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Wirbel um Papst Benedikt: "Es zerreißt einen innerlich"

Der Papst hat die katholische Kirche in eine Krise gestürzt. Vor allem junge Menschen sind von dem neuen Konservativismus abgeschreckt. Im stern.de-Interview spricht der Vorsitzende des katholischen deutschen Jugendbundes, Dirk Tänzler, über sein Hadern mit dem Glauben und erklärt, warum die Krise der katholischen Kirche auch etwas Gutes hat.

Sie kommen aus einer Gemeinde in Duisburg. Was ist da gerade los?

Ich habe heute Morgen noch mit Gemeindemitgliedern telefoniert. Sie verstehen überhaupt nicht, was aus dem Vatikan dringt. Vor Ort machen sie Anti-Rassismusarbeit, versuchen sich im interkulturellen Dialog. Sie wollen Gesellschaft gestalten. Die Personalentscheidungen des Vatikans erschweren das. Dass ein Holocaust-Leugner wieder aufgenommen wird, hat mit katholischer Kirche nun wirklich gar nichts zu tun. Deswegen sind wir auch so verärgert.

Bei seiner Deutschlandreise ist Papst Benedikt noch begeistert empfangen worden.

Wir sind ein Teil der Kirche. Wir leiden manchmal unter dem, was der andere Teil macht. Manchmal freuen wir uns auch. Das gehört zum katholischen Glauben dazu. Das ist ein Spagat, der einen manchmal innerlich zerreißt. Dann hadert man mit seinem Glauben und seiner Mitgliedschaft.

Sie haben selber die Zeichen, die der Vatikan sendet als "fatal" bezeichnet. Welche Konsequenzen hat das für die jungen Katholiken?

Junge Menschen wollen Orientierung, sie sind auf der Sinnsuche. Versuchen Sie sich mal in die Lage eines Jugendlichen zu versetzen. Papst Benedikt sagt ihm, er solle nach dem Evangelium leben, also weltoffen und tolerant sein. Auf der anderen Seite bekommt er mit, dass ein Holocaust-Leugner wieder in die Kirche aufgenommen und jemand zum Bischof ernannt wird, der sagt, der Wirbelsturm Katrina in den USA sei eine "Strafe Gottes" gewesen. Da werden junge Menschen nicht schizophren, aber sie fragen sich: Was läuft da?

Sie vertreten 15 katholische Jugendverbände. Welche Rückmeldungen bekommen Sie?

Am Wochenende gab es eine Tagung zu einem anderen Thema. Die Vertreter der Verbände haben uns aufgefordert, Stellung zu beziehen. Eben weil es die Jugendlichen ärgert und die Arbeit vor Ort belastet.

Wie gehen junge Katholiken damit um?

Sie reden miteinander, machen sich Luft. Die Personalentscheidungen des Papstes machen uns die Arbeit schwer, nicht nur auf Bundesebene, auch in den Gemeinden vor Ort. Wir erleben aber keine Austrittswelle. Wir erleben eine unglaubliche Diskussion, die auch etwas Gutes hat.

Was denn?

Ich erlebe das als Krise. Und jede Krise hat auch ihren Sinn. Jetzt müssen wir daraus auch Hoffnung schöpfen und einen Dialog mit unserer Amtskirche führen. Was ist uns jetzt wichtig? Wie wollen wir Kirche und Gesellschaft in Zukunft gestalten?

Kardinal Ratzinger war für die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, den harten Umgang mit Geschiedenen bekannt. Wurde der Dialog der Jugend mit ihm bislang versäumt?

Ich kann nicht nachvollziehen, dass die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nach wie vor ein Thema in der katholischen Kirche ist. Die Diskussion mit dem damaligen Kardinal Ratzinger und heutigen Papst wurde intensiv geführt. Nur ist seine Position so wie sie ist. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.

Gibt es auch Gruppierungen in der katholischen Jugend, die die aktuelle Diskussion übertrieben finden?

Wir leben in einer pluralen Kirche. Da gibt es auch Stimmen, die den Papst unterstützen. Das sind aber vorrangig Gruppierungen, die nicht im Bund der Deutschen Katholischen Jugend organisiert sind.

Fühlen Sie sich in der Katholischen Kirche isoliert?

Nein. Wir sind Teil der Kirche und haben viele Mitstreiter. Auch mit dem Vatikan gibt es mehr Gemeinsamkeiten als unterschiedliche Auffassungen.

Interview: Axel Hildebrand
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