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Wo steckt Georg L.?: Die Millionen des vermissten Rentners

Ein 86-Jähriger wird in Bayern seit zwei Jahren vermisst. Seine Töchter vermuten, dass Erbschleicher den vermögenden Rentner verstecken. Die Beschuldigten haben ganz andere Erklärungen.

Von Malte Arnsperger

Es geht bei diesem Fall um Geld. Viel Geld, mehrere Millionen Euro, das meiste davon steckt in Häuser und Wohnungen. Aber vor allem geht es um einen Menschen. Um Georg L.. Ein Rentner aus dem niederbayerischen Deggendorf, der seit fast zwei Jahren spurlos verschwunden scheint. Um den 86-Jährigen und um sein Vermögen streiten sich zwei Parteien, vier Menschen, und überziehen sich dabei mit Strafanzeigen, Anträgen und bittersten Vorwürfen. Und beide Seiten beteuern: Nur wir sagen die Wahrheit, die anderen lügen wie gedruckt.

Eine der Beteiligten ist Evelyn A., die ältere von zwei Töchtern Georg L.'s. Die zierliche Frau mit schwarzen halblangen Haaren sitzt bei ihrem Anwalt, dem vierten, seit der Zoff um ihren Vater so richtig Fahrt aufgenommen hat. Sie sagt: "Man hat mir meinen Vater weggenommen." Evelyn A. erzählt folgende Geschichte: Nachdem Mutter Gerda schon 1969 stirbt, hat Vater Georg einige Freundinnen. Ihm geht es finanziell gut, schließlich hat er von seiner Frau einen Obstgroßhandel und viele Immobilien geerbt.

Anfang der 80er Jahre lernt Georg L. dann Rosemarie M. (Name geändert) kennen. Die Frau, die nicht vermögend gewesen sei, habe ihren Vater sukzessiv von ihr und ihrer Schwester Gabriele L. abgeschnitten, sagt Evelyn A. "Nach ein paar Jahren konnten wir keine Sekunde mehr mit ihm alleine reden, ohne dass seine Lebensgefährtin dabei war." Ab 2006 sei der Vater dann zunehmend vergesslich geworden, habe ständig nach dem Alter seiner Töchter gefragt oder nach ihrem Job. So sei es auch an Neujahr 2008 gewesen, sagt Evelyn A., dem bisher letzten Telefonat mit ihrem Vater.

Kontaktaufnahme der Töchter bleibt erfolglos

Die Töchter machen sich nun ernsthaft Sorgen, vermuten, wie einige Bekannte auch, eine beginnende Demenz. In den Wochen und Monaten danach hätten sie und ihre Schwester unzählige Male versucht, den Vater telefonisch zu erreichen oder in seiner Penthouse-Wohnung zu besuchen, sagt Evelyn A. Ohne Erfolg, niemand habe aufgemacht oder habe das Telefon abgenommen. Im August 2008 schalten die Schwestern den ersten Anwalt ein, im Herbst 2009 eine Anwältin. Die schreibt einen Brief an L., prompt kommt eine Antwort. Die Töchter "reagierten zu übertrieben und zu besorgt", er sei halt "oft unterwegs", lässt Georg L. seine Töchter wissen. "Aber es geht mir sehr gut, ich bin fit", steht da in Schreibschrift. Es ist wohl seine Schrift, aber sind es wirklich seine eigenen Worte? Evelyn A. bezweifelt es. "Er hat nie zuvor einen Brief an uns geschrieben. Und er hat mit 'Vater Georg' unterschrieben. Wir haben immer nur 'Papa', die Freunde 'Schorsch' zu ihm gesagt."

Die Merkwürdigkeiten aus Sicht der Töchter nehmen zu. So habe ihr Vater im Sommer 2010 kurzfristig seine eigene Geburtstagsfeier per Brief abgesagt, weil er in den Urlaub wolle. Am Abend des 15. Dezember 2010 suchen die Schwestern Hilfe bei der Polizei. Der Beamte spricht mit Rosemarie M., Georg L. sei gerade spazieren, habe die Frau mitgeteilt. Den Töchtern schwant nichts Gutes, schließlich schneit es draußen heftig. Polizei und Feuerwehr fahren zur Wohnung von L. und brechen die Tür auf. "Unser Vater stand am Eingang, er hat gar nicht mitbekommen, was um ihn herum los war", berichtet Evelyn A.. "Ich habe ihn gefragt, ob er mich kenne. Er hat nur gelächelt und den Kopf geschüttelt." Die Polizisten protokollieren später, L. sei ihnen geistig dement vorgekommen.

