ZDF-Zweiteiler "Die Gustloff" Der ZDF-Fachberater und die Rechten


Der 82-jährige Autor Heinz Schön gilt als der Experte, wenn es um den Untergang der "Wilhelm Gustloff" geht. Auch zur opulenten ZDF-Produktion "Die Gustloff" hat er als Augenzeuge einen wichtigen Beitrag geliefert. Dass Schön seit den 90er Jahren auch in Publikationen im rechtsextremen Umfeld veröffentlichte, wurde bislang nicht beachtet.
Von Sebastian Christ, Hamburg

Seit Wochen ist Heinz Schön ein Darling der Medien. Ein Porträt hier, ein Porträt dort. Der Grund: "Die Gustloff", jener ZDF-Untergangs-Zweiteiler, der seit Wochen mit viel Pomp und Tamtam beworben wurde. Im Jahr 1945, als das Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" in der Ostsee versank und 9.300 Menschen in den Tod riss, gehörte Schön zu den Überlebenden. Nach dem Krieg baute er ein umfangreiches Archiv auf, schrieb Bücher und entwickelte sich zu dem Gustloff-Experten. Die "Welt am Sonntag" nannte ihn unlängst den "wichtigsten Chronisten des Untergangs". Der Schriftsteller Günter Grass soll Schöns Aufzeichnungen sogar als Vorlage für seine Novelle "Im Krebsgang" genutzt haben. Und so war es nur folgerichtig, dass der heute 82-jährige Schön auch bei der opulenten ZDF-Produktion "Die Gustloff" als Fachberater mitwirkte, indem er sein Wissen als Zeitzeuge einfließen ließ.

Die Leistungen Schöns sind also unbestritten. Wenig Beachtung fand bislang jedoch, dass der Mann aus dem westfälischen Bad Salzuflen mit seiner historischen Expertise seit den 90er Jahren auch in rechtskonservativen Publikationen Anklang fand, die der "Neuen Rechten" zugerechnet werden. Auf Anfrage von stern.de bestritt Heinz Schön, die wahre Identität seiner Gesprächs- und Geschäftspartner gekannt zu haben.

Veröffentlichung in Festschrift für David Irving

Dass Schön in Publikationen des rechten Randes auftaucht, ist dagegen unbestreitbar. Im Jahr 1998 steuerte er einen Beitrag zu einer Festschrift bei, die dem Holocaust-Leugner David Irving gewidmet ist. Der Titel des Buches lautet: "Wagnis Wahrheit. Historiker in Handschellen?" Im Vorwort von Herausgeber Reinhard Uhle-Wettler wird Irvings "Geschicklichkeit" im Auffinden "unbekannter Dokumente" gelobt, und sein "Mut, scheinbar unumstößliche historische Wahrheiten zu hinterfragen". In Bezug auf Auschwitz heißt es dort: "Die ständige Beschwörung allein der deutschen Schlechtigkeit und Schuld zeigt, dass die Welt nicht bereit ist, vor der jeweils eigenen Tür zu kehren, wo sich ja genügend Schmutz angehäuft hat."

Schöns Text in dem Irving gewidmeten Band ist mit der Zeile "Unternehmen Rettung - Ostsee 1945" überschrieben. Er beschäftigt sich mit dem Einsatz deutscher Marineschiffe bei der Rettung von Flüchtlingen aus den früheren deutschen Ostgebieten. Der Beitrag wurde nach Angaben des Herausgebers bereits 1995 in dem Band "50 Jahre Vertreibung. Der Völkermord an den Deutschen. Ostdeutschland – Sudetenland – Rückgabe statt Verzicht" im Hohenrain-Verlag veröffentlicht. Schön beklagt unter anderem, dass die "Retter" auf Seiten der Wehrmacht nicht den "Ruhm" genießen könnten, der ihnen zustünde. Gegenüber stern.de sagte Schön, dass der Beitrag ohne sein Wissen in die Festschrift aufgenommen wurde: "Die haben mich gar nicht darüber informiert", so Schön. "Ich war verwundert, dass das dann dort erschien."

