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Zehn Jahr nach Nagelbombenanschlag: Maffay, Lindenberg und Niedecken singen gegen Rechts

Vor zehn Jahren zündete der NSU in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe. Anlässlich des Jahrestags feiert das Bündnis "BIRLIKTE - Zusammenstehen" ein hochkarätig besetztes Kultur- und Kunstfest.

Von Alice Lanzke

Antreten zum Rocken gegen Rechts: Maffay, Lindenberg (v.l.), Niedecken und Engel (v.r.) nebst Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (M.)

Antreten zum Rocken gegen Rechts: Maffay, Lindenberg (v.l.), Niedecken und Engel (v.r.) nebst Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (M.)

In einem Brautmodengeschäft probiert eine junge Frau ein langes Kleid an, ein Koch tänzelt hüftschwingend durch seine Küche, während eine Näherin sich konzentriert über ihre Maschine beugt - Alltagsszenen, die das YouTube-Video der Interessensgemeinschaft Keupstraße zeigt, gepostet unter dem Namen "Die Keupstraße lebt". Tatsächlich vermittelt der Clip das Bild einer lebendigen und facettenreichen Straße. Kaum vorstellbar, dass Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hier vor zehn Jahren eine verheerende Nagelbombe zündeten.

Am 9. Juni 2004 erschütterte ein Knall die Keupstraße: Hunderte glühend heißer Nägel schossen mit bis zu 770 Stundenkilometer durch die belebte Geschäftsstraße und verletzten 22 Menschen zum Teil schwer. Dass niemand starb, grenzt an ein Wunder. Schon früh vermuteten die Anwohner einen rassistischen Hintergrund - galt die Keupstraße doch als die zentrale Geschäftsstraße der türkischen Community. Doch die Ermittlungsbehörden gingen dem nicht nach: Nur einen Tag nach dem Attentat erklärte der damalige Innenminister Otto Schily (SPD), dass ein rechtsextremer Anschlag auszuschließen sei und die Täter im kriminellen Milieu zu vermuten wären. Auf der Keupstraße und in ihrer Umgebung wurde eine Rasterfahndung ausgeschrieben, die auf migrantische junge Männer ausgerichtet war.

Sieben Jahre Misstrauen

Die Folgen für die Betroffenen waren dramatisch: Aus Opfern wurden Täter, die Verletzten und ihre Angehörigen stundenlang verhört, Türen eingetreten, Telefone abgehört. Die Geschäftsleute, die ohnehin unter den wirtschaftlichen Folgen des Attentats litten, bekamen in den folgenden Jahren verstärkt die Finanzprüfung ins Haus geschickt. "Die Täter-Opfer-Umkehr war einer der gravierendsten Fehler in der Geschichte der Bundesrepublik, den wir nur durch kontinuierliche Zusammenarbeit wiedergutmachen können", erklärt Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) dazu.

Sieben Jahre dauerte diese Tortur aus Verdächtigungen und Misstrauen, das schließlich auch die Keupstraße selbst erfasste. Die einseitigen Ermittlungen und entsprechenden Medienberichte ließen die Betroffenen nicht nur verstummen - ihre rassistischen Zuschreibungen setzten auch fort, was die Bombe begonnen hatte. "Die Keupstraße hat so viel miterlebt, was sie nicht verdient hat", fasst Meral Sahin von der IG Keupstraße jene Zeit zusammen. Umso wichtiger ist nun das dreitägige Kunst- und Kulturfest BIRLIKTE - Zusammenstehen, mit dem über Pfingsten an das Nagelbombenattentat erinnert wird.

"Etwas gegen hirntote Rechtsradikale tun"

Ein großes Bündnis, bestehend aus der IG Keupstraße, dem stern mit der stern-Aktion Mut gegen rechte Gewalt, der Stadt Köln mit dem Schauspiel Köln, der antirassistischen "AG Arsch huh, Zäng ussenander!", der Amadeu Antonio Stiftung, dem Konzertveranstalter Roland Temme und dem Künstler Mario Rispo, hat dafür ein dreitägiges umfangreiches Programm zusammengestellt. Zu dessen Höhepunkten zählen ein großes Straßenfest an Pfingstsonntag und eine Kundgebung einen Tag später mit Künstlern wie Udo Lindenberg, Peter Maffay, BAP und Clueso. Hier werden, so Konzertveranstalter Temme, 50.000 bis 75.000 Besucher erwartet.

Bei der Pressekonferenz begründeten einige der Musiker ihr Engagement mit klaren Worten. So sagte Wolfgang Niedecken: "'BIRLIKTE' bietet die Chance, dass die Gesamtbevölkerung aufeinander zugeht." Er habe nicht lange überlegen müssen, als er gefragt wurde, ob er Teil der Kundgebung sein wolle. Peter Maffay ergänzte, es gehe um ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und Rassenwahn: "Musik ist eine Möglichkeit, Solidarität zu vertiefen." Und Udo Lindenberg erklärte knapp: "Man muss etwas gegen diese hirntoten Rechtsradikalen tun."

Imprägnierung gegen rechte Tendenzen

Neben den Künstlern begründeten auch Mitglieder des "BIRLIKTE"-Aktionsbündnisses ihr Engagement. So sagte -Chefredakteur Dominik Wichmann auf dem Podium: "Bei 'BIRLIKTE' muss es darum gehen, die Gesellschaft dauerhaft gegen rechte Tendenzen zu imprägnieren." Für Oberbürgermeister Roters ist das Event ein Zeichen der Wiedergutmachung: "Wir wollen zeigen, dass diese Stadt mit ihren 180 Nationen gemeinsam feiern und friedlichen miteinander umgehen kann." Zudem enthalte "BIRLIKTE" eine deutliche Botschaft gegen Rechtsextremismus. "Pfingsten wartet etwas Großes auf uns – wir werden gemeinsam zusammenstehen."

Alle Mitglieder des Aktionsbündnisses lobten die besondere Energie, die die Zusammenarbeit in den vergangenen Wochen und Monaten geschaffen habe: "Die Mitglieder kommen von überall her, geben etwas hinein und fragen nicht, was sie dafür zurückbekommen", so Thomas Laue vom Schauspiel Köln. Hermann Rheindorf von der AG Arsch huh, Zäng ussenander! ergänzte: "Wir sind voller Bewunderung, welche Energie in den vergangenen Monaten freigesetzt wurde." Und Meral Sahin von der IG Keupstraße erklärte, die Zusammenarbeit habe sie überwältigt: "Durch unser Zusammenstehen entsteht eine positive Kraft." Diese könne die Keupstraße gut gebrauchen.

Mehr Infos finden Sie hier

Die Homepage des Projekts "BIRLIKTE - Zusammenstehen

Website der Interessensgemeinschaft Keupstraße

Das Schauspiel Köln

Seite der Stadt Köln

Homepage der Amadeu Antonio Stiftung

Konzertveranstalter Roland Temme

Der Künstler Mario Rispo,

Die stern-Kampagne Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt"

Der Kölner Künstlerverein "Arsch huh Zäng ussenander"