Die Töchter lassen Georg L. sofort unter Betreuung stellen, eine Anwältin wird dafür eingesetzt. Es scheint für sie der einzige Weg, um den angeblich verwirrten Vater aus der Umklammerung seiner Lebensgefährtin zu lösen. Doch daraus wird nichts, denn die geschockten Töchter erfahren, dass seit dem 1. September 2008 Rosemarie M. und ihr Sohn Norbert (Name geändert) Generalbevollmächtigte sind. Die Betreuerin schafft es bis zu seiner Absetzung allerdings herauszufinden, dass Georg L. offenbar einen Großteil seines Vermögens, darunter acht Häuser, seiner Lebensgefährtin übereignet hat. "Das sieht meinen Vater gar nicht ähnlich, der hält sein Vermögen lieber zusammen", sagt Evelyn A. Sonderbar erscheint ihrem Anwalt auch, dass Rosemarie M. ausgerechnet in den Monaten direkt nach der Bevollmächtigung zur neuen Besitzerin einiger Häuser wurde.

Kein Vertrauen in die Bevollmächtigten

Die Töchter geben nicht auf und beantragen Anfang 2011 eine Kontrollbetreuung. Die kann von Gericht angeordnet werden, wenn man den Bevollmächtigten nicht mehr über den Weg traut. Das Amtsgericht Deggendorf lehnt den Antrag ab, das Landgericht stimmt aber letztlich Ende 2011 zu, denn es bestünden "konkrete Zweifel an der Redlichkeit der Bevollmächtigten". Doch im Juni 2012 endet die vorläufige Kontrollbetreuung, "mangels Zustellmöglichkeit" - der Rentner ist weder für seine Töchter noch für die Behörden greifbar.

Mittlerweile hatten die Töchter Anzeige gegen Rosemarie M und ihren Sohn Norbert M. wegen Untreue erstattet, später zeigte der Kontrollbetreuer das Mutter-Sohn-Gespann wegen Freiheitsberaubung an. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen im August 2012 zeitweilig ein, da ein Zeuge L. und seine Lebensgefährtin wenige Monate vorher auf einem tschechischen Flohmarkt gesehen haben will. Kurze Zeit später nehmen die Ermittler die Arbeit wieder auf, "nachdem sich durch weitere Erkenntnisse ein Anfangsverdacht der Freiheitsberaubung ergeben hat und festgestellt wurde, dass sich der Sohn der Lebensgefährtin des Herrn L. wieder an seinem Wohnort aufhält", sagt Kunigunde Schwaiberger, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Deggendorf.

Mit den Vorwürfen von stern.de konfrontiert, erklärt Norbert M., warum die Anschuldigungen gegen ihn und seine Mutter ein "absoluter Schmarrn" seien. Seine Mutter habe Georg L. nie von seinen Töchtern ferngehalten, vielmehr habe der Vater von sich aus den Kontakt abgebrochen, da die Frauen "nie etwas für ihn getan haben". Zudem habe Rosemarie M. die Immobilien rechtmäßig gekauft und keineswegs geschenkt bekommen. L. habe sich darüber gefreut. Denn der Verkauf auf dem freien Markt sei schwierig gewesen, da jahrelange Mieter darin wohnten und die Häuser renovierungsbedürftig seien. "Es ging alles von Herrn L. aus," sagt Norbert M. Auch hätten vier unterschiedliche Notare Georg L. als "voll geschäftsfähig" eingeschätzt. "Das zeigt doch, dass der Mann vollkommen klar ist."

Ist Georg L. gesund oder dement?

Dieser Punkt ist für Norbert M. und seine Mutter entscheidend. Denn sollte sich herausstellen, dass Georg L. tatsächlich seit Jahren nicht mehr Herr seiner Sinne war, könnten die beiden Generalbevollmächtigten hinter Gitter landen. Norbert M. betont, es gebe weitere Zeugen, die noch 2011 einem gesunden Georg L. begegnet seien. Er liest aus der schriftlichen Aussage eines Mannes vor, der L. seit vielen Jahren kenne und eine "qualifizierte Betreuungskraft für Demenzkranke" sei. Demnach hat der Zeuge den Vermissten zuletzt Anfang 2011 gesehen und sich mit ihm unterhalten. Herr L. wirke "körperlich fit und geistig völlig klar", gab der Mann zu Protokoll. "Die Staatsanwaltschaft ermittelt völlig einseitig und vernimmt diese Zeugen einfach nicht. Das ist eine Vorverurteilung", sagt Norbert M. Tatsächlich scheint die Staatsanwaltschaft sich nicht sonderlich für diese möglicherweise wichtigen Angaben zu interessieren. "Wir haben die schriftliche Aussage zur Kenntnis genommen. Sie steht aber im Widerspruch zu vielen anderen Zeugenangaben. Deshalb sehen wir derzeit keine Notwendigkeit, den Zeugen anzuhören."