Bücher bei Verlag mit rechtsextremen Hintergrund

Ein anderes Mal hat Schön sich jedenfalls nicht umfassend um den politischen Leumund jener Geschäftspartner gekümmert, in deren Umfeld er veröffentlichte. Seit den 50er Jahren schreibt er Bücher über Aspekte des Zweiten Weltkriegs, vornehmlich in dem für seine populärwissenschaftlichen Werke bekannten Stuttgarter "Motorbuch Verlag". Mindestens fünf Bücher jedoch veröffentlichte er zwischen 1998 und 2007 auch bei dem Kieler Arndt-Verlag. Das Verlagshaus wird seit dem 80er Jahren wegen des Verdachts auf rechtsextreme Schriften vom schleswig-holsteinischen Verfassungsschutz beobachtet. "Das Verlagsprogramm ist durch revisionistische Literatur geprägt", heißt es auf Seite 47 im Verfassungsschutzbericht des Landes für das Jahr 2006.

Geschäftsführer jener Unternehmensgruppe, zu der auch der Arndt-Verlag gehört, ist Dietmar Munier, ein ehemaliges Mitglied der Jungen Nationaldemokraten, des Jugendverbandes der rechtsextremen Partei NPD. Munier bezeichnet Schön in einer stern.de vorliegenden Verlagsmitteilung noch im Jahr 2005 als seinen "Hausautor" und posiert mit Schön auf einem Foto. "Ich habe mich nie für die politische Orientierung meiner Verleger interessiert", verteidigte Schön diese vermeintliche Eintracht gegenüber stern.de. Munier habe ihm lediglich die Möglichkeit geboten, über Themen zu schreiben, die der "Motorbuch Verlag" nicht ins Programm mit aufnehmen wollte - so zum Beispiel Texte über die Vertreibung aus Ostpreußen. Schön hat nach eigenen Angaben mittlerweile jeden Kontakt zum Arndt-Verlag abgebrochen, nachdem er erfahren habe, welchen ideologischen Hintergrund der Verleger Munier habe. Er distanziert sich ausdrücklich von den Aktivitäten Muniers. "Ich bin 40 Jahre in der SPD gewesen, ich habe mit Leuten von rechts gar nichts zu tun. Ich habe mit Herrn Muniers Anschauungen nichts zu tun. Außer ihn kenne ich gar keine Leute aus rechten Kreisen."

"Man tappt da manchmal in Fallen rein"

Auch wenn er keine Rechtextremen persönlich kennt: Den losen Kontakt mit ihnen scheute Schön nicht. Sein Buch "Mythos Neu-Schwabenland" über eine nazi-deutsche Südpolexpedition Ende der 30er Jahre weckte auch das Interesse der rechtsextremen Partei NPD. Im April 2005 gab Schön dem Parteiorgan "Deutsche Stimme" ein Interview, das bis heute im Internet abrufbar ist. Betont sachlich antwortet er auf die Fragen der Rechtsaußen-Journalisten, ob Deutschland noch Ansprüche auf die Antarktis hätte oder was aus den deutschen Landschaftsbezeichnungen geworden sei. Schön findet in diesem Zusammenhang, dass angebliche historische Leistungen von geschichtlichen Deutungszusammenhängen überlagert würden: "Das Verdrängen der Erinnerung an eine gelungene wissenschaftliche Expedition ins Polarmeer geschieht offenbar nur, weil sie zur Zeit des Dritten Reiches erfolgte." Kein Wort verliert Schön darüber, dass diese Expedition auch der Betonung nationalsozialistischer Weltmachtansprüche dienen sollte. "Ich wusste ja gar nicht, was die 'Deutsche Stimme' ist", sagte Schön stern.de. "Ich bin ja kein Journalist. Man tappt da manchmal in Fallen rein."

