HOME

Wieder Brandsätze gefunden: Bundesanwalt jagt Bahn-Attentäter

Wieder sind auf einer Bahnstrecke bei Berlin Brandsätze entdeckt worden. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen an sich gezogen - wegen möglicher "verfassungsfeindlicher Sabotage". Die Bahn hat eine Belohnung ausgesetzt.

Nach dem Fund weiterer Brandsätze am Mittwoch an einer Bahnstrecke in Berlin hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen. Es bestehe der Verdacht der "verfassungsfeindlichen Sabotage", sagte ein Sprecher der Behörde. Das Bundeskriminalamt sei mit den weiteren Ermittlungen beauftragt. Auch die Deutsche Bahn forciert die Aufklärung der Taten: Das Unternehmen stellte 100.000 Euro Belohnung für Hinweise in Aussicht, die zur Ergreifung der Urheber der versuchten Brandanschläge führen.

Am Vormittag waren weitere Brandsätze gefunden worden, einer davon ist laut Polizei explodiert - vermutlich aber schon vor einiger Zeit. Die Überreste wurden nahe dem Bahnhof Staaken im Westen Berlins entdeckt. Verletzt wurde niemand. Dort könnten auch noch mehr Brandsätze liegen. Einen weiteren Fund gab es am Vormittag zwischen den Bahnhöfen Schöneberg und Südkreuz. Damit summiert sich die Zahl der gefundenen Brandsätze auf insgesamt 14.

Die Polizei geht davon aus, dass alle Brandsätze gleichzeitig deponiert wurden und seitdem nach und nach entdeckt werden. Die Sicherheitsbehörden vermuten die Täter in linksextremistischen Kreisen. Nach dem Brandanschlag auf Kabel auf der Bahnstrecke Berlin-Hamburg am Montag war ein Bekennerschreiben aufgetaucht. Eine linksextreme Gruppe hatte gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan protestiert. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ist unter anderem zuständig für die Verfolgung terroristischer Gewalttaten.

Innenministerium: Kein neuer Linksterrorismus

Das Bundesinnenministerium sieht nach den versuchten Brandanschlägen noch keinen neuen Linksterrorismus in Deutschland. Es gebe bislang keine Hinweise darauf, dass aus den linksextremistischen Strukturen bereits linksterroristische Vereinigungen im Sinne des Strafgesetzbuches geworden seien, sagte Ministeriumssprecher Jens Teschke am Mittwoch in Berlin. "Trotzdem sind wir der Ansicht, dass wir auf der Hut sein und allen Strukturen im Ansatz entschieden entgegenwirken müssen, die sich zum Linksterrorismus entwickeln können."

Dagegen hatte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" erklärt: "Der Linksextremismus eskaliert zum Linksterrorismus." Die jüngsten Anschlagsversuche auf Bahnanlagen seien keine Zufallstaten mehr. "Das ist eine weitere Verschärfung im Rahmen einer ganzen Kette linksextremistischer Anschläge." Schünemann erinnerte an die in den 70er Jahren aktiven Revolutionären Zellen: "Der Weg von Brandanschlägen zu gezielten Mordanschlägen ist nicht weit."

Ramsauer: "Eine neue Dimension"

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) verurteilte die versuchten Brandstiftungen scharf. Dies seien "verbrecherische terroristische Anschläge", die auch in eine neue Dimension hineingingen, sagte Ramsauer am Mittwoch in Berlin. Sie bedrohten Verkehrseinrichtungen, wo viele Menschen getroffen werden könnten. Mit den Sicherheitsbehörden werde alles dafür getan, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Die Gewerkschaft der Polizei forderte mehr Personal für Verfassungsschutz und polizeilichen Staatsschutz. Die Politik müsse die Warnungen des Verfassungsschutzes ernst nehmen. "Auch der RAF-Terror hat mit der verharmlosenden sogenannten Gewalt gegen Sachen begonnen", sagte der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut. "Später wurden Menschen ermordet."

Bahn-Verkehr wohl bis Donnerstag beeinträchtigt

Die Deutsche Bahn prüft derzeit nach Angaben ihres Sicherheitschefs Gerd Neubeck, ob weiteres Sicherheitspersonal eingestellt wird. Seit den ersten Funden am Montag suchen Bahn und Bundespolizei verstärkt alle Gleisanlagen ab.

Der Zugfernverkehr von und nach Berlin war erheblich gestört. Zehntausende Reisende am Hauptbahnhof - einem der zentralen Bahnknotenpunkte Deutschlands - waren von Verspätungen und ausgefallenen Zügen betroffen. Nach der Strecke Berlin-Hamburg musste am Mittwoch auch die zweite wichtige Fernbahnstrecke von und nach Berlin zweitweise gesperrt werden. Züge Richtung Hannover wurden umgeleitet. Betroffen waren durch die Streckensperrung auch Reisende nach Frankfurt, ins Ruhrgebiet und ins Rheinland.

Experten: Keine Gefahr für Menschen

Für die Brandsätze verwendeten die Täter meist Plastikflaschen, die mit Benzin gefüllt und mit Zündern versehen waren. Sie wurden in Kabelschächten deponiert und sollten Kabelstränge und Leitungen zerstören, mit denen Weichen und Signale gesteuert werden.

Eine Gefahr für Menschen sehen Experten nicht, weil bei einem Ausfall der Technik alle Züge gestoppt werden. Die allermeisten der mindestens 14 Brandsätze zündeten nicht. Entweder verhinderte das Regenwetter Schlimmeres oder sie versagten aus technischen Gründen.

fw/DPA / DPA