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Anschläge in den USA: Die späten Opfer: Wie Überlebende von Amokläufen leiden – und wie der Staat sie im Stich lässt

Amokläufe verändern das Leben von Überlebenden für immer. Viele leiden unter Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen – bis hin zum Suizid. Hilfsangebote greifen oft zu kurz.

Überlebende des Amoklaufs in Parkland trauern um ihre Mitschüler

Überlebende des Amoklaufs in Parkland trauern um ihre Mitschüler

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Man könnte sagen, dass Sydney Aiello Glück gehabt hatte. Glück im Unglück. Als am 14. Februar 2018 an der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland, Florida ein 19-Jähriger mit einer Waffe durch die Räume ging und insgesamt 17 Menschen erschoss, befand sich die Schülerin Aiello gerade in einem anderen Gebäude. Einige ihrer Freunde starben. Wenige Monate nach dem Amoklauf machte Aiello ihren Abschluss. Ein Jahr und einen Monat nach der Tat nahm sich Aiello das Leben. Sie wurde 19 Jahre alt.

Nach Amokläufen wird oft über Täter und Opfer gesprochen – die Überlebenden geraten dabei schnell aus dem Blick. Für sie verändert sich das Leben von einem Tag auf den anderen und wird nie wieder so, wie es zuvor war. Viele von ihnen leiden lange unter den Erfahrungen. Fälle wie der von Sydney Aiello kommen immer wieder vor: In den vergangenen Jahren nahmen sich immer wieder Überlebende von Amokläufen oder Freunde und Familienmitglieder von Opfern selbst das Leben.

Überlebende von Amokläufen begehen Suizid

In diesem Jahr geriet das Phänomen besonders in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als innerhalb von wenigen Tagen im März neben Sydney Aiello auch ein weiterer Schüler der Schule in Parkland sowie der Vater eines Opfers des Amoklaufs an der Sandy Hook Schule im Dezember 2012 den Suizid wählten. Auch der Anschlag an der Columbine High School zog den Suizid eines weiteren Schülers sowie der Mutter eines Schülers, der bei dem Amoklauf verletzt worden war, nach sich. Bei dem Massaker starben 1999 13 Menschen. "Der Schmerz ist erdrückend, und es fühlt sich an, als würde er niemals aufhören", sagt die Lehrerin Paula Reed dem Portal "Voice of America".

Sie leidet seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und Panikattacken. Auch Sydney Aiello habe an einer PTBS gelitten und extreme Schuldgefühle gehabt, erzählte ihre Mutter nach ihrem Tod den Medien. Aiello habe die Tatsache nicht verkraften können, dass sie einen der schlimmsten Amokläufe der jüngeren Geschichte in den USA überlebt hätte und einige ihrer Freunde nicht. "Die Betroffenen hängen in Gedanken fest wie: 'Ich hätte den Tod einer anderen Person verhindern können' oder 'Warum ist diese Person an meiner Stelle gestorben?'", erklärte die Psychologin Heather Littleton "The Atlantic".

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Amokläufe gehören seit Columbine zum Alltag

Seit dem Anschlag an der Columbine High School vor 20 Jahren sind laut "Washington Post" insgesamt 223.000 Schüler an 229 Schulen im ganzen Land mit Waffengewalt in Berührung gekommen (Stand Mai 2019). Der Anschlag an der Schule in der Nähe von Littleton gilt als der erste Amoklauf, der weltweit für großes Aufsehen sorgte. Viele spätere Täter sollen dadurch inspiriert worden sein. Amokläufe gehören in den USA seitdem zum traurigen Alltag – daran haben auch die Proteste der Schüler aus Parkland, die von Präsident Trump schärfere Waffengesetze forderten, nichts geändert. 

Mehr als ein Viertel der Überlebenden dieser Amokläufe hat eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, fand das amerikanische Zentrum für PTBS, das beim US-Kriegsveteranenministerium angedockt ist, heraus. Die Störung kann bei Betroffenen über Wochen, Monate oder auch Jahre anhalten. Symptome sind Schlaflosigkeit, Albträume, soziale Isolation sowie feindseliges und selbstzerstörerisches Verhalten.

Auch wenn sich die meisten Betroffenen wieder von einer PTBS mehr oder minder erholen, gilt sie als einer der Risikofaktoren für Suizide.

 Dabei geht es nicht nur um die Schüler, sondern auch um Sanitäter, Lehrer und Eltern. "Die Zeit heilt alles außer einer Sache", sagte der Traumapsychologe Donald Freedheim "Voice of America", "und das ist der Verlust eines Kindes. Das hinterlässt eine Narbe, die niemals ganz verheilt." Besonders rund um die Jahrestage der Amokläufe seien Überlebende dann selbst gefährdet.

Viele fühlen sich alleingelassen

Den Hinterbliebenen in ihrer Not zu helfen gestaltet sich oft schwierig. Wissenschaftlich fehlen bislang Studien, die klare Zusammenhänge zwischen der direkten oder indirekten Beteiligung an einem Amoklauf und der Suizidgefährdung der Person herausarbeiten, bemängelt Psychologin Littleton. Auch gibt es zu wenige staatliche Angebote zur psychologischen Betreuung für die Überlebenden und Angehörigen. Viele fühlen sich von Regierung, Politik und Behörden im Stich gelassen, sobald das öffentliche Interesse an der Tat wieder abgeflaut ist.

Oft sind auch die Lehrer an den Schulen – sofern sie nicht selbst traumatisiert sind – schlichtweg überfordert. Eine 19-jährige Schülerin, die ebenfalls den Amoklauf in Parkland überlebte, erzählte der "Huffington Post": "Wir haben keine richtigen Informationen oder Möglichkeiten bekommen, die uns geholfen hätten, weiterzumachen. Es gab keinen Plan. Viele von uns haben Panikattacken und Depressionen, aber können sich keine Therapie leisten – von Medikamenten ganz zu schweigen." Als sie einmal einen Essay wegen Konzentrationsschwierigkeiten nicht rechtzeitig abgeben konnte, habe ein Lehrer ihr geraten, ihre Trauer einfach "in eine Box" zu legen.

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Engagement von Schülern führt zu schärferen Waffengesetzen

Um das Grundübel des Problems, die Amokläufe selbst, zu beseitigen, fordern Experten, Eltern und Schüler seit vielen Jahren schärfere Waffengesetze in den USA, insbesondere im Umfeld von Schulen. Nach dem Anschlag in Parkland wurden diese Forderungen besonders laut, der Auftritt der Schülerin Emma Gonzales beim "March for Our Lives", an dem sich Hunderttausende beteiligten, ging um die Welt. Etwa die Hälfte der US-Bundesstaaten hat seitdem Gesetzesänderungen verabschiedet, beispielsweise um das Mindestalter bei Waffenkäufen zu erhöhen.

Das Engagement der Überlebenden von Parkland könne einen Wendepunkt in der Debatte darstellen, meint der demokratische Kongressabgeordnete Eric Swalwell: "Die Stimmen dieser jungen Menschen haben die Nation bewegt, vor allem auch an der Wahlurne. Waffengewalt war eines der Topthemen bei den Wählern – zum ersten Mal. Wir haben eine Chance", sagte er mit Blick auf den Sieg der Demokraten bei der Wahl zum Repräsentantenhaus im Herbst. Seine Partei will nun auch auf Bundesebene härtere Gesetze durchsetzen.

Quellen: "Voice of America" / "Huffington Post" / "Mashable" / "The Atlantic" / "Washington Post"

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 111.