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Wildschweine: Zum Schießen

Und wieder liegt's am Klimawandel: Wildschweine vermehren sich unkontrolliert. Sie pflügen die Landschaft um und gefährden nicht nur den Verkehr. Die Jäger kommen kaum noch dagegen an.

Von Gerald Drissner

In Osann-Monzel, einem Dorf, in dem im Winter kein einziges Gasthaus geöffnet hat, baut Michael Ballmann-Zenz Trauben an. Seine Reben wachsen in den Tälern und Hängen der Mosel, auf dem "Maringer Honigberg" und dem "Monzeler Kätzchen", dem berühmtesten Hügel des Dorfs. Im Herbst presst er aus der Ernte 55.000 Liter Wein, der regelmäßig von Fachleuten ausgezeichnet wird. Michael Ballmann-Zenz, 41 Jahre alt und seit 13 Jahren Winzer, ist täglich bis zu zwölf Stunden bei seinen Reben und hegt jede einzelne Beere. Vor zwei Jahren, sagt er, sei es dann plötzlich losgegangen, "da kamen die Wildschweine, zu Dutzenden".

Im Sommer fraßen die Wildsauen, wie die Jäger auch sagen, die süßen Dornfelder-Trauben, "die sie Hunderte Meter weit riechen können". Im Winter gruben sie im Boden nach Würmern und hinterließen Gräben, so groß, "da hätte ich mich hineinlegen können". Michael Ballmann-Zenz installierte einen Lautsprecher, aus dem Vogelstimmen piepsen und Metallboxen, die aneinanderschlagen, wenn Wind aufzieht. Das sollte die Tiere fernhalten. Zur Sicherheit spannte er einen Stacheldrahtzaun. "Das hat die Sauen wohl aggressiv gemacht", sagt der Winzer. "Mein Weinberg sah am nächsten Tag aus, als ob einer mit dem Baseballschläger da war."

In einem gepflegten Altbau in der Bonner Südstadt hockt Diplom-Agraringenieur Andreas Leppmann, 30, in seinem Büro und sagt: "Der Jäger kann nicht reparieren, was in der Raumplanung schiefgelaufen ist." Auf seinem Computer fließen die Zahlen aus den deutschen Forsten zusammen, jedes Tier, das die 349 339 Jäger erlegen, wird hier gezählt. Andreas Leppmann ist Geschäftsführer des Deutschen Jagdschutzverbands. Mehr als 110 Hektar freie Fläche gingen in Deutschland täglich verloren, ein Stück Land so groß wie 150 Fußballfelder, das bepflanzt, betoniert oder asphaltiert wird. "Wir haben den Lebensraum der Sauen besiedelt", sagt Leppmann. "Nun erobern ihn die Sauen zurück."

Wildschweinplage

Die Wildschweine ziehen in die Städte. Nach Rüsselsheim zum Beispiel, wo im September sechs Wildschweine von zwölf Polizisten mit 100 Schüssen vor einem Kino niedergestreckt wurden; Zeugen sprachen von einem Gemetzel. In Berlin hausen sie gern auf Friedhöfen, weil es dort keine Hunde gibt. Nachts ziehen sie los und graben auf Fußballplätzen nach Würmern und in den Vorgärten nach Tulpenzwiebeln. In Frankfurt stürmte im November ein Wildschwein den Gemeinschaftsraum der evangelischen Martinusgemeinde, als eine Mutter-Kind-Gruppe beim Frühstück saß.

Sie ziehen über die Autobahnen, in Rotten und meistens nachts. Im Februar prallte ein Mazda auf der A 27 bei Bremen gegen ein Wildschwein; zwei Menschen starben. In Hannoversch Münden verfolgte die Polizei mit einem Hubschrauber eine Sau, die drei Spaziergängern ins Bein gebissen hatte; die Suche blieb erfolglos. Und den Landwirten fressen sie die Ernte weg. An der Ahr in Rheinland-Pfalz wurde in einer Nacht der gesamte Eiswein vernichtet: 25 000 Euro Schaden.

In der vergangenen Jagdsaison haben die Jäger 447.000 Wildschweine erlegt. Das war das dritthöchste Ergebnis seit 1945. Und in diesem Jahr werden es noch mehr sein. Schon jetzt meldet Rheinland-Pfalz Rekordabschüsse, Hessen und Berlin auch. Und die Regierung in Oberbayern gab nach einer Besprechung zu Protokoll: "Heute sind die Wildschweine in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Allesfressende Polizeischweine