Dass Schön bestreitet, dass er Beiträge und Bücher bewusst im rechtsextremen Umfeld veröffentlicht habe, hindert die Rechtsextremen selbst nicht daran, Schöns Werke zu rühmen. Der Schön-Titel "Flucht aus Ostpreußen 1945", erschienen im Arndt-Verlag, wird auch über den "Deutschen Buchdienst" vertrieben, der DVU-Chef Gerhard Frey gehört. Das Werk beschäftige sich mit dem "Holocaust der Vertreibung", wirbt der Buchdienst.

Berührungsängste mit Medien am rechts-konservativen Rand des politischen Spektrums muss sich Schön auch dieser Tage nicht nachsagen lassen. In der jüngsten Ausgabe der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" meldet er sich zu Wort. Im Interview mit dem Medium, das zeitweise vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachtet wurde, sagte er über die Rolle der Wehrmacht im Winter 1944/45: "Was mich aber in der Tat ärgert, bis heute wird in der breiten öffentlichen Darstellung verschwiegen, dass die deutsche Kriegs- und Handelsmarine 2,5 Millionen Deutsche über die Ostsee gerettet haben. Eine enorme humanitäre Leistung!" Auf die Frage, warum es dieses angebliche "Tabu" gebe, antwortete er: "Offenbar widerspricht so etwas der politischen Korrektheit. Die Wehrmacht und damit auch die Marine gilt heute ja gemeinhin meist nur noch als ‚Hitlers Kriegsmaschine', und da passen Heldentaten nicht ins Bild. Am Ende würde das vielleicht noch positiv auf Großadmiral Dönitz abfärben. Nicht zuletzt liegt es vielleicht auch daran, dass die Frage nach den deutschen Opfern im Zweiten Weltkrieg heute auf die Formel reduziert wird: Selbst schuld, auf uns fiel nur zurück, was wir angefangen haben." Schön verteidigt das Interview mit dem Medium. Die "Junge Freiheit" sei ja schließlich nicht verboten, sagte er stern.de.

Kritik an dem ZDF-Zweiteiler

Der ZDF-Zweiteiler "Die Gustloff" erzählt die Geschichte des von der sowjetischen Marine versenkten Schiffs aus der Sicht der deutschen Passagiere und Besatzungsmitglieder. Kritiker werfen dem Fernsehfilm eine revisionistische Sichtweise vor - weil er den geschichtlichen Gesamtzusammenhang nahezu ausblende und die deutschen Schiffspassagiere nur als Kriegsopfer darstelle.

In linksextremen Kreisen wird Schön schon seit längerer Zeit als "Revisionist" gebrandmarkt. Im April 2007 kam es bei einer Veranstaltung in Viersen zu einem Zwischenfall. Heinz Schön hatte dort laut "Westfalen-Blatt" vor Mitgliedern der "Landsmannschaft Ostpreußen" gesprochen. Mehrere Vermummte sollen die Versammlung gestürmt und dabei eine 82-jährige Frau leicht verletzt haben. Auch an der Uni Bielefeld kam es laut "Westfalen-Blatt" zu Protesten, als Schön dort im Jahr 2005 auftreten wollte.

Schön selbst sieht sich auf der Seite jener, die sich für Frieden und gegen Gewalt engagieren. "Meine im Motorbuch Verlag erschienenen Bücher sind ‚Bücher gegen den Krieg'; sie wollen erinnern und mahnen, damit unsere Kinder und Enkel von Krieg, Flucht und Vertreibung verschont bleiben, denn ‚Krieg ist der Feind aller Menschen'", heißt es im Vorwort seines Buches "Rettung über die Ostsee".

Das ZDF will übrigens nichts von Schöns Veröffentlichungen am rechten Rand gewusst haben. "Wir haben ihn nicht durchleuchtet", sagte Elke Müller, Redakteurin beim Sender, zu stern.de. Schön habe durch sein Augenzeugenwissen über den Hergang der Gustloff-Katastrophe einen wichtigen Beitrag zur Entstehung des Zweiteilers geleistet. "Wir haben uns nicht damit auseinander gesetzt, welche politische Haltung er hat", so Müller.

Mitarbeit: Anton Mägerle


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