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Zölibat: Die Lüge von der Enthaltsamkeit

Die Welt blickt nach Rom. Die Papstwahl gilt auch als Chance zur Reform. Im stern fordern zwölf katholische Priester das Ende des Zölibats. Weil er für viele Pfarrer nur eine Lüge ist.

Von Kuno Kruse und Dominik Stawski

Der bayerische Pfarrer und seine Frau schauen viel Fernsehen in diesen Tagen. Wie so viele Katholiken warten auch sie auf den weißen Rauch aus Rom. Und sie tun etwas, was in der katholischen Kirche immer noch verboten ist: Sie lieben sich. Der Gottesmann und die Frau sind um die 50. Sie haben sich über die Musik kennengelernt, beide lieben das Orgelspielen.

Sie leben unter einem Dach, weit weg von seiner Gemeinde. Sie ist seine Haushälterin, aber zum Putzen haben sie jemand anderen. Sie brechen den Zölibat. Würde es öffentlich, dann würde ihn sein Bischof aus dem Amt werfen.

Sie sehen voller Hoffnung auf ihren Fernseher. Ein neuer Papst, eine neue Chance, dass der Klerus endlich eine große Lüge beendet - den Zölibat. Die Hoffnung, dass sich der Pfarrer und seine Frau endlich zueinander bekennen können.

Überwältigende Mehrheit für Abschaffung

Der Pfarrer aus Bayern ist einer von zwölf Priestern, die sich im neuen stern solidarisieren und das Ende des Zölibats fordern. Zehn von ihnen haben ihr Amt wegen einer Beziehung zu einer Frau verloren. Zwei sind noch aktiv und erzählen anonym von ihrer Liebe. Sie beschreiben ihre seelischen Belastungen und die ständige Angst vor dem Entdecktwerden. Aus Liebe zu ihrer Arbeit und aus Angst vor dem finanziellen Ruin haben sie sich entschlossen, ihr Amt dennoch zu behalten.

In einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des stern schließen sich 90 Prozent aller Deutschen ihrer Forderung nach dem Ende des Pflichtzölibats an. Unter den Katholiken sind es sogar 93 Prozent.

Im stern schildern die Priester, dass dieses Kirchengesetz längst zu einer Lüge verkommen sei. Zahlreiche ihrer Kollegen würden unter dem Deckel der Verschwiegenheit eine Frau lieben. Manche Gemeinden wüssten davon oder würden es zumindest ahnen. In einigen Fällen sei die Beziehung sogar über längere Zeit von den Bistümern geduldet worden, solange nichts an die Öffentlichkeit gelangt sei.

Dramatischer Priestermangel

Die Berichte der Priester belegen, dass sich viele erst zur zu ihrer Liebe bekennen, wenn ihre Partnerinnen schwanger werden. Sobald der Zölibatsbruch öffentlich würde, reagierten die Bischöfe mit aller Härte. Die Priester verlieren ihr Einkommen und haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Viele finden erst nach langer Zeit und mit großer Mühe neue Arbeit.

Unter Papst Johannes Paul II. und seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. war jede Hoffnung auf Abschaffung des Zölibats gestorben. Dabei leidet die katholische Kirche nicht nur in Deutschland unter einem akuten Priestermangel - viele junge Männer sind nicht mehr bereit, die Ehelosigkeit auf sich zu nehmen. Während sich 1962 noch 557 Priester in Deutschland weihen ließen, waren es 2011 gerade einmal 108. Gemeinden werden zusammengelegt, die Seelsorger sind überfordert, und viele Gläubige verlieren ihre geistige Heimat.

Im stern kritisiert auch Wunibald Müller, der Leiter des Recollectio-Hauses, einem Therapiezentrum für Geistliche, den Pflichtzölibat. Würde er abgeschafft, sagt Müller, "gäbe es weniger, die sich aus fragwürdigen Gründen für den zölibatären Weg entscheiden". Er meint Priester, die ihre eigene Sexualität verdrängen, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Müller sagt im Hinblick auf die Papstwahl: "Ich will noch erleben, dass das Gesetz fällt."

Abschaffung der Ehelosigkeit als Präzedenzfall

Die meisten Priester haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Mehrheit der Gläubigen in ihrer Gemeinde mit ihnen solidarisiert. In einigen Gemeinden wie im bayerischen Ansbach oder Hammelburg gab es gar Solidaritätsdemonstrationen und Mahngebete für die entlassenen Pfarrer.

"Der alte Papst schaffte mit seinem Rücktritt einen Präzedenzfall", sagt der ehemalige Pfarrer Michael Sell. "Jetzt gäbe es die Chance für einen weiteren Präzedenzfall. Die Abschaffung der Ehelosigkeit."

Ihre ehemaligen Kollegen rufen die Pfarrer dazu auf, endlich Schluss mit der Heimlichkeit zu machen und sich zu bekennen. "Traut Euch!", fordern sie im stern.

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Von:

und Kuno Kruse