanden die Gemeinschaft mit Gläubigen aus anderen Ländern am schönsten, beim Gottesdienst, aber auch im Alltag. "Man läuft durch die Stadt und lächelt, und der andere lächelt zurück", schwärmte Struß. Chelsie Schmidt, 18, die mit einer Gruppe von Pilgern aus dem amerikanischen Michigan gekommen war, dachte ähnlich. "Niemand schaut auf den anderen herab, das ist phantastisch." Sie hatte indes auch keinen Zweifel, dass Benedikt XVI. die Gläubigen "in die richtige Richtung führen" würde.

Die 20.000-Euro-Wurst

Damit hätte der Papst den Helfern des Weltjugendtages manchmal etwas voraus. Als die Pilger nach Hause wollten, wussten einige Helfer zunächst nicht, wo die Shuttle-Busse zum gewünschten Ziel abfuhren. Sehr viel klarere Auskünfte bekam man von den Gastronomen, die hinter der Abgrenzung des Marienfelds Stände angemietet hatten. "Ich habe noch Ware für 20.000 Euro", stöhnte der Wurstverkäufer, "und ich habe nur ein Drittel der Standmiete drin. Das ist keine Katastrophe, das ist ein Kopfschuss." Am Getränkestand nebenan sah es nicht besser aus. "Schauen Sie sich doch einfach um", sagte der Mann am Tresen. Hinter ihm türmte sich Wand aus Sinalco-Kisten - mit vollen Flaschen.

Pilger, so muss man nach diesem Weltjugendtag folgern, sind Selbstversorger. Ganz sicher, was den Proviant betrifft. Vermutlich aber auch im Hinblick auf ihren Glauben.

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