Sus scrofa, so der lateinische Name des Wildschweins, hat sich gut eingelebt in Deutschland. Doch nicht nur hier, sondern in fast allen Ländern der Welt, denn außer Wüsten besiedeln die Tiere jeden Flecken, auf dem es Wasser gibt. Das brauchen sie für die Körperpflege, das Suhl-Bad. Wildschweine sind Omnivore, Allesfresser, bevorzugen im Wald Eicheln und Bucheckern und an Autobahnen Döner und Pizzareste. Mit ihren 44 Zähnen können sie auch Kokosnüsse aufbrechen. Jäger haben beobachtet, dass sie auf Schulhöfen jene Brote nehmen, auf denen die meiste Butter ist; nur Schokolade und Knoblauch vertragen sie nicht. Mit ihrem Rüssel können sie dermaßen gut riechen, dass die Polizei in Hildesheim in den 80er Jahren das Wildschwein Luise nach Rauschgift und Sprengstoff suchen ließ. Jürgen Trittin, damals Sprecher der Grünen, setzte sich öffentlich dafür ein, dass "Schweine in den Polizeidienst" aufgenommen werden.

In der Sprache der Jäger heißen die männlichen Wildschweine Keiler, die weiblichen Bachen, die Jungtiere Frischlinge, und in der Pubertät, von 13 bis 24 Monaten, sind sie Überläufer. Sterben sie eines natürlichen Todes, können sie bis zu zehn Jahre alt werden und wiegen bis zu vier Zentner. Wildschweine vermehren sich wie die Mäuse. Im November und Dezember paaren sich die Tiere und gebären jetzt im Februar und März. Nach drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen, so sagt die Bauernregel. Bis zu acht Junge bringt eine Sau zur Welt. In fünf Jahren könnten, vorsichtig gerechnet, aus 100 Tieren 10.000 werden.

Deshalb sind sich Jäger, Politiker und Naturschützer einig, dass möglichst viele Frischlinge erlegt werden müssen. Der Kreistag Bernkastel-Wittlich, zu dem Osann-Monzel gehört, hat sogar eine Kopfprämie von 20 Euro ausgeschrieben. Und der für die Jagd zuständige Beamte im Düsseldorfer Umweltministerium sagte der Zeitschrift "Rheinisch-Westfälischer Jäger": "Wir müssen die Frischlinge bejagen, als wollten wir sie ausrotten."

Die Todesfalle

Doch das ist nicht so einfach. Tagsüber verstecken sich die Tiere, und nachts sind sie mit ihrem dunklen Fell kaum zu sehen. Bis zu 60 Stunden braucht ein Jäger, um eine Sau zu erlegen. Die Tiere sind äußerst schnell und wendig, können im Galopp bis zu zwei Meter weit springen und sind ausgezeichnete Schwimmer.

Was früher mal als Jagd begann, ist heute ein Rennen zwischen Sau und Mensch. Will der Mensch siegreich sein, braucht er neue Ideen. In der Nordeifel stellen die Jäger so etwas wie riesengroße Mausefallen auf: In der Nähe eines Hochstands streuen sie Stroh auf den Boden, damit sie die dunklen Tiere nachts besser sehen können. Verteilen dann an vier, fünf Stellen eine Handvoll Mais und platzieren eine große Betonplatte darauf. "Die Schweine riechen den Mais, kommen angerannt, heben die Betonplatte mit der Schnauze an und schleudern sie drei, vier Meter weit weg", sagt ein Jäger. "Und während sie das tun, können wir sie in Ruhe schießen."

Wie viele Wildschweine es in Deutschland gibt, weiß niemand. Schätzungen gehen von mehr als einer Million Tiere aus. Die Bundesrepublik, so schrieb die "Deutsche Jagd-Zeitung", sei das schwarzwildreichste Land Europas. Fasst man die Erklärungen von Wissenschaft, Politik und Jagd zusammen, dann ist der Klimawandel schuld daran. In den milden Wintern sterben weniger Frischlinge. Und Eichen und Buchen produzieren vermehrt Samen - fast jedes Jahr schon, und nicht wie früher, alle zehn. Ihre Samen sind die Lieblingsnahrung der Sauen.

Leckereien direkt vor dem Rüssel

Wenn es keine Eicheln gibt, geht die Sau aus dem Wald und frisst Maiskolben. Jenen Rohstoff für Biogasanlagen, mit dem Deutschland zugepflanzt wird. Fünf Prozent der gesamten Republik sind mit Mais besät. Seit 1960 ist die Anbaufläche um das 33-Fache gestiegen. In elf Tagen kann eine Saufamilie vier Hektar plattmachen, dass kein Halm mehr steht. Und sind sie einmal drin, gehen sie nicht mehr raus.

