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Menschen und Mauerfall: Warum das Örtchen Sallgast noch steht

Die Bagger standen schon vor den Haustüren. Aber im politischen Aufbruch der Wendezeit taten die Menschen aus dem brandenburgischen Sallgast alles, um zu bleiben.

Von Lisa Ksienrzyk

Mit selbstgebastelten Schildern demonstrierten die Sallgaster gegen die Abbaggerung ihres Dorfes - allen voran der junge Pfarrer Klaus Geese.

Mit selbstgebastelten Schildern demonstrierten die Sallgaster gegen die Abbaggerung ihres Dorfes - allen voran der junge Pfarrer Klaus Geese.

Sommer 1989: Die einen wollen gehen, so schnell wie möglich, bloß raus aus der DDR. Und die anderen möchten bleiben, unbedingt. Sie kämpfen um jeden Quadratmeter Grund. So war es in Sallgast im Südosten Brandenburgs, ein Dorf mit 700 Einwohnern.

Die Häuser der Sallgaster stehen auf einer Schicht Braunkohle, ein in der DDR unverzichtbarer Energielieferant. Deswegen war das Schicksal des Ortes und neun weiterer Nachbardörfer schon 1977 besiegelt worden: Der Bezirkstag erklärte die Region zum "Bergbauschutzgebiet", die Siedlungen sollten Stück für Stück dem Kohlebergbau weichen. Die Sallgaster sollten in ein Neubau-Dorf mit dem kreativen Namen "Neu-Sallgast" umziehen, das lauschige Sallgaster Wasserschloss wäre ebenfalls - vermutlich mehr schlecht als recht - nachgebaut worden. Doch dann geschah etwas Unvorhergesehenes, das alle Pläne durcheinander wirbelte: die Wende.

Früher ein Dorf, jetzt ein Sandloch

Im Sommer 1989 jedenfalls stehen die Kohlebagger schon fast vor den Haustüren. Planierraupen hocken bedrohlich auf einem Erdwall an der Tagebaugrenze. Das Nachbardorf, kaum zwei Kilometer entfernt, ist bereits verschwunden, statt Häuser, Schule, Straßen ist nur noch ein großes Sandloch zu sehen. Ein weiteres Dorf in der Nachbarschaft ist bereits geräumt, es ist menschenleer.

Der Tod liegt in der Luft - aber auch der politische Wandel, der Umschwung, der Aufbruch. Niemand weiß, was passieren wird, aber alle sind sicher, dass etwas passieren wird. Diese Atmosphäre macht sich Klaus Geese zunutze, ein damals 35 Jahre alter Pastor, der aussieht wie ein Widerständler aus dem Bilderbuch: lange Haare, Vollbart, Nickelbrille. Geese startet die Petition "Eingabe 89". Deren einziger Zweck: Erhalt des Dorfes Sallgast.

Vom Hippie-Pfarrer zum gefeierten Held

Knapp 100 Bürger schlucken ihre Angst herunter und unterschreiben diese Beschwerde an den Ministerrat der DDR. Auch Bürgermeister Manfred Paulisch wird aktiv. Es zerreißt ihn fast, weil er selbst lange Jahre im Bergbau gearbeitet hat. Aber er kann es vor seinem Gewissen nicht verantworten, dass seine Heimat dem VEB Braunkohlekombinat geopfert werden soll. Also verklagt Paulisch seinen früheren Arbeitgeber. Zunächst ohne Erfolg.

Dann fällt die Mauer. Obwohl die Staatsmacht in sich zusammensackt, können die Sallgaster nicht aufatmen: Der Kohlebergbau geht weiter. Doch die Einwohner haben inzwischen Mut geschöpft und Selbstvertrauen gewonnen. Sie basteln Plakate, verteilen sie im Ort und an der Tagebaugrenze. Schilder mit Parolen wie "Wenn die Bäume fallen, stehen die Menschen auf" und "Hier ist die Mauer richtig" stecken in den Sandhügeln vor den Tagebau-Maschinen. Geese, die Gallionsfigur des Protests, informiert jeden Mittwoch im Friedensgebet über den neuesten Stand der Dinge. Wer nicht zum Gottesdienst gehen will, wartet in der Gaststätte nebendran ungeduldig auf Neuigkeiten. Bewohner der Nachbarorte und der Bischof der Landeskirche solidarisisieren sich mit den Sallgastern. Deren Entschlossenheit macht schließlich auch in Westdeutschland Schlagzeilen. Trotzdem: Flehende Briefe an Ministerpräsident Hans Modrow und Kanzler Helmut Kohl bleiben unbeantwortet.

"Stop dem Bergbau! Rettet Sallgast" stand 1989 in großen Lettern vor dem Sallgaster Schloss geschrieben.

"Stop dem Bergbau! Rettet Sallgast" stand 1989 in großen Lettern vor dem Sallgaster Schloss geschrieben.

Der entscheidende Satz

Im Winter 1989/90 bittet der Rat des Bezirkes, der sich inzwischen nicht mehr traut, einfach durchzuregieren, ausgerechnet Gemeindepfarrer Geese, eine überregionale Arbeitsgruppe zum Thema Energie zu leiten. Geese nutzt sie als Forum für seinen Widerstand gegen Kohlebergbau - und erzeugt damit immerhin soviel politische Unruhe, dass der Bezirksrat nicht mehr auf der Vereinbarung von 1977 beharrt. Zugleich wird das VEB Braunkohlekombinat von einem Kölner Unternehmen übernommen. Die Kölner haben nur wenig Interesse an der Brandenburger Kohle.

Im Juni ruft das Energieunternehmen und der Bezirksrat die Bürger zu einer großen Versammlung ins Sallgaster Schloss. Anspannung liegt in der Luft - und Angst. Die Vertreter des Bergbaus und der Verwaltung müssen sich lautstarke Beschimpfungen anhören. Der Direktor des Braunkohlekombinats lässt die Kritik über sich ergehen. "Der Tagebau wird trotz der Proteste in Betrieb gehen", sagt er. Und fügt nach einer dramatischen Pause hinzu: "Allerdings wird Sallgast nicht in Anspruch genommen."

Eine Stunde Glockengeläut

Im Saal herrscht plötzliche Stille. Die Bürger sind wie gelähmt. Das kleine Dorf in der Lausitz hat tatsächlich gewonnen. Nach neun Monaten Widerstand ist der mächtige Gegner besiegt. Pfarrer Geese erhebt sich als Erster und beginnt euphorisch zu applaudieren. Endlich bricht Jubel aus. Geese schleicht sich aus dem Saal, läuft zur Kirche und lässt die Glocken eine Stunde lang läuten. "Ohne die friedliche Revolution hätte Sallgast keine Chance gehabt", sagt er heute.

Ende 1992 stellt der Tagebau seine Arbeit ein, und so kommen auch die benachbarten Orte glimpflich davon. Die Ironie der Geschichte: Ein Relikt des Bergbaus, die größte Abraumförderbrücke weltweit, steht heute nur wenige Kilometer von Sallgast entfernt und zieht jährlich Tausende Touristen an. Die F60 in Lichterfeld sollte damals helfen, den Schutt von Sallgast wegzutransportieren. Nun ruht der stählerne Koloss für immer.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(