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Zukunft des Schülers: "Marco hat einen guten Eindruck gemacht"

Monatelang saß Marco Weiss in türkischer Haft, vor kurzem kam er frei. Doch wie geht es mit dem deutschen Schüler weiter? Marco hat Glück: Er hat mit Hilfe einer Ausnahmeverordnung einen Realschulabschluss erhalten, obwohl er die Abschlussarbeiten verpasst hat. Auch seinen Praktikumsplatz hat er nicht verloren.

Von Oliver Link

Anfang September erschien Marcos Mutter, Martina Weiss, im Büro von Horst Ahrens, dem Schulleiter der Berufsbildenden Schulen von Uelzen. Ahrens erwartete ein schwieriges Gespräch mit der Frau, saß doch ihr Sohn immer noch in türkischer Untersuchungshaft. Doch Martina Weiss wirkte alles andere als unglücklich auf den Oberstudiendirektor. "Es ging ihr erstaunlich gut, ich war sehr überrascht, sie so zu sehen", erinnert sich Ahrens, "sie wirkte stabil, das hätte ich nicht erwartet."

Frau Weiss wollte von Ahrens wissen, ob ihr Sohn noch in die laufende elfte Klasse der weiterführenden Schule einsteigen könne, für die er angemeldet war, um nach zwei Jahren die Fachhochschulreife abzulegen. "Ich habe ihr gesagt, dass wir alles versuchen werden, um das möglich zu machen", sagt Ahrens, "der Junge soll nicht auch noch ein Jahr in der Schule verlieren." Die Voraussetzung hierfür sei allerdings: Marco müsse einen Realschulabschluss haben. "Ich wusste nicht, ob er ihn hat, mir war nur bekannt, dass die Lehrer seiner Schule versuchen, Marco den Abschluss zu geben, obwohl er die Abschlussarbeiten verpasst hat."

Eine Ausnahmeregelung für Marco

Der Grund für die gute Laune der Frau Weiss dürfte gewesen sein, dass sie kurz vorher, am 31. August das Realschulabschlusszeugnis für ihren Sohn erhalten hatte. Elke Schießer, die Leiterin von Marcos Schule, hatte es ihr übergeben. "Wir haben am vierten Juli in der Zeugniskonferenz über Marco geredet und uns entschlossen, ihm den Abschluss zu geben, wir haben hierfür beim Kultusministerium von Niedersachsen eine Ausnahmeregelung beantragt", sagt Schießer. Das Kultusministerium habe die Ausstellung des Zeugnisses zunächst gestoppt, so Schießer, "die wollten das davon abhängig machen, ob er schuldig gesprochen wird oder nicht und das erst einmal juristisch prüfen." Noch im August, so Schießer, habe sie dann "einen Wink" erhalten, dass das Zeugnis erteilt werden könne.

"Die entsprechende Verordnung sieht vor, dass dies möglich ist, wenn Marco aus Gründen, die nicht von ihm zu vertreten sind, bis zum Ablauf des Schuljahres nicht an der Prüfung teilnehmen kann und davon auszugehen ist, dass in Deutschland keine Gründe für eine andauernde Untersuchungshaft gegeben gewesen wären", sagt Georg Weßling, Sprecher des Justizministeriums in Hannover.

Rund 180 Stunden Unterricht verpasst

"Marco hat rund 180 Stunden Unterricht verpasst und wir müssen natürlich prüfen, ob er das hinbekommt, doch wenn es irgendwie machbar ist, dann kriegen wir das hin", sagt Horst Ahrens. Und auch den für die elfte Klasse zwingend erforderliche Praktikumsplatz hat Marco nicht verloren: "Wir nehmen ihn natürlich immer noch, wenn wieder hier ist", sagt Peter Meinecke, Geschäftsführer eines Elektrogroßmarkts am Rande von Uelzen, "der Marco kann hier sein Praktikum machen, wir halten ihm seinen Platz frei, der Junge hat ja einen guten Eindruck auf uns gemacht."