Michael Ballmann-Zenz kann von seinem Wohnzimmer die Maisfelder sehen, in denen die Sorten Agro Gas 280 und Kabans K 260 angebaut werden. Schwere Lkws bringen die Ernte in die Nachbardörfer, zu den ein Dutzend Biogasanlagen. Dort gärt gehäckselter Mais in hausgroßen Silos, setzt Gas frei, das dann in Turbinen in Strom umgewandelt wird. Ballmann-Zenz sieht aber auch die brachliegenden Weinberge, die zuwuchern. Jahrelang haben die Winzer an der Mosel für das schnelle Geld auf Billigwein gesetzt und auf sauren Wiesen Reben gepflanzt. Der Fusel verkauft sich seit Jahren schlecht, die Winzer setzen wieder auf Qualität, und die Weingärten liegen brach. Sie wachsen zu mit allem, was im Biologiebuch steht, besonders mit Brombeeren und Holundergehölzen; das mögen die Schweine.

Doch je enger die Tiere zusammenleben, desto eher kommt es zum Ausbruch von Seuchen. Besonders gefährlich ist die Schweinepest. Theoretisch reicht eine infizierte Scheibe Salami: in Rumänien gekauft, an der A 7 weggeworfen und von der Sau gefressen. Das Virus bleibt lange am Leben, kann die Tiere töten und überträgt sich rasend schnell auf Hausschweine. Für den Ernstfall hat die EU bereits "paramilitärische Pläne in der Schublade", wie ein Wildbiologe weiß: "Dann wird getötet, flächendeckend." Bislang blieb der Ernstfall zum Glück aus.

Die "Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands" fordert schon seit Längerem die Antibabypille für Wildschweine. Die Wissenschaftler am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung arbeiten an einem Mittel, das die Tiere chemisch sterilisiert. Jäger, Wildbiologen und Politiker lehnen dies aber ab. Das sei ein "unkalkulierbares Risiko", sagt Andreas Leppmann vom Jagdschutzverband.

Antibabypille für die Sau

Inzwischen hat die Diskussion um die Pille auch Osann-Monzel erreicht. Die Leute, die im Dorf was zu sagen haben, sind sich einig, dass die Jäger allein dem Wildschwein nicht Herr werden. Auch Gerd Fritzen, 57, ist für die Pille. In der Gemeinde ist er für die Jagd verantwortlich, Tag und Nacht sei er mit seinen Kameraden draußen gewesen. An einem Tag holten sie mal 68 Sauen aus dem Wald, "das ist kein Hobby mehr". Neulich trieben seine Hunde ein Wildschwein auf einen Felsvorsprung. Das Tier habe kurz durchgeatmet und sei plötzlich in die Mosel gesprungen, "wie vom Zehnmeterbrett".

Früher hatte das Wildschwein noch den Bären, den Luchs und den Wolf als Feind. Heute sind seine einzigen natürlichen Feinde der Jäger und das Auto. Jedes 20. Wildschwein wird von einem Autofahrer erlegt, im vergangenen Jahr waren es 23.500 Stück. Prallt ein Wagen mit 50 Stundenkilometern gegen eine 80 Kilogramm schwere Sau, wird aus der Sau ein zwei Tonnen schweres Hindernis und aus dem Wagen ein Totalschaden. Deshalb stehen an Autobahnen Wildzäune, und auch Bauern und Kleingärtner spannen ihre Gemarkung ein. Doch ob das bisschen Draht eine Wildsau aufhalten kann, bezweifelt Wolfgang Keck, Jäger im Pfälzer Wald. In der Zeit des Kalten Kriegs arbeitete er in der Nähe von Fischbach bei Dahn, an der Grenze zum Elsass. Dort hatte die US-Armee eine Kaserne. "Es gab immer mal wieder Vermutungen, dass es dort Giftgas gab oder so was", sagt Keck. Das 600 Hektar große Areal war mit Stacheldraht, Maschendraht, Stahl und Beton gesichert. "Ich weiß, dass die Army ein Problem mit Sauen hatte", sagt der Jäger. Die Tiere hätten immer die schwächste Stelle im Zaun gefunden. "Wenn eine Sau irgendwo reinwill, dann kommt sie rein."

Michael Ballmann-Zenz, der Winzer aus Osann-Monzel, hat sich nun für 1000 Euro einen Elektrozaun gekauft. Er ist dreifach gespannt, im Kabel fließt eine Spannung von 8000 Volt, den Strom dafür liefert eine Lkw-Batterie. Er sehe darin die letzte Chance, die Sauen loszuwerden. Ein Jäger im Dorf erzählte ihm, dass er im vergangenen Sommer gesehen habe, wie eine Sau, geschätzte 90 Kilogramm schwer, an einen Elektrozaun ging, schnüffelte und zuckte. Dann sei das Tier 20 Meter zurückgegangen, habe Anlauf genommen und sei mit Geheul losgerannt. "Das ging mit Zunder", sagte der Jäger. "Die ging da rein in den Zaun mit einem Tonnenschub. Das war wie eine Explosion." Die Sau kam durch.

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