Für Norbert M. ist auch das Ende der Kontrollbetreuung Beweis genug, dass er kein "Erbschleicher" sei, sondern "zum Wohle von Herrn L." handele. "Der Betreuer hat bei mir alles kontrolliert, Dokumente mitgenommen und hat nichts Unredliches gefunden."

Norbert M. wehrt sich aber nicht nur, er geht selber in die Offensive. Mittlerweile hat er die beiden Töchter angezeigt. Evelyn A., weil sie in der Presse Lügen verbreitet habe. Gegen ihre Schwester fährt der Mann noch härtere Geschütze auf. Sie sei nämlich diejenige, die ihren Vater betrüge und viel Geld unterschlage. Sie habe über Jahre hinweg Darlehen von ihrem Vater bekommen, es aber bis heute nicht zurückbezahlt. Und nicht nur das: Georg L. habe durch die Immobilienverkäufe schon vor 2008 viel Geld erlöst und einen Millionenbetrag unter anderem in Goldmünzen angelegt. Gabriele L., ein "voll psychiatrischer Fall", sei von ihrem Vater als "Treuhänderin" eingesetzt gewesen. "Sie sollte das Geld verwalten." Aber Herr L. hat seit Jahren nichts mehr von dem Geld gesehen. Das ist Betrug", poltert Norbert M. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, es gebe wegen dieser Verdächtigungen Ermittlungen gegen Gabriele L. "Diesen Töchtern geht es nur ums Geld und nicht um das Wohl ihres Vaters.", sagt Norbert M. "Und der hat sie mittlerweile komplett enterbt."

Die Schwestern weisen die Vorwürfe zurück

Evelyn A. lächelt verächtlich und schüttelt den Kopf. Mit ruhigen Worten geht sie auf die Vorwürfe ein. Ja, ihre Schwester sei auf Wunsch zweimal stationär in der Behandlung gewesen. "Das ist aber viele Jahre her und ihr geht es gut." Und eine Verwalterin des väterlichen Vermögens sei Gabriele nie gewesen, von einer Anlage in Goldmünzen hätten beide Schwerster noch nie gehört. "Es ist wirklich schlimm, dass man sich so was ausdenken kann."

Ihr Anwalt Thieler ist ein bundesweit bekannter Experte für das Betreuungsrecht. Er sagt: "So einen Fall habe ich in meinem ganzen Berufsjahren noch nie erlebt." Ähnlich äußern sich die Ermittler: "Ich habe noch nie erlebt, dass man jemanden derart unter Verschluss halten kann", sagt Staatsanwältin Schwaiberger. "Unsinn", sagt Norbert M. Er und seine Mutter hielten Georg L. überhaupt nicht unter Verschluss. "Er tut das, was er will und genießt das Grundrecht der Freizügigkeit. Und er ist nur geflüchtet, weil er zwangsweise in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden soll." Tatsächlich hat das Amtsgericht Deggendorf beschlossen, dass L. vorgeführt werden soll, wenn nötig mit Gewalt, allerdings zunächst nur zur "Überprüfung der Notwendigkeit einer Unterbringung".

Evelyn A.'s Anwalt versucht nun durch eine weitere juristische Finte, die Kontrolle über das Vermögen von Georg L. zu bekommen und etwas über dessen Schicksal zu erfahren. Er hat Antrag auf Abwesenheitspflegschaft gestellt. "Das kann die Lebensgefährtin nur verhindern, wenn sie uns sagt, wo sie sie mit Georg L. ist und beweist, dass er noch am Leben ist. Wir befürchten aber, dass sie ihn solange festhält, bis er stirbt und nicht mehr nachweisbar ist, wann er dement wurde."

Es gibt nur eine Person, die alle Rätsel auflösen kann. Aber genau die scheint verschwunden zu sein.