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Tag der offenen Moschee: Zu Gast beim "Quassel-Imam"

Sein Auftritt bei Günther Jauch hat ihn berühmt gemacht. Nun gibt es die Möglichkeit, ihn persönlich kennenzulernen. Ich mache mich auf den Weg zur Bilal-Moschee und Abdul-Adhim Kamouss.

Von Maren Christoffer

Sorgte bei Günther Jauch als Quasselstrippe für Schlagzeilen: Abdul Adhim Kamouss

Sorgte bei Günther Jauch als Quasselstrippe für Schlagzeilen: Abdul Adhim Kamouss

Tag der offenen Moschee, Berlin, 16 Uhr: Ich treffe an der unscheinbaren Bilal-Moschee im Wedding ein - und errege damit einiges Erstaunen. Bisher bin ich die einzige Nicht-Muslima hier. Ich trete in den Innenhof und werde vom Pressesprecher des Imams begrüßt, Abdul Adhim Kamouss. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Es ist der "Quassel-Imam" aus der Jauch-Talkshow.

Ich betrete den Hauptraum der Moschee. Meine Schuhe habe ich ausgezogen, wie es der islamische Brauch verlangt. Von der letzten Reihe aus beobachte ich das Gebet. Die Gläubigen stehen, verbeugen sich, werfen sich auf den Boden, knien und verneigen sich wieder. Die Worte, die der Imam – der Begriff bedeutet Vorbeter, wie ich heute lerne - ruft, scheinen sich ständig zu wiederholen. Der Imam erklärt mir, welchen Sinn die Verbeugungen während des Gebets haben: Es seien Demutsgesten vor der Majestät Allahs. Beim Hinwerfen käme das Gesicht dem Boden sehr nah. Damit wollten die Muslime verdeutlichen: "Gott, ja, ich bin dein Diener, der auf deine Großzügigkeit und deine Hilfe angewiesen ist", erklärt mir Abdul Adhim Kamouss im Gespräch.

Kritik an der Kopftuchdebatte

Das Gebet, so erklärt mir der Imam, ist eines der wichtigsten Rituale im Islam. Fünf Mal am Tag soll gebetet werden. Aber nicht, wie wir häufig glauben, in der Moschee oder zu einer bestimmten Uhrzeit. Nein, das Gebet ist im Rahmen eines bestimmten Zeitfensters zu erledigen, so dass sich jeder Gläubige individuell organisieren kann. Ich frage mich: Läuft der Gottesdienst immer so ab, wie ich ihn gerade erlebt habe? Kamouss erklärt es. Gebetet wird bei jedem Gottesdienst. Freitags hält der Imam in Anschluss noch eine Predigt. Das ist alles. Ich bin überrascht, die Rituale des Christentums scheinen mir umständlicher. Wer hätte noch nie jemanden gesehen, der in der Kirche eingeschlafen wäre.

In der Moschee ist jetzt großes Stühlerücken angesagt. Die Betenden ziehen sich den hinteren Teil des Raums zurück oder verlassen ihn. Die Gäste werden gebeten, nach vorne zu kommen. Dort sitzen an einem Tisch mehrere Männer, darunter Imam Abdul Adhim Kamouss. Wir sitzen in Gartenstühlen, um mich herum einige Journalisten, aber auch viele Muslims. Eine Muslima fällt mir auf: Sie ist komplett verschleiert, nur ihr Gesicht ist frei. Auch viele andere Frauen hier tragen ein Kopftuch. Sie tun es, so sagen sie es zumindest, freiwillig, weil es für sie persönlich wichtig sei. Sie kritisieren die Kopftuchdebatte in Deutschland, wollen von ihren religiösen Gewohnheiten nicht lassen müssen.

Ähnlichkeit von Koran und Bibel

Vorne beginnt eine Koran-Rezitation. Ein junger Mann trägt vor, es ist fast ein Gesang. Er entspricht nicht unserem Bild eines tiefgläubigen Muslims. Er hat keinen langen Bart, trägt kein Gewand. Er sitzt dort wie ein schüchterner Junge, seine Haare sind glatt gekämmt, er trägt ein blaues T-Shirt. Nachdem er geendet hat, wird die Koranstelle für uns Gäste übersetzt. Ich bin überrascht. Was der Mann dort vorträgt klingt eher wie eine Bibelstelle. Im Gespräch frage ich den Imam, wie viel Gemeinsamkeiten Koran und Bibel haben. "Ganz, ganz viele", antwortet er.

Im Anschluss an die Koranrezitation erklärt ein "Bruder" - so nennen sich Moslems untereinander - Teile des Islams. Er spricht von der Vielfalt des Glaubens und der Menschen. Diese Vielfalt ist auch am heutigen Tage zu sehen. Ich sehe Frauen, die verschleiert sind, ein Kopftuch tragen oder westeuropäisch gekleidet sind – Männer in Anzügen, Straßenkleidung oder Gewändern. Wie sich einer anziehe, erklärt der Imam, sei jedem selbst überlassen. Abdul Adhim Kamouss trägt heute ein langes weißes Gewand aus seinem Heimatland Marokko. Er hat aber auch Anzüge im Schrank.

Zum Schluss der Veranstaltung hält der Imam einen Vortrag. Er fordert zu einem friedlichen Dialog auf und verurteilt Moslems, die Hass und Terror predigen. Jene, die das täten, seien keine Moslems, sie seien nicht gläubig, verstünden den Koran falsch. Hassprediger und Internet-Imame, wie er sie nennt, erreichten aber die jungen Menschen. Die älteren Imame nähmen zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der jungen Gläubigen - und predigten vor allem nur in ihrer Muttersprache, nicht auf Deutsch. Das sei ein Fehler.

Ende der Veranstaltung, alle verlassen langsam den Raum. Wenn Kamouss die Absicht gehabt hat, den bei "Günther Jauch" geäußerten Verdacht zurückzudrängen, er sei ein radikaler Salafist - dann ist ihm das mit diesem Auftritt gelungen. Zu besichtigen war ein Imam, der um Verständnis für seine Religion wirbt. Und der nicht nur redet, sondern auch zuhören kann.

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